Ach, dass wir wie die Beutelbären wären

«Koala», der neue Roman von Lukas Bärfuss, kommt in die Buch- handlungen. Er schlägt einen weiten Bogen: vom Freitod des Bruders über die Besiedlung Australiens bis hin zur Frage, was das richtige Leben ist.

Ein Koala bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Schlafen. Das Gefühl, etwas zu verpassen, kennt er nicht.

Ein Koala bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Schlafen. Das Gefühl, etwas zu verpassen, kennt er nicht. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Sünde ist der Selbstmord in unseren säkularen Zeiten nicht mehr. Aber für die im Leben Zurückbleibenden eine Provokation, ein Schock, ein Stachel: Was war der Antrieb, der Auslöser? Hätte man etwas merken müssen, verhindern können? War es Verzweiflung, psychische Krankheit, eine Tat im Affekt oder ein wohlüberlegter Entschluss? Gar ein Akt der Freiheit, wie manche Philosophen schreiben? Keine dieser Fragen lässt sich beantworten, weil derjenige, der die einzige gültige Antwort geben könnte, nicht mehr da ist.

Für Lukas Bärfuss ist der Suizid seines Bruders, so formuliert er, die Antwort, auf die er die richtige Frage suchen muss. Kurz vor Weihnachten 2011 hat dieser, von dem wir nur den Spitznamen erfahren, sich das Leben genommen, 45 Jahre alt. Nah standen sich die Brüder, eigentlich Halbbrüder, nicht; der eine war im Heimatort Thun geblieben, arbeitete als Nachtwächter in einer Notschlafstelle, der andere hatte die «lausige Kleinstadt» bald verlassen und war zu einem erfolgreichen Theaterautor geworden. Selten hatten sie sich gesehen, und auch dann war ihr Gespräch eher ein «komplizenhaftes Schweigen».

Schuldgefühle, Aggressionen

Die Nachricht vom Freitod des Bruders zwingt Lukas Bärfuss – das Erzähler-Ich ist hier tatsächlich das Autor-Ich, germanistische Feinheiten der Fiktionalisierung einmal beiseitegelassen – in einen «Mahlgang der Gedanken». Durchaus zu seinem Unwillen. Erstaunt konstatiert er, was an Erinnerungsfetzen hochgespült wird, und wie affektbesetzt diese sind. Der Halbbruder lebte beim Vater, kam einmal im Monat zur Patchwork-Familie, in der Lukas aufwuchs, war «ein schlechter Spielkamerad». Schuldgefühle steigen auf, weil der Bruder «einen schlechten Start ins Leben» hatte; schwer kurzsichtig, von Unfällen geplagt, von Handicaps behindert, kam er nie in die Erfolgsspur hinein.

Wollte er nicht? Die posthume Betrachtung dieser Biografie, ohne Ehrgeiz, ohne Verantwortung, ruft beim Überlebenden Aggressionen hervor. Hatte er nicht selbst eine schwere Kindheit? Rackerte er sich nicht Tag für Tag ab, um den Anforderungen des Lebens zu genügen, während der Bruder auf der faulen Haut lag? «Nichts Gerades hatte er zustande gebracht, aber er hielt sich gerade deswegen für etwas Besonderes, war eingebildet bis zur Eitelkeit.»

Natürlich ist die Wut Kehrseite des Schuldgefühls, aber dahinter lauert noch mehr: nagende Angst. Könnte der Selbstmörder nicht recht haben? Wozu all die Plackerei, wenn am Ende doch für jeden nur – das Ende steht? So legt sich der Schatten des Toten immer stärker über das Leben des Überlebenden.

«Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals.» Ein Satz, den der Roman widerlegen will und zugleich bekräftigt. «Der Selbstmord sprach für sich, er brauchte keine Stimme, und er brauchte keinen Erzähler.» Ein Satz, den ein Schriftsteller nicht so stehen lassen kann. Hat er, Lukas Bärfuss, nicht gerade einen Vortrag über den Selbstmörder Heinrich von Kleist gehalten (ausgerechnet im verhassten Thun, bei welcher Gelegenheit er das letzte Mal schweigend mit seinem Bruder zusammentraf)? Ein Autor kann Probleme nur erzählend behandeln, und da das Leben des Bruders imaginativ nicht genug hergibt – ausser einer fantastisch ausgemalten Szene, wie dieser in einem Pfadi- lager seinen Spitznamen erhielt –, muss er einen ganz anderen Anlauf nehmen.

Den Anstoss gibt eben dieser Spitzname. Ab Seite 70 fängt quasi eine neue Geschichte an. Nachdem Bärfuss seine Leser bis dahin mit dunkel leuchtenden Sätzen in seinen Denktrichter gezwungen hatte, immer schneller und immer tiefer im Kreis hinab, befinden wir uns urplötzlich in einer klassisch-epischen Welt, im Reich des raunenden Imperfekts und im späten 18. Jahrhundert.

1786 bringt eine kleine Flotte der englischen Krone Sträflinge an die Ostküste Australiens. Zu den Wachsoldaten gehört der Sergeant Ralph Clark. Dessen Tagebuch ist erhalten, Bärfuss hat daraus zahlreiche Details geschöpft über die mühsame Landnahme des gemischten Völkchens, das in ungewohnter Umgebung ums Überleben kämpft. Eine weitere Quelle ist der Expeditionsbericht von Francis Barrallier, der 1802 über Monate vergeblich einen Durchstieg durch die Blue Mountains sucht. Bärfuss verliert sich ein bisschen in diesen Dokumenten, der Stil wird schlichter, chronikhafter, zählt tödliche Krankheiten, drakonischen Strafen, Scharmützel, Unwetter auf und verliert nach und nach den festen Tritt – wie der Entdecker im Treibsand australischer Flüsse ins Rutschen kommt. Das ist, wenn nicht unbedingt geglückt, so doch gewollt: Barrallier verfällt schliesslich in eine «grosse Gleichgültigkeit», sein «Ehrgeiz, für die europäische Zivilisation einen Weg durch diese Berge zu finden, schien ihm nur noch lächerlich».

Ein Leben im Schlaf

Da sind wir wieder in der Denkspur des Autors, die nun zu grossen Gegensatzpaaren führt, Fleiss und Faulheit, Ehrgeiz und Sichgehenlassen, der zupackende (und zudrückende) Griff der westlichen Zivilisation hier und das Sicharrangieren mit der Natur dort. Zum idealtypischen Exponenten der anderen Seite wird der Koala. Der unscheinbare Beutelbär, ein endemisches Tier Australiens, bevölkert seit Urzeiten die Wälder des Kontinents, ohne natürliche Feinde, ein Spezialist einer Nahrungsnische, die alle anderen Tiere verschmähen, weil sie zu wenig nahrhaft, ja sogar leicht giftig ist – Eukalyptusblätter –, und der zur Energieersparnis die meiste Zeit schlafend verbringt.

Die australischen Jäger, erst recht die eingewanderten Siedler, schüttelten oder schossen die harm- und wehrlosen Tiere von den Bäumen und rotteten sie fast aus, ehe die junge Nation Australiens in ihnen ein Nationalsymbol erblickte und sie unter Schutz stellte.

Lukas Bärfuss macht den Koala zum Gegensymbol dessen, was unsere Zivilisation aus- und krankmacht: triebhafter Ehrgeiz, zwanghafter Fleiss, sinnloser Aktionismus – alles, um die grosse Angst zu überdecken, die Angst vor dem Nichts, vor dem Ende. Und der Selbstmörder – ist er frei von Angst, weil er sich aus Arbeits- und Verdrängungszwängen gelöst hat? Weil er mit offenen Augen auf das Nichts zugeht, vor dem wir die Augen verschliessen? Gelegentlich scheint es, als wünschte sich der Autor auch für sich diese Befreiung, wenn er fast rasend auf seine eigene produktive Existenzform einprügelt: «Was ich schuf, war Abfall, ein grosser Haufen Vergeblichkeit, eine reine Beschäftigung um der Beschäftigung willen.»

Das Dilemma ist nicht aufzulösen, weder philosophisch noch erzählerisch. Weshalb daraus auch kein sich schön rundendes Kunstwerk entstehen kann, sondern ein in sich kreisendes, um sich schlagendes Stück dramatischer, heterogener Prosa. Ja, die zerstörenden Seiten des menschlichen Aktivismus sind unübersehbar, ihr Gegenteil, die Passivität des blossen Existierens, ein Sehnsuchtsbild (auch Gottfried Benn hatte gereimt: «O dass wir unsre Ururahnen wären / ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor»). Aber es geht nicht. Auch das Resultat von Lukas Bärfuss’ Ringen mit dem Nichts ist wieder ein Etwas, Ergebnis von Fleiss und Können: ein Buch.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.03.2014, 08:37 Uhr

Leseprobe

Klicken Sie hier für eine Leseprobe aus «Koala».

Lukas Bärfuss: Koala. Roman. Wallstein, Göttingen 2014. 184 S., ca. 28 Fr.

Buchvernissage am Donnerstag, 20 Uhr, im Kaufleuten.

Artikel zum Thema

«Ich wurde förmlich erschlagen»

Die Asylbeschlüsse des Nationalrats seien «eine Schande», schrieb Lukas Bärfuss. Tausende Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet stimmten ihm zu. Doch auch die federführenden Politiker erhalten von der Basis viel Lob. Mehr...

Auszeichnung für Lukas Bärfuss

Der Schweizer Schriftsteller wird mit dem Berliner Literaturpreis 2013 ausgezeichnet. Mehr...

«C. geht es beschissen, mir geht es beschissen. Zusammen ist es okay»

In einem Blog protokollierte der verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf («Tschick») seine tödliche Krebs-Erkrankung. Die erschütternden Aufzeichnungen sind nun als Buch erschienen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Classic trifft auf Circus

Haben Sie schon einmal einen Musikclown gesehen, der auf fünf Blockflöten gleichzeitig spielt – und das erst noch gemeinsam mit einem 50-köpfigen Sinfonieorchester?

Blogs

Outdoor Ein Nullentscheid beim SAC?

Private View Zwei Amis in Venedig

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...