Die simulierte Kirche

Nach ihrer Restaurierung wird die berühmte Kathedrale von Chartres wieder aussehen wie vor 800 Jahren. Zahlreiche Fachleute und Kritiker sind empört über dieses «Plagiat».

Neuer Glanz statt Patina: Die Restaurierung der Kathedrale von Chartres ist die teuerste in der Geschichte Frankreichs. Foto: Guillaume Souvant (AFP)

Neuer Glanz statt Patina: Die Restaurierung der Kathedrale von Chartres ist die teuerste in der Geschichte Frankreichs. Foto: Guillaume Souvant (AFP)

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Als sich der Dichter Charles Péguy auf Pilgerfahrt nach Chartres begab, machte er 17 Kilometer entfernt zum ersten Mal die beiden ungleichen Türme der Kathedrale aus – und empfand nichts Geringeres als Ekstase. Zugegeben, Péguy war ein strenggläubiger Katholik. Aber es sind nicht nur Pilgerreisende, die sich seit Jahrhunderten auf den Weg nach Chartres machen, um einen Hauch von Göttlichkeit zu erhaschen. Die Kathedrale hat immer die Romantikerseelen angezogen: Victor Hugo, Alfred de Musset, Joris-Karl Huysmans.

Letzterer, frisch zum Katholizismus konvertiert, veröffentlichte zum Ende des 19. Jahrhunderts «La Cathédrale», einen ganzen Roman, der vornehmlich dem Studium des Bauwerks und seiner christlichen Symbolik gewidmet war. Der deutsche Kunsthistoriker Hans Jantzen frohlockte Ende der 50er-Jahre über das «anschwellende, abschwellende» Licht, das je nach Witterung und Tageszeit die Kathedrale anders ausleuchtete und, ja, glühen liess. Geschätzte 1,2 Millionen Besucher kommen jedes Jahr hierher. Da es sich nur bei einem kleinen Teil um Pilgereisende handelt, bietet die Kathedrale wohl auch ungläubigen Seelen eine leise Ahnung von Transzendenz, und den Verfechtern der transzendentalen Obdachlosigkeit rückt sie Letztere zumindest in ein geheimnisvolles Licht.

Aus Schwarz wird Weiss

Wer die Kathedrale heute besucht, findet ein Bauwerk vor, das sich in einem radikalen Wandlungsprozess befindet: ein Teil der Kathedrale, der Chor, die Chorkapellen und der Chorumgang, sind bereits komplett renoviert und zeigen sich in frischem Beige bis hin zu strahlendem Weiss. Die Querschiffe sind noch immer pechschwarz. Das immense Langhaus, das breiteste Mittelschiff in Frankreich, ist noch in Arbeit und wird von Gerüsten und Planen verdeckt. Der Besucher ist also Zeuge dieser langsamen Transmutation und kann sich das Bauwerk sowohl fertig restauriert vorstellen oder mit seiner alten Patina zu Ende denken. Und genau das ist das Problem: Schwarz und Weiss prallen derzeit so brutal aufeinander, dass man dieses Lifting spontan nur übertrieben finden kann – und der dicken Schicht aus Kerzenruss nachtrauert.

«Skandalrestaurierung»

An bestimmten Stellen hat man den Eindruck, in einer adrett hergemachten anglikanischen Kirche zu stehen und nicht in einem Juwel der gotischen Architektur. Der architektonische Wurf, den die Dunkelheit verschluckt hatte, drängt sich zwar auf ganz neue Weise auf – aber dies zum Preis klinischer Künstlichkeit. Selbst die weiss getünchten Rundpfeiler wirken jetzt wie antike Säulen, denen man zu allem Überfluss auch noch Fugen angemalt hat. Einer der wenigen französischen Kritiker schrieb, man fühle sich wie in einer bayrischen Kapelle, «die alle zehn Jahre von zu emsigen Gemeindemitgliedern in einem Weiss gestrichen wird, das der Farbe geschlagener Sahne gleicht».

Es ist ein Deutscher, der die Restauration anstiess. Ende der 80er-Jahre hatte der Tübinger Konservator Jürgen Michler unter der dicken Kruste aus Russ und Dreck die farbige Ursprungsschicht aus dem 13. Jahrhundert entdeckt: «Die ockergelbe Basis zeigt ein leichtes Motiv falscher Fugen, die weiss gemalt waren und sämtliche Oberflächen des Gewölbes, der Mauern und Pfeiler ausmachte», notierte Michler in seinem entscheidenden Aufsatz, den er 1989 in einem französischen Fachblatt veröffentlichte. An diesen Fund hat man sich ein Vierteljahrhundert später gehalten.

Als Skandalrestaurierung – «a scandalous makeover at Chartres» – hat der US-amerikanische Kunsthistoriker Martin Filler die Restaurierungsarbeiten bezeichnet und mit seinem Artikel in der «New York Review of Books» schon 2014 eine Grundsatzdebatte losgetreten. Im Wesentlichen geht es dabei um die Frage, ob es sinnvoll ist, Bauwerke so stark zu restaurieren, dass sie am Ende wie ein Plagiat aussehen. Der deutsche Kunsthistoriker Willibald Sauerländer, ausgewiesener Kenner der Gotik, spricht von einem vermessenen «postmodernen Spiel mit dem Surrogat» und warnt vor einer «Grenzüberschreitung von der Restauration zur Simulation».

Ist Chartres also dabei, seine Seele zu verlieren? Filler beschreibt in seinem Artikel, wie er dreissig Jahre nach seinem ersten Besuch die Kathedrale in «blendendem Weiss und knalligen Farben» vorfindet, darüber weisse Linien, die den Mörtel zwischen den einzelnen Steinen imitieren sollen. Der zugegebenermassen kitschige Trompe-l’Œil-Marmor im Chor erinnert ihn an ein «Bestattungsunternehmen in Little Italy». Die Kathedrale vergleicht er mit einer alternden Schauspielerin, der man «durch ein Lifting auch nicht ihre Jugend wiedergeben kann».

Fillers Hauptvorwurf geht über Geschmacksfragen hinaus: Die Franzosen hätten die Charta von Venedig nicht respektiert – das zentrale internationale Abkommen zur Denkmalpflege, das die Unterzeichner dazu verpflichtet, keine Restaurierung vorzunehmen, die unwiderruflich ist. In Chartres sei man einem «magischen Denken» erlegen; der Illusion, man könne ein solches Bauwerk originalgetreu wiederherstellen. Was in diesem Fall hiess, die Kathedrale so aussehen zu lassen, wie sie vor 800 Jahren, also im 13. Jahrhundert, ausgesehen haben soll. Nötig sei, so Filler, ein «weltweiter Alarm angesichts dieses fortschreitenden kulturellen Desasters».

Die Kritiker vermuten hinter solchen Restaurierungskonzepten nur Geldinteressen: «Was hier interessiert», schreibt der Kunsthistoriker Didier Ryckner, «ist nicht das Kulturerbe, sondern die Errichtung einer touristischen Attraktion im Stil von Disneyland.» Angeblich, lästert sein Kollege Martin Filler, gebe es Pläne, der Nike von Samothrake wieder einen Kopf und der Venus von Milo Arme anzubringen.

Die Architekten der französischen Denkmalpflege stehen nicht zum ersten Mal in der Kritik. Frédéric Didier, einer der Chefarchitekten des Centre des Monuments Nationaux, hat nicht nur mit der Restaurierung des Metallzaunes vor dem Versailler Schloss den Furor der Kritiker auf sich gezogen. Auch die spätromanische Basilika Sacré-Cœur in Paray-le-Monial, eine der wichtigsten romanischen Kirchen Frankreichs, habe er auf dem Gewissen, seit er sie wegen eines ockerfarbenen Bemalungsrestes aus dem 15. Jahrhundert in «Feuerwehrorange» streichen liess.

Wie im Kino

In der französischen Presse werden die verantwortlichen Architekten erbost zitiert: Filler habe sie nicht einmal befragt. Bittet man sie aber jetzt um eine Stellungnahme, wird man an die Pressesprecher verwiesen. Offenbar geht es um Schadensbegrenzung: Das Projekt, das im Frühling 2009 gestartet wurde, ist die teuerste und umfangreichste Restaurierung in der Geschichte Frankreichs, gegen 14 Millionen Euro sind dafür veranschlagt worden. Ende des Jahres soll das Werk abgeschlossen sein.

Das Mysterium der Kathedrale von Chartres und damit ihre Anziehungskraft hängen fraglos mit dem Lichtspiel ihrer 176 Glasfenster zusammen. Seit die Wände weiss sind, hat es sich stark verändert. Michel Petit, renommierter Glaswerker im Ruhestand, der nicht nur die Fenster von Chartres, sondern auch die in der Sainte-Chapelle in Paris restauriert hat, gibt zu bedenken: «Die Wände sind zu hell, die Glasfenster verlieren ihre Macht.» Und ein Kunstkritiker des «Figaro» geht sogar noch weiter: «Die Glasfenster von Chartres zu bewundern, das wird bald heissen, sie wie einen Film in einem Kinosaal zu sehen, der voll beleuchtet ist.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 19:21 Uhr)

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