«... dann sähe es auf der Welt doch wunderbar aus»

«Vielen Dank für das Leben» heisst der Roman, den Sibylle Berg in einer Woche veröffentlicht. Ein Gespräch über dessen heitere Hauptfigur, das teure Zürich und Bergs digitale Leidenschaft, das Twittern.

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«Die Menschen sind wesentlich böse, wesentlich unglücklich, wesentlich dumm», sagt Schopenhauer. Hat er Recht?
Die Zeiten, in denen ich Schopenhauer liebte, sind lange vorbei. Er war schon ein notorischer kleiner Nörgler, der alte Pudelbesitzer. Die Menschen gibt es doch gar nicht, die man so zusammenfassen könnte. Sicher, viele sind ein wenig denkfaul, einige dumm, einige so böse, dass sie andere umbringen, die meisten nur so gedankenlos, dass sie die Schädigung anderer billigend in Kauf nehmen. Vor allem aber rühren mich Menschen immer wieder, weil sie unerwartet gut sind. Stellen wir uns vor, alle Menschen würden eine gute Ausbildung geniessen und hätten keine finanziellen Probleme, nehmen wir weiter an, das Fernsehen bestünde nur aus 3Sat und Arte, die Zeitungen würden die Menschen nicht einseitig manipulieren – dann sähe es auf der Welt doch wunderbar aus.

Soll Ihr neues Buch eine literarische Prozac-Pille sein für Ihre Leser, die in einer Welt voller Zumutungen leben?
Es soll der Versuch eines Trostes sein. Für alle, die sich als Aussenseiter fühlen, für alle, die sich vom Leben betrogen wähnen. Es ist der Versuch zu zeigen, dass ein von oben betrachtet nicht sehr reich beschenktes Leben kein verlorenes sein muss. Dass man ein Leben gut überstehen kann. Nicht angetastet, nicht verbittert.

Hat Ihr Toto reale Vorbilder? Oder haben Sie ihn eben deswegen geschaffen, weil es ihn im realen Leben nicht gibt?
Toto ist eine Figur aus vielen. Sie ist zusammengesetzt aus allen guten Eigenschaften, die mich immer wieder an einzelnen Menschen überraschen.

Ihr Buch ist auch ein DDR-Roman. Welchen Bedeutung hat Ihre ostdeutsche Vergangenheit für Ihre schriftstellerische Arbeit?
Es ist ein Stück DDR, die mich aber nur exemplarisch für den gescheiterten Versuch des sozialistischen Systems interessierte. Ich wollte Geschichte zusammenfassen. Ich wollte eine Diktatur aus der Sicht eines Kindes zeichnen. Die DDR interessiert mich nicht immens, Vergangenes interessiert mich für meine Arbeit nur als Grundlage für Heutiges. Ich mag keine Erinnerungsgeschichten lesen, und ich möchte sie auch nicht schreiben. Ich möchte untersuchen, wie wir heute mit dem Leben zurechtkommen können.

Warum sieht man Sie so selten an hiesigen Festivals? Wahren Sie bewusst Distanz zum Literaturbetrieb?
Ich trete sehr, sehr ungern auf. Ich bin zu schüchtern, und wenn ich Lesetouren mache – was ich auch dieses Jahr meinem Verlag zuliebe, der das irgendwie erwartet, tue – verliere ich vor Angst so viel Gewicht, dass ich infolge immer erkältet und unglücklich werde. Der Literaturbetrieb und ich, das wird nichts mehr. Ich gehe nicht zu Festivals und ich trinke nicht mit Jurymitgliedern. Die Strafe ist, dass ich keine Stipendien bekomme und stattdessen eben mehr arbeiten muss. Die einzigen Zuwendungen, die ich finanziell bekam, stammten aus meiner lieben Schweiz. Ohne zu trinken.

Empfinden Sie die Art, wie Sie ihren Lebensunterhalt als Künstlerin bestreiten, als mühsam?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin sehr glücklich, dass es mir gelingt, meine Familie mit meiner Arbeit zu ernähren, und dazu noch in der teuersten Stadt der Welt. Sicher muss ich viel arbeiten. Aber das müssen fast alle anderen Menschen auch, und ich kann dabei einen Pyjama tragen. Also: kein Grund zu meckern. Ich muss mir nur Alternativen einfallen lassen. Falls die Preise in Zürich weiter so steigen wie in den letzten drei Jahren, kann ich mir die Stadt nicht mehr leisten. Aber das geht ja auch anderen mittelständischen Kleinunternehmern so. Dann muss ich halt nach Solothurn oder... na, das überlege ich mir dann.

Sie sind heute wohl die prominenteste deutsche Schriftstellerin in der Schweiz. Sie leben in Zürich, in einer «Kapsel mit einer gated community», so sagten Sie kürzlich in einem Interview mit dem österreichischen «Standard». Gibt es eine spezifische Zürcher Mentalität, die diese Kapsel entstehen lässt?
Ich bin schon Stadtbürgerin und wenn alles gut geht, bin ich bald eine Schweizer Schriftstellerin – da staunen Sie dann aber! Alle werden mich gern haben und nach meinem Ableben bekomme ich ein hübsches Denkmal. Und eine Strasse. Zürich ist nichts Spezielles, ausser dass es mein Zuhause ist. Die gesamte Schweiz fliegt wie eine kleine Sicherheitsinsel durch das schwankende Europa. Noch.

Und die Zürcher Mentalität?
Die gibt es ja in all diesen Parallelwelten nicht wirklich. Ich habe die langsam aussterbende Gruppe der Urschweizer Altstadtbewohner sehr lieb. Es hat aber auch sehr nette italienischstämmige Zürcher, die ich mag, und äusserst lustige Mitglieder des Zürcher Geldadels. Sie haben alle eines gemeinsam: einen grossartigen Humor.

Sie sind eine sehr leidenschaftliche und – gemessen an Ihrer Follower-Zahl – auch sehr erfolgreiche Twitterin. Ist Twitter eine erwünschte oder verwünschte Abwechslung? Was fasziniert Sie an diesem Medium?
Es war mein Anschluss in die Welt der sozialen Medien. Ich weiss gerne, was um mich passiert, ich weiss gerne, was die Zeit ausmacht, in der wir leben. Darum bin ich bei Twitter. Ich finde dort wunderbare Links zu allen Medien, die ich alleine nie finden würde, ich bin schnell über die aktuellen Tagesereignisse informiert und ich habe Kontakt zu meinen Lesern. Ausserdem ist es ein gutes Korrektiv. Eine Zeitung schrieb einst falsche angebliche Fakten über mich, ich habe sie über Twitter direkt freundlich um eine Richtigstellung gebeten und dann auch über Twitter ein Interview zum Thema geführt. Das ist praktisch. Man ist der Presse nicht mehr wehrlos ausgeliefert.

Wird es mal ein Sammelband mit den besten Berg-Tweets geben?
Nein, das ist doch völlig uninteressant.

Wäre es Ihnen als Schriftstellerin grundsätzlich lieber, wenn es das Internet nicht gäbe und die Welt eine rein analoge wäre?
Nein, ich liebe das Internet. Es hat mein Leben kolossal vereinfacht.

Der Mummy Porn «Fifty Shades of Grey» ist ein Internet-Phänomen und das literarische Sommerthema. Hätten Sie dieses Buch gerne selber geschrieben?
Unter falschem Namen vielleicht. Ich befürchte, dass ich sehr verklemmt bin, und mir so ein Buch, vor allem so ein schlecht geschriebenes, körperliche Schmerzen bereiten würde. Es wäre jedoch völlig verlogen, wenn ich behaupten würde, dass ich das Geld nicht gerne nehmen würde. Ich hab zwar keine Ahnung, was ich damit anstellen würde, aber zur Not könnte ich es ja verschenken. Oder mir endlich ein Hündchen kaufen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.07.2012, 11:12 Uhr)

Stichworte

Berg, Sibylle, «Vielen Dank für das Leben», Hanser, 400 Seiten, ISBN 978-3-446-23970-8, CHF 32.90.

Bergs neuer Roman «Vielen Dank für das Leben» handelt von einem geschlechtlosen Waisenkind namens Toto. Das unförmige Kind wächst in der DDR auf und trotzt mit stoischem Optimismus den Widerungen erst des sozialistischen, später auch des kapitalistischen Alltags.

Vielen Dank für das Leben

Zur Person

Sibylle Berg (*1962) schreibt Romane (z.B. «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot») und Theaterstücke (z.B. «Missionen der Schönheit»). Als Kolumnistin arbeitet sie für «Spiegel online» und die «Basler Zeitung». Seit 1996 lebt die gebürtige Weimarerin in Zürich.

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