Hauptsache Backstein

In Berlin plant der Deutsche Werkbund eine ganze Stadt. Gebaut wird in Charlottenburg – von 33 verschiedenen Architekturbüros.

1100 Wohnungen auf einem ehemaligen Tanköllager: Modell der Werkbundstadt in Berlin-Charlottenburg. Foto: Stefan Müller

1100 Wohnungen auf einem ehemaligen Tanköllager: Modell der Werkbundstadt in Berlin-Charlottenburg. Foto: Stefan Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie wollen wir heute wohnen? Diese Frage stellt der Deutsche Werkbund seit seiner Gründung 1907 (und der Schweizerische seit 1913) und beantwortet sie ganz konkret mit Mustersiedlungen, etwa in Zürich 1932 mit der Überbauung Neubühl. Dieser Tradition folgt nun der Werkbund in Berlin, wo er ein neues Quartier bauen will. Geplant ist allerdings keine Werkbundsiedlung, sondern eine Werkbundstadt. Nachdem die Streusiedlung zum 100-Jahr-Jubiläum des Werkbundes in München 2007 gescheitert ist, macht er rechts­umkehrt und verkündet: Urban ist die Zukunft, denn für alles andere fehlt es uns an ­Boden, an Energie und an gesellschaftlichem Kitt.

Gebaut wird also nicht am Stadtrand, sondern zentral in Charlottenburg an der Spree, neben einer riesigen denkmalgeschützten Heizzentrale unweit der AEG-Turbinenfabrik, mit der Peter ­Behrens 1909 den Funken der Moderne entzündete. Auf einem ehemaligen Tanköllager sollen 1100 Wohnungen entstehen, ein knappes Drittel davon preisgünstig. Das Quartier wird dicht, mit ­sieben und mehr Geschossen. Es wird relativ durchmischt, ein Viertel soll ­Gewerbe sein. Und es wird vergleichsweise autoarm, mit halb so vielen Parkplätzen wie Wohnungen.

Die Werkbundstadt ist ein gewaltiges Gemeinschaftswerk. 33 Architekturteams – ebenso viele wie 1927 bei der ­berühmten Weissenhof-Siedlung in Stuttgart – sind angetreten, sechs davon haben Büros in der Schweiz. Wer mitmachen durfte und wer nicht, entschied der Werkbund ohne klare Kriterien. Es sei eine Mischung aus jungen und alten, kleinen und grossen Büros mit unterschiedlichen stilistischen Präferenzen, sagt Paul Kahlfeldt, Vorsitzender des Deutschen Werkbundes. In sieben Klausuren haben die Büros Städtebau und Architektur am grossen Tisch ausgeklügelt – ohne Honorar, versteht sich. Das Resultat ist eine stimmige Mischung aus vier Blockrändern, drei Hochhäusern und einem langen Riegel. Der Städtebau definiert klare Strassenräume und einen zentralen Platz.

Munterer Stilmix

Jedes der 33 Büros baut nun ein Gebäude. Die Projekte sind bis zum 27. November in einem Wohnhaus ausgestellt, das als Einziges auf dem Grundstück ­stehen bleibt; ein zukunftsweisendes Nagelhaus sozusagen. Eine zweite Ausstellung blickt zurück auf die bewegte Geschichte der Werkbundsiedlungen; zu beiden Schauen sind Kataloge erschienen. Der Werkbund zeigt einen ersten Zwischenstand der Entwürfe, deren Qualität beträchtlich variiert. Bei manchen könne man sich fragen, «wieso die überhaupt dabei sind», wie Kahlfeldt in einem Interview meinte. Noch bleiben zudem viele Fragen zur Finanzierung, zum Baurecht oder zum Zeitplan offen.

Wie also wollen wir heute wohnen? Hinter Backstein, sagt die Werkbundstadt. In Anlehnung an die Industriebaukultur Berlins einigten sich die 33 Architekten auf ein Fassadenmaterial, an das sich alle halten. Das Spektrum reicht vom monumentalen Backsteinturm bis zur Glasfassade, deren Fenster alibimässig mit Ziegeln umrandet sind. Viele Architekten nehmen das Material zum Anlass, eine gehörige Portion Historismus in ihre Projekte zu streuen, angefangen mit Hans Kollhoff, der wie gewohnt mit Giebelfassade und Sockel arbeitet. Bei seinen Kollegen finden sich steile Satteldächer, gotische Spitzbögen oder postmoderne Rundbögen.

Munter mischen sich die Stile zu einem bunten Gemenge, das der Backstein als kleinster gemeinsamer Nenner ­solide zusammenhält. Einige Architekten lassen sich vom Ziegel zu formalen Eskapaden hinreissen, auf dass die Ecken zucken und die Rundungen schwingen. Ausgerechnet Arno Brandl­huber, der mit seiner rohen Antivilla bei Berlin die hohen Baustandards pointiert infrage stellte, umhüllt sein Haus mit einem ornamentierten Ziegelschleier, den das Treppenhaus expressiv zum Hof ausstülpt. Brandlhuber, der Mann für Firlefanz? Nur zur Schau, beruhigt ein Blick auf die Grundrisse, bei denen der Architekt Maisonette­wohnungen interessant mit Schottenbauweise kreuzt.

Auf Schönbauen beschränkt

Solche Neuinterpretationen im Grundriss muss man allerdings lange suchen. Viel lieber wird da dem bürgerlichen Wohnen gefrönt, auch bei den Schweizer Beiträgen. E2A Architekten aus Zürich etwa zeichnen Enfiladen, die vier Räume durchspannen; das Basler Büro Jessenvollenweider widmet sich dem Thema Erker.

Volker Staab aus Berlin ist einer der wenigen, die den Grundriss mit Jokerräumen, Kleinst- und Clusterwohnungen oder hybriden Nutzungen zeitgemäss überdenken. Und das Stuttgarter Büro Lederer Ragnarsdottir Oei denkt bei der Nutzung als Einziges über die eigene Parzelle hinaus. Sein gemeinschaftlicher Dachgarten verläuft über mehrere Häuser und ist über eine grosse Wendeltreppe erschlossen, die zum Treffpunkt wird.

«Die Architektur leidet unter einem Mangel an sozialen Inhalten», schreibt Arno Lederer im einzigen Projekttext im ganzen Buch und stösst damit direkt zum Grundproblem der Werkbundstadt vor: Sie bleibt auf das Schön(oder weniger schön)-Bauen beschränkt und verschliesst die Augen vor den wahren ­Herausforderungen. Gerade diese aber rufen nach einer «guten Gestaltung», wie sie der Werkbund seit der Gründung proklamiert. Wie können mit Foto­voltaik gute Fassaden entstehen? Wie mit engem Budget gute Wohnungen? Wie trotz Individualismus ein gutes ­Zusammenleben? Kurz: Was kann Baukultur zur Nachhaltigkeit beitragen?

Gerade der Werkbund könnte mit ­seiner Vernetzung zu Industrie und Handwerk zu möglichen Lösungen beitragen. Wie man umfassend nachhaltig baut, hat die Siedlung «Mehr als Wohnen» auf dem Hunziker-Areal in Zürich vorgemacht, indem sie mit Wohnungsgrundrissen experimentierte, neue Bautechnologien ausprobierte und mit Gemeinschaftsräumen die Nachbarschaft animiert.

Bewährte Muster

Die Berliner Werkbundstadt ist ein mutiges Projekt, weil es viele Architekten an einen Tisch bringt, weil es die solide Konstruktion hochhält, weil es verdichtet – ohne staatliche Unterstützung. Doch es liefert keine neuen Impulse, so wie 1927 die Weissenhof-Siedlung. Der Werkbund adaptiert und konserviert ­bewährte Muster von Stadt und Architektur. Das reicht aber nicht. Wer Stadt statt Siedlung ruft, muss mehr als die Frage nach dem schöneren Wohnen ­beantworten. Mit dem kleinen Wortwechsel macht der Werkbund klar: Der Anspruch ist gross. Einlösen kann er diesen nicht – jedenfalls noch nicht.

Die beiden Ausstellungen dauern bis zum 27. November 2016. www.werkbundstadt.berlin (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 00:18 Uhr

Artikel zum Thema

Vergessene Architekturschätze

Die Ausstellung «Italomodern» in Winterthur zeigt Nachkriegsarchitektur in Oberitalien. Die Bauten streben nach dem Unerwarteten – und dem Witzigen. Mehr...

Die Formenfantastin

Die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid zerriss die Traditionen der Architektur mit ihren Geometrien. Nun ist sie 65-jährig gestorben. Mehr...

Mit Architektur die Welt retten

An der Architekturbiennale Venedig berichtet Kurator Alejandro Aravena aus den Krisengebieten des Bauens. Fernab vom Starsystem gewinnt seine Profession dort ihre gesellschaftliche Relevanz zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Berufsbegleitend. flexibel. digital.

Berufstätige wollen zunehmend zeit- und ortsunabhängig studieren.

Kommentare

Blogs

Blog Mag Fazit der Beschleunigung

Von Kopf bis Fuss Wenn Kilos das Lebensgefühl bestimmen

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Die Frisur muss sitzen: Ein Sadhu wickelt sich vor dem Pashupati Tempel in Kathmandu sein verfilztes Haar um den Kopf (24. Februar 2017).
(Bild: Narendra Shrestha) Mehr...