«Alice, so geht das nicht!»
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 04.11.2011 63 Kommentare
Die Unermüdliche
Alice Schwarzer, 68, ist die berühmteste Frauenrechtlerin des deutschsprachigen Raums. Sie schrieb zahlreiche Bücher, nicht nur über Geschlechterfragen, sondern auch Biografien (Romy Schneider, Marion Gräfin Dönhoff). Seit 1977 ist sie Chefredaktorin und Verlegerin des feministischen Magazins «Emma». In ihrer Autobiografie «Lebenslauf» schildert sie das Aufwachsen als uneheliches Kind bei den Grosseltern, die prägende Liebe des Grossvaters, wie sie in Paris zu den Pionierinnen des Feminismus gehörte und danach in Deutschland für Furore sorgte, zum Beispiel mit den 374 Frauen, die sich im «Stern» zu einer damals noch illegalen Abtreibung bekannten. Für Aufregung sorgte in jüngster Zeit, dass sie für die Zeitung «Bild» über den Fall Kachelmann berichtete. Am Mittwochabend stellte sie ihr neues Buch im Zürcher Kaufleuten vor.
Alice Schwarzer: Lebenslauf. Kiepenheuer & Witsch, Köln 201., 461 Seiten, ca 35 Franken.
www.aliceschwarzer.de
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Während Ihres dreitägigen Aufenthalts in Zürich rissen sich die Medien um Sie, Ihre Lesung war ausverkauft. Ist es ein Triumph, nicht mehr «Schwanz-ab-Schwarzer», sondern jetzt Alice Superstar zu sein?
Es gab schon immer beides: grosse Aversion und Angriffe und gleichzeitig grosse Zuneigung und Bestärkung. Interessanterweise stammte von Anfang an ein Drittel der Reaktionen von Männern, und die waren immer schon überwiegend positiv. Allerdings nimmt die Zustimmung von Männerseite zu, etwa bei meiner Kritik des Islamismus. Da sehen die Männer die Gefahren klarer.
Dennoch waren Sie stets heimatlos. Die Linken waren so grob zu Ihnen wie die Konservativen.
Feministinnen sind parteiunabhängig und deshalb politisch heimatlos. Das Entstehen einer autonomen Frauenbewegung war eine Antwort auf die 68er, die zwar noch den letzten bolivianischen Bauern befreien wollten, deren eigene Frauen und Freundinnen aber weiterhin Kaffee kochen, Flugblätter tippen und für die Kinder sorgen sollten. Und sexuell sollten sie nicht nur einem, sondern allen zur Verfügung stehen, das hiess «sexuelle Revolution». Dass die Konservativen sich schwer mit uns taten, hat niemanden überrascht. Aber dass die Linke so zynisch auf Frauenrechtlerinnen reagieren würde, schon. Das ist übrigens bis heute so.
Sie waren anfangs eine Frauenrechtlerin im Mini. Und Ihre Minis waren wirklich sehr, sehr kurz. War das Teil einer Strategie?
Das war der Spass an der Mode! Man zieht sich als Frau ohnehin nur für andere Frauen an und nicht für Männer, die verstehen ja gar nichts davon. Aber man sendet mit seiner Kleidung natürlich Signale aus, dessen sollte man sich bewusst sein. Ich schildere in meinem Buch, wie ich Jean-Paul Sartre interviewe und so ein Minihängerchen trage, das mir quasi bis zum Schritt hoch gerutscht ist. Da kommt Simone de Beauvoir herein, wirft mir einen eisigen Blick zu und sagt: «Sartre, Sie haben ja wohl nicht vergessen, dass wir nachher eine Pressekonferenz haben.» In dem Moment wurde mir bewusst: Verdammt, für wen hält die dich? Für eine dumme Blondine im kurzen Rock! Kurz danach war ich auch im Mini unterwegs, kam an einer Baustelle vorbei und das Gejohle ging los – ich ging zurück in meine Wohnung, zog mich um und habe danach in Paris keine Minis mehr getragen.
Finden Sie es richtig, wenn Frauen ihr erotisches Kapital einsetzen?
Warum nicht? Aber es ist eine Gratwanderung. Das erotische Kapital einer Frau ist zudem vergänglich. Mit spätestens Mitte 40 senkt sich eine Tarnkappe über sie. Für Frauen, die auf ihre Äusseres bauen, fällt dann eine Welt zusammen. Wir freuten uns als junge Frauen, wenn wir gefielen, aber wir wollten vor allem cool sein. Sich zum Objekt zu machen, sich anzubieten, das fanden wir blöd.
Ihr Äusseres war Ihnen aber schon wichtig. Als Sie einst in Paris zwei Kilogramm zunahmen, wollten Sie die sofort wieder loswerden.
Dieses Magerdiktat ist also gar nicht so neu! Ich habe damals – ich sage jetzt nicht, wie viel – sehr viel weniger gewogen als heute und von 60 auf 62 Kilo zugenommen, bei einer Grösse von 1,70 Meter. Und da fand ich mich schon zu dick! Ich bitte Sie! Aber das Allertollste war ja, wie ich 1968 als junge Journalistin drei Monate bei einer Frauenzeitschrift arbeitete. Da redeten die allen Ernstes immer nur über Diäten, Mode und Kosmetik. Und ich erwischte mich eines Tages, wie ich am Wochenende mit einer Quarkmaske auf dem Gesicht da lag – da dachte ich: «Alice, so geht das nicht!» Ich habe gekündigt, ohne eine neue Stelle zu haben. Und nie wieder eine Quarkmaske gemacht. (lacht)
Dann kam die Phase, in der Sie den Minis abschworen und sich unter Ihrer Kleidung zu verstecken schienen. War die Mode ein Schutzschild?
Es war ein täglicher Kampf in Paris, sich die Belästigungen vom Leib zu halten. Und dann kam ja nach der Mini- die Maximode, und ich trug ein wadenlanges Kleid von Dorothée Bis, das begründete den angeblichen Schlabber-Look von Alice Schwarzer. Dabei war es topmodisch! Aber es ist was dran, ich hatte ein stärkeres Bedürfnis, Kleidung als Schutz zu verwenden, ich wollte mich nicht ausliefern. Mit dem Alter bin ich wieder freier geworden. Je älter man wird, desto verrückter sollte man sich anziehen. Bei einer Sechzigjährigen wird es nicht mehr gleich als Aufforderung zum Tanz verstanden, wenn sie sich flott anzieht.
Was halten Sie von Stöckelschuhen?
Ich weiss, meine Antwort wird Ihnen nicht gefallen. Aber High Heels führen nicht in die Freiheit. Sie sind eine Falle. Anders gesagt: Würden Männer Stöckelschuhe tragen? Niemals! Die würden nicht mal bis zur Toilette damit gehen, Die würden sagen, Mensch, die Dinger drücken ja wie wahnsinnig! Das ist doch bekloppt!
Die Anfeindungen gegen Sie waren heftig. Sie sagten unlängst in einem Interview: «Meine grösste Schwäche ist meine Verletzlichkeit.» 1980 hatten Sie sogar einen Zusammenbruch. Was war da los?
Der Punkt ist, dass man immer dünnhäutiger wird, man gewöhnt sich nicht an die Diffamationen. Weil einen die Niedrigkeit immer mehr anekelt. Ich war damals zum Abschuss freigegeben, Freiwild – was ich immer noch bin – und es war alles zu viel. Die «Emma» wurde enorm bekämpft, totgeredet, lächerlich gemacht, verunglimpft. Zudem hatte ich die SPD scharf kritisiert, der ich als Wählerin immer nahegestanden hatte, und da ging es so richtig los. Das Problem ist, dass man Frauen nicht die Ehre antut, sie sachlich zu kritisieren – einer Feministin erst recht nicht – sondern versucht, sie persönlich zu diffamieren. Davor kann man sich kaum schützen. Zum Glück bin ich seelisch extrem stabil und habe mir meine Lebensfreude nie nehmen lassen. Aber es hätte auch anders kommen können, das muss man schon sagen. Es ging ans Existenzielle.
Wer hat Sie härter angegriffen: Männer oder Frauen?
Nach meinem Empfinden: Frauen. Obschon die Angriffe von beiden Seiten kamen, aber dass Männer eine wie mich angreifen, versteht man ja noch. Kritik von Männern habe ich daher immer sportlich genommen. Das Problem von Frauen sind die Frauen, das war immer schon so.
Die viel zitierte Stutenbissigkeit?
Nun, die hat ja schon ihre Gründe. Wir haben eine Tradition der Rivalität, weil lange jede Frau existenziell abhängig war von einem Mann. Eine andere Frau war eine Bedrohung, eine Rivalin. Und Frauen, die mich angreifen, sind immer besonders interessant für die Medien. Diese sind von Männern beherrscht, und weil die ja nicht doof sind, nutzen sie das aus. Dann präsentiert man einer Feministin wie mir eine Frau, die anderer Meinung ist, und sagt: Sehen Sie, Frau Schwarzer, nicht einmal die Frauen sind mit Ihnen einverstanden ... Das soll meine Glaubwürdigkeit herabsetzen. Anti-Schwarzer zu sein ist ein Garant, um zitiert zu werden.
Welche Eigenschaft sollte eine Frau unbedingt haben?
Stolz. Und sie sollte nicht immer geliebt werden wollen. Das ist das grosse Problem von Frauen: Immer Papas Liebling sein zu wollen. Man muss auch mal in der Lage sein, sich mit jemandem anzulegen, wenn es die Sache erfordert.
Welche männliche Eigenschaft sollte sich jede Frau aneignen?
Welche? Da gib es viele! Aber ich würde sagen: Die Konfliktfähigkeit. Vor allem die Konfliktfähigkeit ohne Angst vor Liebesverlust.
Was ja wieder mit Stolz zu tun hat.
Genau. Zudem wünschte ich Frauen einen gelasseneren Umgang mit Kritik. Es ist oft schwierig, Frauen zu kritisieren. Sie fühlen sich als Person infrage gestellt, sind in ihrem Selbstwert erschüttert. Frauen müssen lernen, sich auch untereinander in der Sache kritisch auseinanderzusetzen, aber trotzdem Spass miteinander zu haben. Frauen sollten überhaupt mehr Spass mit Frauen haben und nicht immer nur auf den Applaus von Männern schielen. Auf diese Weise machen sie sich selber klein.
Sie sind bei Ihren Grosseltern aufgewachsen. Weshalb haben Sie Ihre Autobiografie nur Ihrem Grossvater gewidmet?
Weil ich ihm mein Leben verdanke. Er war meine soziale Mutter. Es gab eine Rollenumkehr in unserer Familie, der Grossvater hat mich gewickelt und ernährt. Wenn er das nicht getan hätte, hätte es vielleicht niemand getan. Meine Grossmutter war zwar eine sehr interessante Person mit einer politischen Leidenschaft, sehr mutig, sehr Anti-Nazi, aber für Kinder hat sie sich einen Dreck interessiert. Dennoch bin ich von meiner Grossmutter mit ihrem frenetischen Gerechtigkeitssinn unübersehbar stark geprägt. Da sie aber nicht in die Welt hinaus konnte, hat sich ihr Engagement innerhalb der Familie ins Destruktive verwandelt, und sie wurde zur Tyrannin. Ihr gehörte mein Interesse, meinem Grossvater meine tiefe Zuneigung.
Ihr Feminismus wurzelt also nicht in einer Unterdrückung durch Männer?
Nein. Ich wurde nicht aus Schmerz oder Demütigung Feministin, sondern aus Stolz. Ich war es einfach gewohnt, von meinem Grossvater, dem ersten Mann in meinem Leben, respektiert, geachtet und geliebt zu werden. Zudem wurde ich von beiden darin bestärkt, mutig zu sein, keck, frech. Das grosse Versäumnis meiner Grosseltern war wohl, dass sie mir nicht beigebracht haben, eine echte Frau zu sein. Als ich rausging in die Welt, musste ich erkennen, dass Frauen unterwürfig zu sein hatten. Und ich dachte: Was ist denn da los?
Eigentlich stehen Ihnen Männer näher als Frauen.
So würde ich es nicht formulieren. Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass ich mehr von Männern verstehe, als die meisten Frauen. Und ich nehme sie ernst. Ich sag den Männern: Kinder, ich kenne euch, ich weiss, ihr könnt anders auch sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.11.2011, 10:33 Uhr
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63 Kommentare
Ich bin Frau Schwarzer sehr dankbar, dass Sie für die Rechte und Interessen der Frauen kämpft. Ich bin in einer Eltern-Generation aufgewachsen, wo Väter ihre Frauen in die Psychiatrische Klinik einweisen konnten, wo das Arbeitsverbot für verheiratete Frauen galt. Ohne das Engagement von Alice Schwarzer und Co. wären wir Frauen heute nicht in fast allen Sektoren vertreten. Danke Frau Schwarzer! Antworten
Wann wird diese Frau endlich verschwinden. Ihre in den 70ern durchaus angebrachte Kritik ist in der heutigen Zeit nur noch blanker Unsinn. Als wären/müssten Frauen heute unterwürfig sein. Ich bezweifle dass es jemals so war. Sie ist eine dieser Witzfiguren die man nicht mehr los wird. Eine Art weiblicher Silvio Berlusconi. Interessanterweise sind auch beide ähnlich sexistisch. Antworten

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