Wärst du doch hier

Von Anfang an haben Pink Floyd ihre Musik visualisiert. Das Victoria & Albert Museum in London zeigt eindrücklich, wie gut ihnen das gelungen ist.

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Der bleibende Eindruck dieser Ausstellung über die introvertierte, intelligente, so sehr englische Gruppe mit über 200 Millionen verkauften Platten, eine Ausstellung, zu der die Leute schon kurz nach Eröffnung in langen Schlangen anstehen: die schiere physische Präsenz des Dargebotenen.

Schön wars: «Wish You Were Here» (Audio, 1975). Quelle: chartrand's channel (Youtube)

Natürlich bekommt man im «Victoria & Albert»-Museum auch zu sehen, was an solchen Anlässen zu erwarten ist: Konzertplakate an den Museumswänden, mit denen Pink Floyd auf Tournee gingen; einen rührenden Brief der frühen Songschreibers Syd Barrett an seine Freundin; den handgeschriebenen Text von Roger Waters von «Another Brick in the Wall» in seiner steil rückwärts gerichteten Schrift. Gitarren liegen eingesargt unter Glas, Effektgeräte, die so alt ausehen wie die letzte Eiszeit, rosten der nächsten entgegen, Bilder zeigen die Musiker auf der Bühne, bei der Arbeit im Studio. Stimmen murmeln aus dem Kopfhörer, sakrale Orgeln klingen, das Publikum schaut andächtig, es geht zu wie in einer Kirche ohne Gott.

Es geht zu wie in einer Kirche ohne Gott.

Je weiter man in diese verwinkelte Ausstellung vordringt, desto deutlicher wird die Dominanz der Requisiten, mit denen Pink Floyd ihre Konzerte bestückten. Da ist das fliegende Schwein und die fliegenden Schafe, groteske Lehrerfiguren ragen als dreidimensionale Comics, in die Höhe eine weisse Mauer steht, die während des Konzertes aufgebaut und eingerissen wurde. Selbst ein Modell der Battersea Power Station ist zu sehen, dem ehemaligen Kohlekraftwerk an der Londoner Themse, mit dem Pink Floyd ihr bitteres Album «Animals» illustrierten. Flugschwein inklusive.

Architekten unter Strom

350 Exponate sind museal aufbereitet, darunter die kühnen, vom befreundeten Grafikerteam Hipgnosis gestalteten Plattenhüllen wie «Atom Heart Mother» oder «Dark Side of the Moon», aber auch Konzertausschnitte aus einem leeren Amphitheater von Pompeji. Die Darbietungen bestätigen es immer wieder: Pink Floyd waren an an der Visualisierung ihrer Musik ebenso interessiert wie an der Musik selber.

«Astronomy Domine», damals noch mit Syd Barrett (Audio, 1967). Quelle: The Dark Side Of The Moon (Youtube)

Dabei dachten sie in Räumen. Schliesslich hatten drei der Gründungsmitglieder Architektur studiert. Ihre musikalische Karriere lässt sich somit als Vertonung von visuellen Einfällen verstehen. So wird sie im V&A auch nachinszeniert. Pink Floyd gehörten zu den ersten Gruppen der Sechziger, die mit halluzinatorischen Light-Shows und Trockeneisnebel experimentierten. Später erweiterten sie ihre Musikanlage zu einem quadrophonischen System, welches das Publikum von allen Seiten beschallte. Je mehr Erfolge die Gruppe erreichte, desto aufwändiger geriet ihre Show. Zuletzt kam es einem vor, als würden die Musiker von ihren eigenen Requisiten erdrückt.

Als der Bruch einsetzte

Dabei hatten sie selber es lieber anonym. Noch auf ihrer «In the Flesh»-Tournee von 1977, als sie schon weltbekannt waren, konnten die Musiker die Halle zusammen mit dem Publikum verlassen, ohne dass jemand sie wiedererkannt hätte. Zu dieser Zeit kamen sich die vier auch selber abhanden, zuerst als Freunde und dann als Partner. «Wish You Were Here», heisst ihr melancholisches Album von 1975, als der Bruch zwischen ihnen einsetzte. Es ist eine Platte über die Abwesenheit, in der Ausstellung mit Variationen der Plattenhülle und Interviews thematisiert.

«Another Brick in the Wall (Part 2)», Videoclip (1979). Quelle: mongchilde (Youtube)

Das letzte Album in der klassischen Besetzung, «The Final Cut» von 1983, geriet faktisch zum Soloalbum von Roger Waters und ist ungeniessbar. Dasselbe gilt für alles, was Waters als Solist und Pink Floyd als Restband veröffentlicht haben. Waters fehlt das melodische Gespür, Gitarrist Gilmour das konzeptuelle Interesse.

Auch die Texte von Pink Floyd handeln von Räumen, wenn auch psychologisch. Auf ihren vier grossen Alben «Meddle», «Dark Side of the Moon», «Wish You Were Here» und «The Wall» thematisierte die Band die wachsende Distanz zwischen den Menschen: das Gefühl des Eingesperrtseins, die Erfahrung, sich selber abhanden zu kommen. Wie es Roger Waters einmal gesungen hat auf «If», einer scheuen Ballade von 1970, in der er sich, der Misanthrop, ungewohnt sanft gab: «If I were a good man, I’d understand the spaces between friends.» Wäre ich ein guter Mensch, ich würde den Abstand zwischen Freunden verstehen.

Stille, englische Verzweiflung

Die fahle Zeile bestätigt weiter, was die Ausstellung mit dem morbiden Titel «Their Mortal Remains» (sterbliche Überreste) im Victoria & Albert Museum dokumentarisch, inszenatorisch und multimedial brillant einlöst: die Räumlichkeit einer Musik erlebbar zu machen, die mit einfachen Harmonien komplexe Gefühle vertont. Von schimmernd schönen Klängen unterlegt, besangen Pink Floyd das Ausharren in stiller Verzweiflung als englische Art: «Hanging on in quiet desperation is the English way.» Keine Band hätte sich für eine so plastische Ausstellung besser geeignet. Sie versöhnt das Künstlerische mit dem Kommerziellen.

«Time», live am Earl's Court in London (1994). Quelle: DavidGilmourHD (Youtube)

Diese Versöhnung macht auch die beste Arbeit von Pink Floyd aus. Das Quartett vermochte Themen wie Angst, Wahn oder Wut so zu vertonen, dass ein globales Publikum die Musik wie einen Mantel empfing, den der Einzelne um sich legen konnte. Im letzten, grössten Saal der Ausstellung wird dieser Gegensatz zwischen Trost und Leere zur Aufführung gebracht. Man sieht Pink Floyd auf Grossleinwand beim letzten Stück ihres letzten gemeinsamen Auftritts. Das war am «Live 8»-Benefizkonzert im Juni 2005 in London.

Das letzte Stück zum letzten gemeinsamen Auftritt: «Comfortably Numb» am Live-8-Konzert im Juni 2005. Quelle: TicketListers (Youtube)

Die vier stehen auf der Bühne und spielen «Comfortably Numb», Roger Waters Erinnerung an einen Fieberrausch, den er als Kind durchlitt. Die Stimme des Arztes dringt aus weiter Ferne zu ihm, seine Hände fühlen sich an wie Ballone. Der Schmerz des Kindes ist gewichen, das stumpfe Gefühl des Erwachsenen ist geblieben: Er spürt nichts mehr. «I’ve become comfortably numb», singt David Gilmour und greift in seine Gitarre. Der Song verklingt, die Leute rasen, die Musiker danken, winken, gehen für immer auseinander. Pink Floyd were there, wish you were here.

Pink Floyd: Their Mortal Remains. Victoria & Albert Museum, London. Bis 1. Oktober. Reservation: www.vam.ac.uk (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 16:01 Uhr

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