Kultur

Am meisten freut sie sich auf das Schweizerdeutsch

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 21.11.2010

Maile Meloy ist 38, lebt in Los Angeles und ist eins der grossen, jungen Schreibtalente Amerikas. Ihr neues Buch «Tochter einer Familie» ist ein Roman übers Romanschreiben. Am Montag liest sie in Zürich.

Unaufgeregt und bescheiden: Schriftstellerin Maile Meloy.

Unaufgeregt und bescheiden: Schriftstellerin Maile Meloy.
Bild: Vanja Vukovic

Das Buch und die Lesung

Maile Meloy: Tochter einer Familie. Aus dem Englischen von Ursula Mössner. Kein & Aber, Zürich 2010. 383 S.,ca. 36 Fr.
Maile Meloy liest am Montag, 22. 11., 20 Uhr, im Literaturhaus Zürich.

Drumherum Gold und ein Grossaufgebot an Säulen und Schnörkeln – auf der Treppe des Heidelberger Edelhotels Europäischer Hof aber steht eine junge Frau, die schlicht und schön ist wie Aschenbrödel, in schmucklosem Schwarz, ungeschminkt, mit offenem, saharafarbenem Haar. Maile Meloy, die auf der renommierten Granta-Liste «Best of Young American Novelists» figuriert und sich mit ihren Kurzgeschichten mehrere Auszeichnungen erschrieben hat, tritt so bescheiden auf, als wäre sie Abby, die Heldin ihres neuen Romans, eine Jungautorin, die mit ihrer Verlegerin über ihren Debütroman spricht.

Abby wird bei dieser Gelegenheit knallrot; Maile Meloy hingegen behält ihren hellen Teint, als sie, mit Tee und Croissant gegen den Jetlag ankämpfend, von ihrem Zweitling «Tochter einer Familie» («A Family Daughter», 2006) erzählt, den sie am kommenden Montag im Literaturhaus Zürich vorstellt. Dennoch kennt die 38-jährige Schriftstellerin aus Los Angeles die Ängste ihrer Protagonistin nur zu gut.

Bei Disney in der Lehre

«Während ich‹Tochter einer Familie› schrieb, war ich mit dem Vorgängerroman unterwegs, und bei den Lesungen zitterten mir regelmässig die Beine. Diese Erfahrungen wollte ich in mein neues Buch einfliessen lassen.» Eine Autorengestalt musste also her – und woher nehmen, wenn nicht aus der Familie der Santerres, dieser Familie der «Liars and Saints», wie Meloys Erstlingsroman heisst, dieser Familie der Geheimniskrämer und Geschichtenerzähler?

«Zuerst dachte ich, Schwerenöter Jamie, Abbys Onkel, müsse der Schriftsteller sein. Aber irgendwie ging das nicht, dazu hatte er gar nicht die Disziplin. Meine Wahl fiel auf Abby. Doch weil sie in‹Liars and Saints› ja starb, musste ich sie wieder zum Leben erwecken.» Und das war auch die Geburtsstunde der Metafiktion in Meloys Werk. «Bis jetzt habe ich immer das typisch amerikanische Ideal des realistischen Schreibens verfolgt. Da hat mir der Sprung ins Metafiktionale grossen Spass gemacht. Die zwei Geschichten greifen jetzt wie ein Puzzle ineinander.»

Verborgene Wahrheiten freilegen

Ihr Faible fürs narrative Freilegen verborgener Wahrheiten, wie Lügner und Heilige sie kennen, ihre Spannung beim fiktionalen Spekulieren und Puzzeln entdeckte Maile Meloy im letzten Collegejahr. Sie wusste sofort: Das ist es. Am Schreibtisch kommt sie sich denn ein wenig vor wie im Märchen. Anderthalb Jahre hatte sie während des Studiums in der Story-Fabrik von Walt Disney gearbeitet, in der Abteilung, in der die Märchenversatzstücke neu arrangiert werden. Und heute kreuzt beim Geschichtenerzählen plötzlich ein Riese beziehungsweise irgendeine Überraschung Maile Meloys Weg – und am Schluss zieht unser Aschenbrödel mit den grossen Kastanienaugen reich beschenkt ins Schloss der Literatur ein.

«Es macht keinen Spass, wenn ich weiss, was als Nächstes passiert», sagt die Schriftstellerin, die sich just mit Lust an einer neuen Form, dem Jugendbuch, versucht hat. An der University of California, Irvine, hat sie das angesehene Creative-Writing-Programm bei Geoffrey Wolff absolviert, aber Routine ist bei ihr bloss die morgendliche Arbeitszeit am Pult. Der Rest ist Abenteuer: Bei «Tochter einer Familie» waren es die Beziehungen, die den Ausgangspunkt dafür bildeten.

Da ist Abby, die Literaturstudentin, die nach dem Tod ihres Vaters in ein inzestuöses Verhältnis mit Onkel Jamie hineinrutscht, während ihre Mutter sich in einer lesbischen Beziehung zu finden versucht. Abby schreibt einen Familienroman und stösst dabei an so manch gut gehütetes Geheimnis ihrer eigenen Familie. Ihre Tante bricht, nach der Romanlektüre, aus ihrer «guten Ehe» aus, Jamie flüchtet sich in eine schlechte und adoptiert ein Kind, am Ende gibt es ein bisschen Liebe, zwei Tote, und (seelisch) verletzt sind alle.

Die Landlosen aus Kanada

Das klingt wild – aber die Autorin, die so unaufgeregt auftritt und behutsam jede Antwort abwägt, als sei sie ein rohes Ei, schreibt auch unaufgeregt und behutsam. Ihre Figuren entfalten sich wie Fächer, ihre Dialoge sind knapp und träf, man hört ihre Faszination für Rhythmus und Redewendungen – ein Grund für ihr grosses Interesse am Besuch in Zürich ist das Schweizerdeutsche, das für sie neu ist.

Und in all dem amerikanischen Tohuwabohu steckt die Erfahrung der Verlorenheit und Hilflosigkeit: auch jene eines kleinen Mädchens namens Maile in Montana, dessen Eltern geschieden sind und das im Zweimonatsrhythmus mal in Mamas neuer Familie lebt, mal in Papas.

«Tochter einer Familie» wächst über das Bild eines amerikanischen Interieurs hinaus. Die Santerres (Sans-Terres) haben einen frankokanadischen Hintergrund wie die Meloys; die Armut verschlug sie schliesslich nach Kalifornien, den Katholizismus nahmen sie mit, aber die Gewissheiten verloren sie auf dem Weg: Maile Meloy zeichnet eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts entlang der klassischen Form einer Familiensaga, gestützt auf eigene Sippenlegenden. Sie betrieb dafür ausführliche historische Recherchen, und dass sie auf dem Pult immer die welthistorische Timeline liegen hatte, glaubt man ihr sofort, auch wenn sie diesen Fond nur diskret hingetuscht hat.

«Mich fasziniert, was mit der Vergangenheit in unserer Erinnerung passiert», sagt die Tochter von Rechtsanwälten, die selbst im Innocence Project engagiert ist, das juristische Fehlurteile aufdeckt und den Blick auf die Vergangenheit zurechtrückt. «Unser Gedächtnis speichert nicht objektive Wahrheiten, sondern Geschichten.» Aus der Asche geborene Märchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2010, 07:49 Uhr