An der Schreibmaschine, dem Rand der Welt

Er schrieb auf einer Hermes, einer Olivetti, einer Remington: Max Frisch, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, schrieb nicht gern von Hand und bevorzugte die Maschine.

Max Frisch 1979 in seiner Wohnung in Küsnacht: Beim Tippen empfand er die grössten Glücksgefühle.

Max Frisch 1979 in seiner Wohnung in Küsnacht: Beim Tippen empfand er die grössten Glücksgefühle. Bild: Keystone

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Die Schreibmaschine war für Max Frisch mehr als nur ein technisches Schreibwerkzeug auf der Höhe der Zeit. Sie bedeutete ihm von Anfang an den gewonnenen Freiraum des Schreibens und das Accessoire par excellence dessen, der sich entschieden hat, Schriftsteller zu werden. «Viel Raum. Man spürt den Raum, auch wenn man nicht hinausschaut; wenn ich lese oder an der Schreibmaschine sitze (. . .), es bleibt das Gefühl, man befinde sich am Rande der Welt», notierte Frisch beispielhaft im Tagebuch auf Sylt im Arbeitszimmer von Peter Suhrkamp.

Schon der Schüler schrieb auf einer «gemieteten Maschine droben im Estrich» des Elternhauses in Zürich-Hottingen erste Theaterstücke, wie er 1948 im Tagebuch notierte. Die Entschiedenheit, mit der sich der junge Frisch dem Schreiben zuwandte, zeigt sich auch an dem von ihm hervorgehobenen ökonomischen Moment: Zuerst als Miet-, später als Besitzobjekt überstieg die Schreibmaschine seine finanziellen Möglichkeiten. Das Schreiben auf der Maschine stellte er so als eine Unverhältnismässigkeit, ja Grenzüberschreitung dar: «Ich habe nie Schulden gemacht, ausgenommen ein Mal: meine erste Schreibmaschine, Remington portable, eine Occasion, kostet 150 Franken, ich kann aber nur 50 Franken anzahlen. Ich weiss, dass ich den Rest nie bezahlt habe . . .» («Montauk»).

So waren es wesentlich eine Schreibmaschine sowie einige weitere Schriftstellerzubehöre, die Frisch 1942 als seinen bescheidenen mobilen Besitz in die erste Ehe mit der grossbürgerlichen Trudy von Meyenburg einbringen konnte. «Ich habe wenig in die erste Ehe gebracht, eine Couch, eine Decke zu dieser Couch, die Schreibmaschine, Bücher, einen Schreibtisch (. . .)» («Montauk»). Konsequent ist auch, dass kurz darauf der junge Vater für die Kinder primär über das laute Tippgeräusch seiner Schreibmaschine wahrgenommen wurde. Es liess ihn im Familienleben an der Zollikerstrasse in Zürich weniger präsent als absent erscheinen, so die Tochter Ursula: «In der Mansarde das Klappern der Schreibmaschine – nicht dass ich unten im Garten beim Spielen besonders darauf geachtet hätte, aber das Geklapper bedeutete: er ist da. Und gleichzeitig hiess es, dass er unerreichbar weit weg ist. (. . .) Mit keinem selbstgemalten Bild, keinem Strauss Primeln, auch nicht mit einem aufregenden Kindererlebnis, das ich ihm hätte erzählen wollen, war er von seiner Schreibmaschine wegzubekommen», schrieb sie in «Sturz durch alle Spiegel».

Der schreibende Soldat

Selbst die vielen Hundert Tage Militärdienst, die Max Frisch zwischen 1939 und 1945 zu leisten hatte, konnten das Schreiben an der Maschine nicht unterbrechen. Die «Blätter aus dem Brotsack» (1940) etwa entstanden nicht etwa handschriftlich auf dem Feld, sondern an einer Militärmaschine zu Zeiten, die dem schreibenden Soldaten eigens zugewiesen wurden: «Es handle sich um ein Tagebuch, das geschrieben werden sollte, so ein Tagebuch unseres Grenzdienstes. Jeden Tag, während der Geschützschule, stehe eine Stunde zur Verfügung, auch eine feldgraue Schreibmaschine sei da» – wohl eine Hermes, wie sie in der Schweizer Armee gängig war.

Wenn die Schreibmaschine als Erzeugerin von Literatur bei Frisch weder durch Familie noch durch Militär infrage gestellt wurde, so doch zumindest zeitweise durch die Konkurrenz zum Architektenberuf. Unmittelbar nach seiner Entscheidung gegen das Schreiben und für den bürgerlichen Beruf um 1940, im Zuge dessen er alles bisher Geschriebene verbrannte, trat die Schreibmaschine gegenüber den Utensilien des Architekten zurück: «Reissbrett, Bleistift, Rechenschieber, Pauspapier, Zirkel, Geruch von Tusche. Der weisse Kittel des Zeichners.»

So war die Rückkehr zur Literatur wenige Jahre später zugleich eine entschiedene Rehabilitation der Schreibmaschine, während er die Architektenutensilien verkaufte. Die Entschiedenheit zur Schreibmaschine ist in keinem Text so zentral wie im «Homo faber». Deutlich wird dort auch, dass Schreiben bei Frisch kein unvermittelt-geistiger, sondern ein maschinell vermittelter Vorgang war: modern, ohne Angst vor dem Medium und der Technik. Die Haltung Fabers (und Frischs) steht darin diametral gegen diejenige eines zeitgenössischen Kulturpessimisten wie Martin Heidegger, der gegen die Schreibmaschine eine vormoderne Metaphysik der Handschrift hochhielt. In der Maschine sah er eine Bedrohung des menschlichen «Wesens» überhaupt: «Der moderne Mensch schreibt nicht zufällig ‹mit› der Schreibmaschine und ‹diktiert› (dasselbe Wort wie ‹Dichten›) ‹in› die Maschine. (. . .) Die Schreibmaschine entreisst die Schrift dem Wesensbereich der Hand, und d. h. des Wortes. (. . .) In der Maschinenschrift sehen alle Menschen gleich aus», so Heidegger im Winter 1942/43.

Frischs technophiler Homo faber dagegen hasst gerade die Handschrift und zählt zu seinem Maschinenpark nicht nur Opel, Super Constellation, Rasierer und Kamera, sondern auch seine geliebte Hermes Baby, eine weit verbreitete Schreibmaschine auch der Nachkriegszeit, wie sie Frisch selbst bevorzugte. Dass es sich dabei um eine Reiseschreibmaschine handelt, ist auch für ihn bedeutsam: geradezu «nomadisch» unterwegs, wie er selber sagte, brauchte er ein mobiles Gerät. So auch Faber: Auch nach einer Notlandung in der mexikanischen Wüste ist er wesentlich mit seiner Schreibmaschine beschäftigt («Ich putzte meine Hermes-Baby») und schreibt: «Man musste fast schreiben, bloss damit die lieben Leute nicht fragten, ob man denn keine Frau habe, keine Mutter, keine Kinder, – ich holte meine Hermes-Baby (sie ist heute noch voll Sand) und spannte einen Bogen ein (. . .), tippte das Datum und schob – Platz für Anrede: ‹My Dear!›»

Im Spital zu laut

Die Hermes Baby ist denn auch fast das Einzige, was dem todkranken Faber geblieben war: «Ich habe nur meine Mappe, meine Hermes-Baby, Mantel und Hut, so dass der Zoll sofort erledigt ist.» Nicht zufällig wird ihm im Krankenhaus ebendieses Accessoire abgenommen – zu laut sei es –, und er wird genötigt, zur vortechnischen Handschrift zurückzukehren. «Sie haben meine Hermes-Baby genommen und in den weissen Schrank geschlossen, weil Mittag, weil Ruhestunde. Ich solle von Hand schreiben! Ich kann Handschrift nicht leiden.» Zur Handschrift genötigt wird auch Stiller, dem im Gefängnis zur Aufzeichnung seiner «wahren» Geschichte «ein Block weissen Papiers» und «eine Füllfeder mit Tinte» hingestellt werden.

Die Bevorzugung der Maschinen- gegenüber der Handschrift bestätigt auch Frischs Sekretärin seit 1970, Rosemarie Primault, für Frisch selbst. Zwar schrieb er auch mit der Hand, nicht nur Briefe, auch Notizhefte und Zettel. Doch die weiteren Vorlagen für seine literarischen Texte, oft mehrere Versionen mit eingeschobenen Veränderungen, schrieb er mit der Maschine, wie Primault mit Bezug auf das zweite Tagebuch und die Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» berichtet. Es sind dies beides Collagentexte, die das schreibtechnische Maschinenspiel mit Textbausteinen und Schrifttypen im Vorfeld des Computerzeitalters weit ausschöpften: «Er schrieb auf seiner Schreibmaschine. Aber es waren unfertige Texte. Frisch überarbeitete alles fünfmal und behielt von einem Stoff bloss einen Drittel. Zwei Drittel strich er in der Regel wieder. (. . .) Damals schrieb ich noch mit einer Kugelschreibmaschine, einer Remington. Was man jeweils noch verwenden konnte, schnitt ich aus und klebte es auf ein neues Blatt. Das legte ich dann unter den Fotokopierer. Mit dem Material konnte er dann wieder neu arbeiten» (Interview im TA, 30. März 2010).

Frisch benutzte auch in seiner letzten Wohnung in der Zürcher Stadelhoferstrasse nach 1983 eine elektrische Maschine, eine Butec 2000, wobei er allerdings mit solchen Maschinen insgesamt weniger zurechtkam als mit mechanischen: Das Summen störte, und die Tasten reagierten zu sensibel. Ingeborg Bachmann, Frischs Partnerin in Rom um 1960, war mit ihm auch an der Schreibmaschine auf Augenhöhe. Während sie jedoch auf einer elektrischen IBM arbeitete, hämmerte Frisch auf seiner mechanischen Maschine. Das führte in der gemeinsamen Wohnung in Rom zu Spannungen, wie Hans Werner Henze berichtet: «Hörte er ihre Maschine klappern, musste er aufhören zu arbeiten. (. . .) Und wenn Ingeborg den Max tippen hörte – er war besonders fleissig, bekanntlich –, ging sie ins Café Greco oder unter die Haube des Friseurs, wo sie stundenlang Illustrierte las.»

«Ich kann’s nicht lassen»

Das ausdauernde und laute mechanische Tippen auf der Maschine blieb Frischs charakteristische Schreibgeste. In seinem Haus in Berzona, das er 1964 umbauen liess, hämmerte er mit den Handwerkern um die Wette: «Wenn ich an der Schreibmaschine sitze, stören mich die klopfenden Arbeiter nicht, im Gegenteil: wir arbeiten» («Montauk»).

Während Frisch später in Berzona auf einer kleinen Adler portable schrieb, sass er 1974, in New York an einer Olivetti Lettera. In «Montauk» findet sich ein neues Bekenntnis zur Maschine und der physischen Arbeit an ihr, wieder mit Bezug auf den «Holozän»: «Olivetti Lettera ich kann’s nicht lassen, ich habe eine kleine Schreibmaschine gekauft ohne literarische Absicht. (Eine literarische Erzählung, die im Tessin spielt, ist zum vierten Mal missraten [. . .]) Diese Obsession, Sätze zu tippen –.» Die «Obsession» verrät den Affekt, ebenso das «Glück»: Zeitgleich antwortete Frisch auf Heinz Ludwig Arnolds Frage: «Gibt es Glücksgefühle beim Schreiben, an der Schreibmaschine?» Frisch: «Die grössten, die es gibt, ja.»

Der Affekt für die Maschine bestätigt sich nicht zuletzt an der Möglichkeit des Umschlagens ins Gegenteil: Im letzten Jahrzehnt seines Lebens, in dem Frisch sich vom Schreiben zurückzog, wandte sich jenes «Glück» an der Maschine in «Ekel» vor ihr (vor allem vor der elektrischen), wie er nach dem Erscheinen des «Holozän» am 9. August 1979 an Uwe Johnson schrieb: «Es ist (. . .) das erste Mal, dass ich wochenlang nichts schreibe. Ich habe auch kein Projekt, jedenfalls keines, das mich an die Schreibmaschine zieht. Was kann die Schreibmaschine dafür, dass ich Ekel vor ihr empfinde ( – wie vor der Handschrift übrigens auch).» Ein modernes Schriftstellerleben mit der Schreibmaschine sucht sein Ende im Affekt gegen sie.

Von Andreas Kilcher, Professor an der ETH Zürich, erscheint im Juni bei Suhrkamp in der Reihe Basisbiografien der Band zu Max Frisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2011, 15:09 Uhr

«Olivetti Lettera, ich habe eine kleine Schreibmaschine gekauft. Diese Obsession, Sätze zu tippen.» Max Frisch, «Montauk »(1975)

«Ich holte meine Hermes-Baby, spannte den Bogen ein, tippte das Datum und schob – Platz für eine Anrede: ‹My Dear!›» Max Frisch, «Homo Faber» (1975)

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