«Alle Werfen Sacher Furth»

Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 16.03.2010

Das Schweizer Autorenpaar Judith Stadlin und Michael van Orsouw erzählt Geschichten nur mit Ortsnamen. Das ist auf den ersten Blick anstrengend – wenn man sich aber darauf einlässt, wird es urkomisch.

Mit Vollgas Richtung Lachen: So treten Michael van Orsouw und Judith Stadlin auf.

Mit Vollgas Richtung Lachen: So treten Michael van Orsouw und Judith Stadlin auf. (Bild: Michael Klemm)

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Trent

Weil Liepe Schwand,

Ehegatten Helena Plus

Franken Lebehn Trent.

Weil Liebenau Weg,

Helena Plus

Franken Thun Ehe Scheiden.

Ehe Ringen Weeg.

Frank furt, Er furt, Is fort.

Jeetze Frankleben Dallein.

Helena Auchel Lebehn Singlis.

Singlding Istha Trent!

Da muss jemand berauscht sein, um so etwas zu dichten, denkt man, oder zumindest heitere Rotweinnächte zu kreativen Aderlassen nutzen. Die Geschichten im neuen Buch «Vill Lachen Ohnewitz» des Schweizer Autorenpaars Judith Stadlin und Michael van Orsouw bestehen nämlich aus lauter Ortsnamen – kein anderes Wort kommt darin vor.

Ein wenig leiden muss, wer sich die Lektüre im stillen Kämmerlein antut. Doch was zunächst als anstrengend zu entschlüsselnde, kaum verständliche Aneinanderreihung von kurligen Worten erscheint, entpuppt sich mit der Zeit als inspirierende, künstlerische Sprache. Und die liest man am besten laut, um den Rhythmus zu erfassen und die Bedeutung zu erkennen. Es klingt dann ein wenig wie eine Persiflage des Althochdeutschen oder eine krude Mischung zwischen Schweizer und deutschen Dialekten. Kurz: Man muss schmunzeln und lachen – je länger, desto mehr.

Von Angstl bis Zwingen

Die beiden Sprachkünstler, die unter dem Literaturlabel Satz & Pfeffer auftreten und in Zug eine Lesebühne betreiben, haben gegen 5000 Ortsnamen aus dem deutschsprachigen Raum herausgepickt, sie alphabetisch kategorisiert und zu einer Art Atlas verarbeitet. Ihr Lexikon der seltsamen Ortsnamen spannt sich von Angstl (in Deutschland) über Fucking (in Österreich), Stilli (in der Schweiz), Wutach (D) bis hin zu Zwingen (CH) – und befindet sich im Anhang ihres Buches.

Aus diesem Vokabular schmieden sie Geschichten, imitieren Liedtetexte oder Märchen und bringen Zeitgeistthemen auf den Punkt. So etwa in der Kurzgeschichte «Drecke», die in einer Strophe besagt: «Müllheim, Abfaltersberg, Dreckburg. Alle Werfen Sacher Furth». Oder in «Trent», die den Trend zum Single-Dasein parodiert (siehe Gedicht ganz rechts). Ihre Genesis nennen sie «Gottenz Kleinich Scherz» – und als Scherz, allerdings intelligenten, liest sie sich auch. Längere Dialoge und lyrische Miniaturen wechseln sich ab mit urkomischen Anekdoten, etwa der vom «Lust Igel Fröschen», das auf die Welt kam, weil auf der «Farbing Wies» eine «Buntekuh» auf einen «Butenbock» trifft. «Zusamzell Tadten Treib!» – und schliesslich: «Buntekuh Wirft Lust Igel Farbing Fröschen.» Mit «Kaina Wunder!» endet der Achtzeiler.

«Hochliterarische Arbeit»

«Kehn Nivo!» (aus «Dummertevitz»), könnte man da einwenden. Die Geschichten von Judith Stadlin und Michael van Orsouw lassen sich in der Tat nicht in den Kanon der Hochliteratur einordnen. Michael van Orsouw erklärt derweil ungerührt: «Uns gehts um den spielerischen Umgang mit der Sprache, wir wollen Grenzen ausloten – und das ist hochliterarische Arbeit.» Und nicht leichte, offenbar. Ihre originelle Sprache, die als Transportmittel komödiantischer Inhalte dient und gleichzeitig poetische Kraft entfaltet, ist nicht Produkt spontaner Geistesblitze. «Es ist knochenharte Arbeit», sagt Michael van Orsouw. Man muss aufpassen, dass einem die heitere Freude an den Kurzgeschichten nicht abhanden kommt, hört man zu, wie sie genau entstehen.

Da erzählt der Autor dann mit betonter Ernsthaftigkeit von verschiedenen Ebenen; erstens: die inhaltliche («Was wollen wir erzählen?»), zweitens: die Ebene der Ortsnamen und ihrer Assoziationen («Wer einen Ort kennt, hat ein Bild davon und kann das schlecht lösen vom Text»), drittens: die Ebene der gewollten Irritation («Wir brauchen zum Beispiel bewusst das Wort ‹Kommern› statt ‹Kommen›»). Das tönt ein wenig technisch – aber selber schuld, wenn man ein Werk auf den Seziertisch legt und nach der Konstruktion fragt. Als was sieht sich Michael van Orsouw denn selbst, wenn er solcherart Geschichten fabriziert? Als «literarischen Allgemeinpraktiker», sagts, um gleich anzufügen: «Das ist ironisch gemeint».

Ein Grosserfolg in Deutschland

Das Ehepaar beschäftigt sich schon seit längerem mit Ortsnamen und hat für einzelne Geschichten bereits Preise erhalten. Auch «Vill Lachen Ohnewitz» ist prämiert: mit dem Zentralschweizer Literaturförderungspreis 2010. Vor allem in Deutschland füllen Satz & Pfeffer schon seit Jahren die Säle; das Vorgänger-Programm «Die Städte-Rallye» war ein grosser Erfolg. Bezeichnenderweise fanden Buchvernissage und performative Premiere von «Vill Lachen Ohnewitz» ebenfalls in Deutschland statt, sprich: Berlin. Es schwingt etwas Bitteres mit, wenn Michael van Orsouw erzählt, sie würden hierzulande erst seit ihrem Erfolg im Nachbarland richtig ernst genommen. Mit mangelndem Schweizer Humor für Wortwitz will er das nicht missverstanden haben. «Das Publikum lacht hier wie dort genau gleich, aber vielleicht nicht immer an der gleichen Stelle – je nachdem, wer einen Ort besser kennt.»

Wenn «Vill Lachen Ohnewitz» auch nicht Resultat kreativer Rauschzustände ist – das Buch selbst wirkt wie ein Rausch: Man kommt irgendwann kaum mehr los und glaubt sich selbst in dieser satz&pfeffrigen Sprache denken zu hören. Das gefällt dem Duo. Es möchte Leserschaft und Publikum mit einem Virus infizieren, die Leute ob der eigenartigen Ortsnamen staunen lassen, sie fesseln «und für das Spielerische der Sprache sensibilisieren».

Letztlich ist ihr Buch auch wunderbare PR in eigener Sache; manch einem Leser wird es wohl ergehen wie dem Deutschen, der eine Kunstinstitution leitet und dem Autorenpaar bei der Buchpremiere in Berlin gestand, er müsse, seit er ihre Arbeit kenne, jedes Mal an sie denken, wenn er die Ortstafel «Lederhose» sehe – und eben nicht an den Ort oder eine Lederhose. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2010, 08:58 Uhr

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