Adolf Muschg rebelliert wie Marcel Reich-Ranicki
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 17.11.2008 9 Kommentare
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«Ich wollte den Preis zwar nicht verlieren, aber gewinnen wollte ich ihn auch nicht.» Das sagt Adolf Muschg, wenn man ihn fragt, warum er sich am Samstag, nach seiner Lesung aus seinem neuen Roman «Kinderhochzeit», selber öffentlich aus der Shortlist des Schweizer Buchpreises herausgekickt hat. Ein Reich-Ranicki-Epigone? (Man erinnert sich: Der Literaturpapst hat vor kurzem fernsehwirksam auf einen Fernsehpreis verzichtet.) Ja und nein: Adolf Muschg begegnet der medialen Kultur-und-Ehrungsmaschinerie ebenfalls mit Unbehagen. Er kritisiert die Inflation der Preise und wehrt sich dagegen, dass aus dem Auswahlverfahren mit Longlist und Shortlist ein marketingtaugliches Spektakel gemacht wird, ein Börsengang oder eine Art Big-Brother-Show. «Für diese Form der Rezeption ist mein Buch nicht geschaffen und hat sie auch nicht nötig.»
Mit solchen Zweifeln, die nicht nur vom Misstrauen eines Literaten gegen das Bücher-Business zeugen, sondern von der helvetischen Scheu vor Elitebildung (und ihren Folgen), steht Muschg nicht alleine da. Selbst der Preisträger, der am Sonntag die ausgelobten 50'000 Franken für seinen Roman «Nach Hause schwimmen» erhielt, der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert, stellte in seiner Dankesrede im rappelvollen Buchforum fest: «Es ist kein messbarer Sieg wie bei einem Marathonlauf. Da bleibt ein zwiespältiges Gefühl» – und er bat, wie im Oktober schon Uwe Tellkamp, der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2008, die anderen Finalisten mit auf die Bühne. Zu diesen zählte Muschg dann freilich nicht mehr: «Ich habe ziemlich lange an der Absage gewürgt und wollte niemanden vor den Kopf stossen. Jetzt weiss ich, dass es ein Fehler war, bis zum Samstag zu warten. Ich hätte den anderen und mir viel erspart, wenn ich meine unguten Gefühle gleich nach der Nomination für die Shortlist geäussert hätte. Ich entschuldige mich.»
Muschg legt Finger auf Wunde Einmal abgesehen von der terminlichen Unterlassungssünde – die auch verhinderte, dass ein anderes Buch anstelle der «Kinderhochzeit» ins Rennen aufgenommen werden konnte –, hat Muschg hier den Finger auf eine Wunde gelegt? Hat die Literatur einen Gewinn davon, wenn in einer Zeit, in der es von neuen Auszeichnungen, von auf- und abtauchenden Preisträgern nur so wimmelt, noch ein Preis eingerichtet wird? Mancher Verleger sieht den neugeborenen «kleinen Bruder des Deutschen Buchpreises», wie ihn Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV) nennt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
«Die Daumen-hoch-, Daumen-herunter-Mentalität» sei sowieso schon sehr ausgeprägt, heisst es, und mit dem glamourösen Preis werde die Aufmerksamkeit noch mehr auf den Siegertitel und die Bücher der Shortlist fokussiert. Eine Leserschaft für ein unbekanntes Buch zu gewinnen, sei fast nicht mehr möglich. «Ein Kulturpreis ist immer ungerecht», hält Sax dagegen. «Aber er ist das Salz in der Suppe.»
Reicht die Suppe für das Salz?
Aber reicht die Suppe für das Salz? Eine weitere Frage, die sich Beobachter der Szene stellen, ist, ob die relativ kleine literarische Landschaft der Deutschschweiz überhaupt jedes Jahr ein preiswürdiges Werk hervorbringt. «2008 war ein sehr gutes Jahr», geben Jurymitglieder zu Protokoll. «Drei der fünf Kandidaten von der Shortlist waren absolut herausragend.» Die Lesung am Festakt aus allen Büchern des Finales, aus Anja Jardines Erzählband «Als der Mond vom Himmel fiel», aus Lukas Bärfuss’ Roman «Hundert Tage», Peter Stamms Erzählungen «Wir fliegen» und aus Rolf Lapperts Buch bestätigt dies. Man wagt jedoch nicht zu hoffen, dass das immer so sein wird. In den Statuten steht daher, dass die Shortlist im Bedarfsfall auch bloss drei Titel zählen darf. Der geistige Urheber des Preises, der Zürcher Verleger Egon Ammann, schiebt solche Bedenken beiseite: «Dieser längst überfällige Preis ist ein Motor per se: eine Motivation für jeden Schriftsteller und ein Verkaufsargument für die Buchhändler, die damit auch anspruchsvollere Werke an den Mann bringen können. Er ist praktische Leseförderung.» Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass Ammann für mehr Kandidaten, für eine noch schärfere Selektion – und so für noch mehr Glamour – plädiert hatte. Alle deutschsprachigen Werke eines Jahres hätten, wäre es nach ihm gegangen, in Betracht gezogen werden sollen, so wie beim Deutschen Buchpreis auch. Doch dagegen wehrte sich der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband, der zusammen mit dem Verein Literaturfestival Basel und weiteren Sponsoren den Preis finanziert: Das hätte für die Jury heikel werden können, und laut Sax geraten die Schweizer Autoren bei den grossen Preisen für deutschsprachige Literatur oft ins Hintertreffen. Immerhin unterscheidet der Preis sich dennoch von der gängigen helvetischen Förderung, die den Autor oft abholt, bevor ein Buch vorliegt. Die Juroren hatten aus 84 Werken, die von 50 Verlagen vorgeschlagen worden waren, eine Auswahl zu treffen; die besten vier erhalten 2500 Franken, und nur ein Hauptpreis kann vergeben werden. Die Liste städtisch oder kantonal gesprochener Werkbeiträge ist meist deutlich länger, und die heimliche Liste der später nie realisierten Werke ist gleichfalls nicht kurz. Das Giesskannenprinzip beim Verteilen von diversen Ehrengaben – das seine Gründe hat – kommt oft in Konflikt mit einem Bekenntnis zur Qualität. Ein hochklassiger, hoch dotierter nationaler Preis ist daher ein Desiderat.
Und die anderen Sprachregionen?
Einziges Äquivalent ist der mit 30 000 Franken dotierte Grosse Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung. Doch dieser wird nur alle vier bis sechs Jahre verliehen und ist als Ehrung eines Lebenswerks gedacht, wobei alle vier Landesteile quasi im Turnus berücksichtigt werden. Dass sich manche Autoren aus der Romandie oder der italienischen Schweiz ebenfalls eine Berücksichtigung beim «Schweizer Buchpreis» wünschen, ist verständlich, kann aber in diesem Rahmen nicht geleistet werden: Dazu bräuchte es eigene finanzielle Quellen und gesonderte Jurys. «Westschweiz und Tessin sind eingeladen mitzutun», bekräftigt der SBVV. Der Deutschschweizer Buchpreis aber (der auch an seit zwei Jahren hierzulande ansässige Ausländer gehen kann) ist finanziell für die nächsten drei Jahre gesichert – fehlt also nur noch die blühende Produktion: ein erfrischend unzeitgemässer Aufruf zum kreativen Arbeiten! Es ist gut, dass der Preis geschaffen wurde und dass er nur das Leistungsprinzip als Richtlinie hat – auch wenn «Leistung» im Kontext der Künste so einfach nicht zu messen ist. «Ob der Schweizer Preis in den deutschen Medien viel Echo bekommt, muss man abwarten», sagt Preisträger Lappert. «Aber man schreibt ja nicht für einen Preis, sondern für die Literatur, die keine ‹Schweizer Literatur› ist. Das gibt es gar nicht. Es geht nur darum, beim nächsten Mal ein noch besseres Buch zu schreiben.» Gar nicht so einfach: Wahl-Ire Lappert schwimmt zu Recht preisgekrönt nach Hause. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2008, 08:10 Uhr
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9 Kommentare
Herzliche Gratulation dem Autor, danke für den Schweizer Buchpreis - eine sehr schlaue Erfindung! Aber wann ändert die Schweiz die Besteuerung von KünstlerInnen? Warum lässt man sie nach Irland wandern, wo sie von dem Geld, das sie mit ihrer Kunst verdienen, "anständig" leben können. Was hat man denn davon? Wer denkt über die Nachhaltigkeit dieser Form der steuerlichen Kulturpolitik nach? Merz? Antworten
Weshalb Adolf Muschg als ältere, dann beleidigte Diva überhaupt nomminiert wurde, bleibt offen. Junge und innovative Autor/innen hatten in diesem Wettbewerb keine Chance. Zudem ist der "Preis" derart verbandsnah, dass ausschliesslich Befürworter der Buchpreisbindung in die engere Wahl kamen. Rolf Lappert hat ihn verdient, doch "Buch08" und der Event wirkten, wie auch die ganze Branche, morbid. Antworten






