100 Ausdrücke für «besoffen»
Buch
Pedro Lenz, «Der Goalie bin ig». edition spoken script, Der gesunde Menschenversand 2010, 192 Seiten, 25 Franken (UVP)
Der «extrem Lafericheib», den alle «Goalie» nennen, ist ein Junkie, der nach einjährigem Knastaufenthalt clean ist und es auch bleiben will. Zunächst ist sein Herz «schwär wie nen aute, nasse Bodelumpe». Doch dann geht's obsi: Der abgebrannte Ex-Knasti bekommt eine Schuld zurückbezahlt, findet einen Job und verliebt sich in die Serviererin in seiner Stammkneipe.
Doch die Melancholie begleitet ihn wie sein Schatten. So stellt er sich etwa vor, im Flipperkasten sitze ein freundliches Männchen, das ihn mit Sprüchen wie «Well Done Player One!» ermutigt, einfach weil es ihn gern hat. Aber das ist nur Illusion, «mir hüuft kene.(...) nid emou i säuber chamer häufe». Optimismus sei eine Kinderkrankheit, heisst es an anderer Stelle.
Dass Goalie sich selber nicht helfen kann, stimmt so nicht: Entgegen aller Befürchtungen stürzt er nicht wieder ab, obwohl er in sein altes vergiftetes Umfeld nach Schummertau - unschwer als Langenthal erkennbar - zurückgekehrt ist.
Abgesehen davon, dass er sich manchmal einen zu viel hinter die Binde giesst und dann «eine uf em Chriesi» hat (Lenz kennt bestimmt 100 verschiedene Ausdrücke für «besoffen sein»), widersteht er dem «Schuger».
Er leiert fürs Leben gern
Er bringt es sogar zu einem kleinen Traumurlaub in Spanien, der fast zum Happy-End mit Regula führt. Fast. Denn Regula geht Goalies «Glafer» auf die Nerven, sie fühlt sich als Publikum missbraucht. «Das isch nid wohr. I säuber i länge mir aus Publikum füeglech», kontert der Angeschuldigte.
Damit bringt es der Erzähler auf den Punkt. «I liire äbe gärn», sagt er. Dass ihm die Geschichten ausgehen, befürchtet er nicht. Denn Geschichten sind nicht Zähne, die nur zweimal kommen. Sie bestehen aus ständig neu anfallenden grauen Lebenssplittern, die bunt bemalt werden in der Hoffnung, sie einst zu einer schönen Mosaik-Biografie zusammenzufügen.
Beispielsweise die Erklärung, warum er Goalie heisst, obwohl er es angeblich nie nötig hatte, im Tor zu stehen: Sündenbock will er gespielt haben, um einen schwächeren Jungen zu beschützen. Das kann stimmen, muss aber nicht. Ebenso wie die abenteuerliche Geschichte, wie Goalie ein zweites Mal als Prügelknabe missbraucht wurde.
Nachdem diese Episode fast thrillerartig auf ihre «Lösung» zugestürzt ist, nimmt der Protagonist noch einmal den Rank. Er verlässt die Provinz, erlebt ein kleines Wunder, verspielt es wieder. Spätestens hier merkt auch der gutgläubigste Leser, dass das Flunkern Goalies Überlebensstrategie ist - eine schöne Pointe, in der das Wesen der Literatur mitgedacht ist.
Es fehlt ein Dialekt-Glossar
Der Goalie langweilt mithin ganz schön mit seinem Glafer. Aber dann blinken immer wieder glitzernde Steinchen aus dem Sprachgeröll hervor. Mit gezieltem Schweigen - etwa über das Delikt, für das Goalie in die Chischte kam - wird ausserdem Spannung hergestellt.
Eines ist dem Buch dennoch vorzuwerfen: Man hätte ihm ein Glossar anfügen sollen. Welcher Zürcher Leser weiss schon, dass wenn Goalie und Regula «schlöflen» gehen, sie nicht im Bett, sondern auf der Kunsteisbahn landen? (phz/sda/)
Erstellt: 12.04.2010, 15:27 Uhr




