Blasphemie ist kein Grundrecht

Nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» gingen Millionen auf die Strasse. Für den Soziologen Emmanuel Todd hat diese Solidarität auch ihre Schattenseiten.

«Die Mittelklasse geilt sich an ‹Charlie› auf», sagt Todd. Demonstration in Paris. Bild: Laurent Cipriani (Keystone)

«Die Mittelklasse geilt sich an ‹Charlie› auf», sagt Todd. Demonstration in Paris. Bild: Laurent Cipriani (Keystone)

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1976 sagte er in seinem Buch «Vor dem Sturz» den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus, 2002 verfasste er einen Nachruf auf die «Weltmacht USA», und 2008 zeigte er in «Die unaufhaltsame Revolution», wie die Moderne die in der Tradition verhaftete islamische Welt verändern. Mit Emmanuel Todd muss man also rechnen, und das nicht zuletzt deswegen, weil er selber gern rechnet.

Der 65-jährige Publizist ist einer der wenigen Geisteswissenschaftler, die mit einer Unmenge von Zahlen und Daten ans Werk gehen und erst nach Sichtung des Materials seine Schlüsse zieht. Er ist ein Datenjournalist avant la lettre, der mit Tabellen und Statistiken auch gegen Mehrheitsmeinungen anschreibt. Während andere zu hochtrabenden Thesen neigen, zieht es Emmanuel Todd zu nüchternen Fakten und der Empirie. In vielen Fällen ist dies desillusionierend: Die Demografie ist ein Feind der Ideologie und der Demograf das Gegenteil ­eines Demagogen.

Nun legt Todd, der seit 1984 am Institut National d’Etudes Démographiques in Paris arbeitet, ein Buch vor, das für einmal nichts voraussagt, sondern einen Blick zurückwirft auf eine der grössten Solidaritätsbewegungen in der jüngeren Geschichte Frankreichs. Todd fragt sich, wieso auf einmal Linke und Rechte, die sonst Wert auf Dis­tanz legen, Arm in Arm durch die Pariser Strassen ziehen, um nicht nur ihre Trauer über die Opfer der Terroranschläge vom 7. Januar 2015 auszudrücken, sondern auch auf die Freiheit zu pochen, die Religionen der Lächerlichkeit preiszugeben. Diesen Anspruch auf das Recht zur Blasphemie ist es, den Emmanuel Todd kritisch befragt in seinem neuen Buch «Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens», dessen Originaltitel noch besser auf den Punkt bringt, worum es geht: «Qui est Charlie? Sociologie d’une crise religieuse».

Krise des Katholizismus

Emmanuel Todd, historisch wie demografisch argumentierend, sieht den Katholizismus in seinem Heimatland in einer grossen Krise. «94 Prozent der französischen Bevölkerung mit christlichen Wurzeln ist von der spirituellen Orientierungslosigkeit betroffen.» Auch im Leben der weltlich orientierten Franzosen sei nach dem Untergang der Kirche eine Leere eingetreten. Mangels metaphysischer Orientierung befänden sie sich in einem psychisch labilen Zustand, in dem die Suche nach einem Sinn und Halt gebenden Gegner virulent werde. Und als solcher biete sich heute mehr denn je der Islam an, der perfekt in die Rolle des Sündenbocks passe.

Die französische Identität, so seine These, sei weggerückt von der revolutionären Trinität Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und verknüpft mit dem vermeintlichen Recht auf Gotteslästerung: «Die Republik, der neues Leben eingehaucht werden sollte, stellte ins Zentrum ihres Wertesystems das Recht auf Blasphemie, unmittelbar umgesetzt in der Pflicht, die Symbolgestalt einer Minderheitsreligion zu verunglimpfen, die von einer benachteiligten Gruppe getragen wird. Millionen Franzosen drängte es auf die Strassen, um das Recht, auf die Religion der Schwachen zu spucken, als das vordringliche Bedürfnis ihrer Gesellschaft zu definieren», schreibt Todd.

Der Autor kritisiert die Selbstvergewisserung angesichts eines klar umrissenen Feindes, zumal sie den Faktor Zeit nicht genügend in Rechnung stelle: «Wir müssen eher auf die Zeit als auf die Ideologie setzen, wenn es darum geht, Spannungen abzubauen und menschliche Beziehungen zu befrieden.» Es sei problematisch, in einer gesellschaftlich und politisch aufgeheizten Situation anstössige ­Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen – eine Praxis, von der die meisten Staaten abgesehen hätten. «Die angloamerikanische Presse weigerte sich, den ‹Charlie› vom 14. Januar 2015 (das Heft nach den Anschlägen, Anm. der Red.) abzudrucken. Die Russen, die Japaner, die Chinesen wie auch die Inder bewerteten die französische Haltung einhellig als überflüssig beleidigend und insgesamt sogar als ­unanständig.»

Anstachelung zu Hass

In dem fast verzweifelten Pochen auf das Recht, nicht nur seine Meinung frei äussern, sondern auch religiöse Gefühle von anderen Menschen verletzen zu dürfen, sieht Emmanuel Todd eine historisch begründete Schwäche. Frankreich, das von seinem Glauben entleert sei und tief enttäuscht über den Ersatzgott, den zum Scheitern verurteilten Euro, schlägt um sich und trifft nicht den Starken in der EU, Deutschland, sondern den Schwachen in den eigenen Reihen. Dies alles tut Todd in dem Bewusstsein, dass nichts die Morde entschuldigen, aber vieles sie erklären kann.

Er weist darauf hin, «dass das Recht, die eigene Religion zu verhöhnen, nicht mit demjenigen auf Verhöhnung der Religion anderer zu verwechseln sei, vor allem nicht im schwierigen sozioökonomischen Umfeld der gegenwärtigen französischen Gesellschaft.» Wiederholte systematische Blasphemie bewertet er als Aufstachelung zum religiösen, ethnischen oder rassistischen Hass. Statt auf Toleranz setze Frankreich vermehrt auf Fremdenhass, was sich auch in den zunehmenden antisemitischen Anschlägen manifestiere.

Im Mai dieses Jahres kam das Buch in Frankreich auf den Markt. Emmanuel Todd wurde für seine kritische Haltung heftig attackiert. Am meisten beschäftigt hat den Intellektuellen die Tatsache, dass die Meinungsfreiheit, für die Millionen Menschen, welche es doch nur gut meinten, demonstrieren gingen, für ihn nun nicht mehr gültig sein sollte. «Zum ersten Mal in meinem Leben empfinde ich mein Recht auf Meinungsfreiheit bedroht», sagte er in einem Interview.

Todd, der sich wegen der Verbalattacken seit ­einem halben Jahr aus der Öffentlichkeit zurück­gezogen hat, ist aber sicher, dass seine Analyse ­zutrifft: «Die Mittelklasse geilt sich an ‹Charlie› auf, aber sich davon nicht blenden zu lassen, ist eine ­intellektuelle Leistung.» Auch in dieser Hinsicht könnte sich Todd als politischer Prophet erweisen. Es wäre nicht das erste Mal.

Was darf Satire? Magi Wechsler, Peter Gut und Peter von Matt diskutieren an der ETH Zürich an der Rämistrasse 101. Das Podium findet am Donnerstag, dem 19. November, um 18.15 Uhr im Hörsaal E 3 statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2015, 13:59 Uhr

Emmanuel Todd

Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens. Aus dem Französischen von Enrico Heinemann.

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