Eine Scheune für Big Data

Der japanische Architekt Kengo Kuma hat das ArtLab auf dem Campus der ETH Lausanne gebaut. Besucher können darin die Digitalisierung studieren.

Holzbau und Industrie­ästhetik vereint unter einem Dach.

Holzbau und Industrie­ästhetik vereint unter einem Dach. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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250 Meter streckt sich das Satteldach über den Campus der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), als habe jemand eine Scheune in die Länge gezogen. Doch das holzverschalte ArtLab ist kein Heu-, sondern ein Datenschober. Im Gebäude vermittelt die Hochschule einer breiten Öffentlichkeit, wie Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften zusammenfinden. Die Brücke zwischen linker und rechter Hirnhälfte schlägt Big Data. Oder architektonisch gesprochen: das grosse Dach. Der japanische Architekt Kengo Kuma konterkariert den digitalen Zukunftsglauben mit dem Urelement der Baukunst, als wolle er die flüchtige IT-Branche erden. Es ist das erste Gebäude in der Schweiz des 62-Jährigen, der bisher vor allem in Japan, China und Frankreich gebaut hat und der für seine Kombination aus japanischer Sensibilität und dekonstruktivistischem Furioso bekannt ist.

Mit dem Gebäude verabschiedet sich EPFL-Präsident Patrick Aebischer, der Ende Jahr an Martin Vetterli übergibt. Er hat den Campus in den letzten 15 Jahren geprägt: Während an der ETH Zürich Bauten vor allem dazu da sind, Raum ­abzufüllen, versteht Aebischer Architektur als PR-Massnahme. Die Gebäude sollen der EPFL im globalen Forschungswettbewerb ein Gesicht geben.

Am pointiertesten gelang dies dem ­japanischen Büro Sanaa mit dem Rolex Learning Center, dessen gekrümmter Boden die Vorstellung einer Bibliothek ins Wanken brachte. Danach folgten ­weniger subtile, aber ebenso expressive Bauten der lokalen Architekten Richter Dahl Rocha oder von Dominique Perrault aus Paris. Es war also ganz in ­Aebischers Sinne, als Kengo Kuma 2012 den Wettbewerb für das ArtLab gewann: Ein grosser Name schlägt ein grosses Haus vor.

Unentschiedene Architektur

Das Gebäude schliesst nun die Place ­Cosandey neben dem Learning Center ab und bleibt dank der Durchgänge ­dennoch durchlässig. Das Vordach, das die Fussgänger begleitet, wahrt den menschlichen Massstab – trotz der Dimension des Gebäudes. So viele Architekturtouristen wie die fliessende Bibliothek von Sanaa wird das ArtLab aber nicht anlocken. Dafür ist Kengo Kuma zu unentschieden: Als wollte er die Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft in Architektur transponieren, kombiniert er traditionellen Holzbau mit Industrieästhetik und gibt dem ­Ganzen mit dem geknickten Dach einen futuristischen Kick.

Sinnbildlich für dieses Vermengen stehen die Stützen, die einen Holzkern zwischen zwei Metallflächen zwängen. Das Resultat: Der Bau ist weder so schlank wie ein Stahlbau noch so gemütlich wie ein Chalet, das Kengo Kuma als Ausgangspunkt für seinen Entwurf arg folkloristisch heranzieht.

Zwischen den Welten steht man auch im Gebäude selber, das drei Bereiche ­beherbergt. Im Montreux Jazz Café sind über 10'000 Videobänder aus dem Archiv von Claude Nobs digitalisiert. Im zweiten Abschnitt, in der Ausstellung «Noir c’est noir?», können Besucher die Schwarzbilder von Pierre Soulages mit moderner Technik unter die Lupe nehmen. Im DataSquare schliesslich zeigt die EPFL, was Big Data für die Wissenschaft selber bringt – und zwar mit zwei ihrer Prestigeforschungen: Das Blue Brain Project baut das menschliche Gehirn virtuell nach; die Venice-Time-Maschine digitalisiert 1000 Jahre der italienischen Lagunenstadt. Grossprojektionen erklären, wie die Tonnen von Bytes helfen, die Welt besser zu verstehen. Am Ende legt sich die EPFL selber in den Röntgenapparat. Am Bildschirm kann man die 10'000 Studenten und Angestellten der Hochschule visuell überwältigend hinsichtlich Alter oder Herkunft durchleuchten. Jeder Punkt steht für eine – anonymisierte – Person.

Das ArtLab verortet Big Data ziemlich spektakulär. Gerade darin liegt jedoch der Anachronismus des Vorhabens. Daten kennen kein Zuhause. Dazu passt, dass weder die famose Datenvisualisierung noch das Montreux-Jazz-Archiv ­bisher im Internet verfügbar sind. Wer damit spielen will, muss darum ganz wie früher erst durch die physische Welt nach Lausanne reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2016, 18:04 Uhr

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