Zwischen Grabschern und Machos

Das moderne Arbeitsleben als Groteske: Barbara Frey hat Lukas Bärfuss' «Frau Schmitz» uraufgeführt.

Barbara Frey lässt ihre Figuren brav auf Stühlen ausharren, bis das Spotlight ihnen das Zeichen zum Auftritt gibt. Foto: Matthias Horn

Barbara Frey lässt ihre Figuren brav auf Stühlen ausharren, bis das Spotlight ihnen das Zeichen zum Auftritt gibt. Foto: Matthias Horn

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Frau Schmitz» ist ja im Grunde das Stück der Stunde. Da hat US-Präsidentschaftskandidat Donald Pussygrapscher Trump seinen Sexismus ins Hot Mic hinein- und so ins Rampenlicht hinausgeschwafelt; da haben jetzt Frauen überall auf dem Globus ihre schlimmen Erfahrungen öffentlich gemacht, auch hierzulande unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei. Und nun dreht das am Pfauen uraufgeführte Drama des Wahlzürcher Autors Lukas Bärfuss die Genderfrage und die Sache mit der Antastbarkeit der Würde des Menschen im ganz normalen Arbeitsalltag weiter, zu einem abgründig lüpfigen Klischee-Variété. «Frau Schmitz» treibt schwarze Spässe über die Verhandlungen, Verwandlungen und Verlorenheiten eines Lebens im globalen Dorf, wo alle buchstäblich ihre Haut zu Markte tragen müssen.

Darum hat die Regisseurin und Schauspielhausintendantin Barbara Frey die neun Figuren auch auf neun Stühlen an der Rampe aufgereiht, wo sie brav im Dunkel ausharren müssen, bis das Spotlight ihnen jeweils das Zeichen zum Auftritt gibt: Castingshow, Sklavenmarkt oder Arbeitswelt, das nimmt sich nicht viel, erzählt das Bühnenbild von Bettina Meyer. Die Firma muss funktionieren, der Chef den Nutzen des Personals maximieren – und Markus Scheumanns grandios narzisstischer Rolf hat für diesen Job allerlei flotte Sprüche und Schuldzuweisungen parat, die er, je nach Situation, geschmeidig aus dem grau glänzenden Anzugärmel schüttelt.

Ein Mann in Frauenkleidern

Die Situation am Anfang ist eine «Schieflage» der Firma. Und schuld ist, irgendwie, Sven, der Indien-Projektleiter – Gottfried Breitfuss im babyblauen Kunstfaser-Outfit, der mit quieksender Pennälerstimme um eine zweite Chance bettelt. Im Werk eines indischen Zulieferers gab es einen Unfall und dadurch einen Produktionsausfall. Endabnehmer wäre «der Saudi» gewesen; vertraglich gebunden ist Rolfs Unternehmen, welches jetzt rasch einen Ersatzproduzenten aufzutreiben versucht, um einer Konventionalstrafe zu entgehen.

Eine Fabrik in Karachi bietet sich als Notnagel an, aber irgendwer muss mit «dem Pakistani» verhandeln, und die personellen Ressourcen sind knapp. Sven wird abgestraft, er benötige einen Mann dort, keinen Schwächling, sagt Rolf; da bleibt nur Frau Schmitz. Die ist ein Mann – in Frauenkleidern.

Und dieses Schweigen!

Das verlangt natürlich nach einem politisch korrekten und dennoch glasklaren Sprechakt durch den Chef: «Frau Schmitz, ich brauche Sie dort unten. Aber so, verstehen Sie, so kann ich Sie nicht schicken. Verstehen Sie. Die sind nicht so weit wie wir. Kulturell und so weiter. Uns ist das egal, auf Äusserlichkeiten können wir pfeifen, solange das Innere intakt ist. Und das ist es ja. Bloss der Pakistani sieht das nicht.» Der Chef spricht, die Schmitz schweigt.

Und wie die schweigt, die Friederike Wagner! Sie ist beinahe anderthalb Stunden lang stumm, diese obenrum gerüschelte und untenrum gefältelte schimmernde Projektionsfläche (für die plastifizierten Kostüme zeichnet Bettina Walter verantwortlich). Und doch macht Wagners Frau Schmitz einen starken Eindruck – viel stärker, als wenn sie sich gewehrt und aufbegehrt hätte. Ihre braune, biedere Aktentasche, der Ausweis ihrer Kompetenz, ist ihre einzige Waffe, sie trägt sie immerzu vor sich her; nur einmal, in äusserster Not, schlägt sie dem übergriffigen Kollegen Julius damit auf die Nase – Milian Zerzawy als verdruckstem Grapscher, der hinter seinem Beschützergestus mehr schlecht als recht den Macho verbirgt. Die Typen und Typisierungen, man kennt sie allzu gut, und sie lassen allzu kalt.

Alle Sehnsüchte laufen ins Leere

Barbara Frey und Lukas Bärfuss haben jedes Empörungspathos weiträumig umfahren und jede derb im Dreck wühlende Posse ebenso. Ihre bissige Komödie mit den entlarvenden Sätzen und den noch entlarvenderen Pausen bewegt sich in Höhen, in denen die Luft dünn und das Dasein in den Niederungen nur als Spiegelung zu sehen ist; man könnte es leider auch aseptische Selbstironie nennen - und die berührt uns kaum. So werden über den knapp vierzig Szenen in Stummfilm­tafeln die Szenentitel eingeblendet, beispielsweise «Das intakte Innere» oder «Produktive Zerstörung». Und zwischendurch durchbrechen wunderbar ziselierte und disziplinierte barocke Klänge aus Alison Balsoms Bach-Trompete das barbarische Geschehen auf der Bühne: Hier werden Tonkörper gestaltet, da Menschenkörper zugerichtet.

Wie jener von Frau Schmitz. Diese wird von ihrer Ehefrau Leni widerwillig als Mann in Anzug und Krawatte ausstaffiert (Susanne-Marie Wrage): Die Rollenverteilung ist auch in der unkonventionellen Partnerschaft supertraditionell. Einzig, dass Lenis Liebe langmütig und gütig ist, (fast) alles erträgt und glaubt und hofft, katapultiert sie aus unserer Welt hinaus. Tochter Valerie dagegen, Lisa-Katrina Mayer in Söckchen und Minikleid, kann kaum begreifen, dass ihre komische «Papafrau» sich aus Geschäftsgründen in einen «Papamann» verwandelt. Und der Fummelfreund an Valeries Seite mit seinen pseudotoleranten Kommentaren und seinen pornografischen Fantasien tröstet sie wenig (Dominik Maringer).

Alle Sehnsüchte laufen in «Frau Schmitz» ins Leere, während das Karussell des Identitäten-Irrsinns immer schneller weiterwirbelt. Die Personalerin als einzige Frau in Hosen – eine grossartige Carolin Conrad – verzehrt sich nach dem Schmitz-Mann. Der jedoch lässt sich nach dem Pakistan-Trip komplett zur Frau umbauen. Indien-Projektleiter Sven wiederum begehrt die brunhildeske Personalerin und lässt sich, vergeblich, die Ohren operativ vermännlichen. Der rachsüchtige Grapscher Julius seinerseits zerschneidet der umgebauten Schmitz-Frau das Gesicht: Mit der wüsten Narbe sind ihre weiblichen Reize dahin, der Arbeitsplatz ebenso. Letzte Chance auf dem Arbeitsmarkt: noch mehr kosmetische Chirurgie, die Frau Schmitz wieder mehr Männlichkeit verpasst – und Lambert Hamel ein Finale als grausliger Freak beziehungsweise Frau Schmitz Nr. 2.

Manchmal witzig

Lukas Bärfuss hat mit diesem Stück unser Arbeitsgestrampel, Beziehungsgehampel und Geschlechterstereotyping bis zur Kenntlichkeit verzerrt und zur Abnormitätenshow gesteigert. Und Regisseurin Frey bugsiert diesen hochgefreakten, hochgetunten Alltag in eine kluge, komödiantisch rhythmisierte Filmpersiflage. Das ist manchmal witzig, aber stets arg weit weg, in den Hügeln von Karachi oder so. Die Geschichte betrifft uns alle, bloss – sie trifft uns nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2016, 08:43 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir sehen das Sterben des Nationalstaats»

Interview Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss sagt, dass in einer globalisierten Welt Gebilde wie die Eidgenossenschaft bedeutungslos werden. Mehr...

«Die Schweiz ist des Wahnsinns»

Die Kontroverse um Lukas Bärfuss und seine Schweiz-Kritik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Blogs

Outdoor So bewegen wir Facebook-Freunde

Blog Mag Originalität macht noch keine Kunst

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Bunt und laut ins neue Jahr: Junge Hindus versammeln sich mit Trommeln in Mumbai, um gemeinsam Gudhi Padwa zu feiern. Dabei handelt es sich um Neujahrsfest, das sich nach dem hinduistischen Lunisolarkalender richtet. (28. März 2017)
(Bild: Punit Paranjpe) Mehr...