Kultur

Auf Höllenfahrt mit Bolaño

Von Christoph Kuhn. Aktualisiert am 04.09.2009

Die Welt ist ohne Moral, und die Apokalypse erschreckt keinen mehr: In seinem grossen Roman «2666» nimmt Roberto Bolaño seine Leser mit auf eine Reise in die Stadt, die ihre Besucher auslöscht.

Literarischer Schwerarbeiter und Rebell: Roberto Bolaño (1953–2003) beherrschte und mischte viele Stile.

Literarischer Schwerarbeiter und Rebell: Roberto Bolaño (1953–2003) beherrschte und mischte viele Stile. (Bild: Keystone)

Manchmal, eher selten, halten jene Bücher, die von einem Verlag mit ganz besonders grossem Werbeaufwand ans Publikum gebracht werden, das, was sie versprechen. Manchmal, eher selten, verfügen sie tatsächlich über jene Sprengkraft, die ihnen im Voraus attestiert wird. Im Fall von Roberto Bolaños nachgelassenem Roman «2666» ist das der Fall. Was auch dem Übersetzer, Christian Hansen, zu verdanken ist. Er hat für die wechselnden Töne und Stilformen, die der Chilene in seinem Spanisch einsetzt, die adäquaten deutschen Wendungen gefunden.

Roberto Bolaño (1953–2003) war ein hochgebildeter Rebell, der sich in seinen rund zwanzig lyrischen, epischen und essayistischen Werken einen Spass daraus machte, alle möglichen literarischen Formen auszuprobieren, zu unterlaufen, zu parodieren oder eben zu sprengen. Er galt im spanischen Kulturraum seit langem als Romancier der Spitzenklasse. Bei uns wurde man, obwohl mehrere seiner Bücher übersetzt wurden, erst 2002 auf ihn aufmerksam. Damals erschien der Roman «Die wilden Detektive» (der geografisch dorthin strebt, wo «2666» sein Zentrum hat) – und begeisterte Leser und Kritik.

Wildes Leben in Mexiko

Bolaño hat einen grossen Teil seines wilden Lebens in Mexiko verbracht, wo er mit Freunden den «Infrarealismus» erfand, eine am Surrealismus geschulte Bewegung, die sich, lustvoll und mit viel Spielfreude betrieben, am Zerstören literarischer Traditionen und Konventionen delektierte (entsprechende Szenen aus Bolaños Leben, Zeugnisse seines Denkens und Schaffens, werden in «Die wilden Detektive» thematisiert). Nach einem Abstecher 1973 ins heimatliche Santiago de Chile und einem Kurzaufenthalt in Pinochets Kerkern, denen der Autor mithilfe einflussreicher Amigos zu entkommen vermochte, liess sich der Autor in der Nähe von Barcelona nieder, gab, mit zunehmendem Erfolg, sein Vagabundenleben auf, gründete eine Familie, profilierte sich als überaus produktiver literarischer Schwerarbeiter und starb viel zu früh an den Folgen einer Lebererkrankung.

Fünf Bücher in einem

Bolaño hat seinen Monsterroman von 1085 Seiten nicht mehr ganz zu Ende schreiben, nicht mehr durchsehen können, sodass wir nicht wissen, ob die vielen losen Enden, die wir nach der Lektüre in Händen halten, zusammengefügt hätten werden sollen oder nicht. Der Titel «2666» wird im Innern des Buchs nirgends erklärt und hat bei der spanischen Kritik Anlass zu den abenteuerlichsten Spekulationen gegeben, auf die sich einzulassen sinnlos ist. Der Roman besteht aus fünf Teilen, die locker miteinander verquickt sind. Man kann das Ganze ohne weiteres als Folge von selbstständigen Texten lesen, und die Anekdote will wissen, dass der todkranke Autor seinem Verleger vorgeschlagen haben soll, das Werk happenweise, in fünf Lieferungen zu publizieren, aus ökonomischen Gründen, um die Familie optimal zu versorgen.

Jedenfalls schlagen einen die Hauptgeschichten mit ihren schwarzen Löchern, ihren Geheimnissen, ihren Brüchen und die daruntergemischten tausend Nebenstorys derart in Bann, dass man immer weiterlesen möchte, fest auf die schier unerschöpfliche Fantasie des Autors setzend, der in ganz selbstverständlicher Manier auf jeden Einfall einen neuen setzt, sich dabei der mannigfaltigsten Techniken bedient und, offensichtlich, die Übersicht behält, auch oder gerade dann, wenn angefangene Stücke zugunsten neuer aufgegeben werden, Blick- und Richtungswechsel stattfinden und sich die Erzählschichten überlagern oder durchdringen.

Satire auf den akademischen Betrieb

Das erste Buch, «Der Teil der Kritiker», liest sich als Satire auf den akademischen Betrieb, wirkt etwas kopflastig – eine an Borges geschulte Prosa. Vier Literaturwissenschafter aus verschiedenen europäischen Ländern, drei Männer und eine Frau, haben sich das Werk eines geheimnisvollen, verschwundenen deutschen Schriftstellers zum Forschungszweck genommen. Der nennt sich Benno von Archimboldi und ist für den Nobelpreis nominiert. Sie tauschen sich aus, lernen sich an Kongressen kennen, Freundschaften entstehen, und sie hüpfen oft ins Bett.

Schliesslich reisen sie nach Mexiko, in den an der Grenze zu Arizona gelegenen Bundesstaat Sonora, in die (erfundene) Stadt Santa Teresa, weil Archimboldi dort gesichtet worden ist. Sie finden ihn nicht – und es verschwinden die vier Wissenschafter aus dem Roman, ohne Spuren zu hinterlassen.

Das zweite Buch handelt von Amalfitano, einem katalanischen Philosophieprofessor, der in Santa Teresa gestrandet ist, Stimmen hört und Angst hat, den Verstand zu verlieren. Im dritten Teil lernen wir einen schwarzen US-Journalisten mit dem sprechenden Namen Oscar Fate kennen, der von seiner Zeitung nach Santa Teresa geschickt worden ist, um über einen Boxkampf zu berichten. Dieser Teil ist im Ton einer nüchternen, exakten Reportage geschrieben. Unmerklich verdüstert sich das Bild der Stadt. Bolaño hat sie dem real existierenden Ort namens Ciudad Juarez nachgebildet, und der schwarze Journalist erlebt sie, je länger sein Aufenthalt dauert, als bedrohlich. Auch er entschwindet am Ende dieses Teils per Auto über die Grenze und taucht nicht wieder auf.

Das Protokoll eines Serienmords

In der vierten Abteilung, dem Zentrum und Schwerpunkt des Romans («Der Teil von den Verbrechen») geraten wir buchstäblich in Teufels Küche, wobei das noch euphemistisch ausgedrückt ist: Nicht ein, sondern zahlreiche unerkannte, ungestrafte, unsichtbare Teufel wüten in Santa Teresa. Der Autor schickt sein Publikum auf eine wahre Höllenfahrt. Dabei bedient er sich einer unheimlichen Technik. Er beschreibt in knapp gehaltenen Abschnitten über hundert Morde, die an jungen Frauen verübt wurden, bestialische Morde, meist mit Vergewaltigung und Folter kombiniert. Die verstümmelten Leichen werden auf Müllhalden, im Gebüsch, im Niemandsland am Rand armseliger Siedlungen gefunden. Die Täter bleiben bis auf wenige Ausnahmen unentdeckt.

Geschrieben sind diese Passagen in der Art amtlicher Protokolle. In den 1990er-Jahren wurden in der Umgebung von Ciudad Juarez tatsächlich Hunderte von Morden an jungen Frauen begangen. Bolaño hat über einen befreundeten Journalisten Zugang zu Dokumenten und Akten erhalten. Stilistisch gesehen, benutzt und imitiert er die technoide, nonfiktionale Sprache eines Polizisten, um möglichst realitätsnah fiktionale Schicksale und Mordtaten zu erzählen. Er zieht seine Texte um die grauenhaften Tatorte wie Zäune. Da ist dann von Mitgefühl seitens der Leichenentdecker die Rede, da wird ganz vernünftig und logisch vermutet und untersucht, da erscheint die Hölle von Santa Teresa – in der Gesetz und Moral ausser Kraft gesetzt sind, während sich der Wahnsinn langsam in die Köpfe der Einwohner frisst – menschlich, allzu menschlich, es gibt Raum für Liebe, Sehnsucht, Komik.

Zuletzt spricht der Verschollene

Erst im letzten Teil kommt die Figur vor, von der man auf den ersten Seiten des Romans annimmt, dass es um sie gehen werde: Benno von Archimboldi, preussischer Dichter, der eigentlich Hans Reiter heisst und als Pseudonym den Namen eines italienischen Malers der Renaissance gewählt hat, unter anderem, um allzu Neugierige daran zu hindern, seine Fährte aufzunehmen. Archimboldi muss man sich als eine Art modernen Parzival vorstellen. Er ist ein naiver, schweigsamer Naturmensch, der Soldat im Zweiten Weltkrieg wird, an den deutschen Eroberungsfeldzügen teilnimmt, als Autodidakt zum Schriftsteller mutiert, einen ehemaligen SS-Offizier und Judenmörder umbringt, in der Anonymität verschwindet und in hohem Alter aus familiären Gründen nach Santa Teresa reist, wo sich seine Spuren, wie die Spuren so vieler anderer, verlieren. Dieser fünfte Teil wird im Ton einer Chronik – mit vielen Bruchstellen – erzählt, wobei Ironie, Sarkasmus – Eigenschaften, über die Bolaño souverän gebietet – in reichem Masse eingesetzt werden.

Von den lateinamerikanischen Autoren, vor allem den älteren, sind wir barocke Sprachlust gewohnt, Wortkaskaden, Sinnlichkeit, Tropikales; einen überhöhten, ins Unwirkliche wachsenden Realismus, den man früher «magisch» nannte. Bolaño, der Rebell, benutzt derartige literarische Ingredienzen höchstens satirisch oder parodistisch. Seine Beschwörungen von Gewalt und Tod, seine Beschreibungen einer Welt ohne Moral, in der das Böse trivial wird und in der das Schreckliche an der Apokalypse ist, dass sie niemanden mehr zu schrecken scheint: Sie wirken durch ihre Selbstverständlichkeit. So grenzenlos einem des Autors Fantasie vorkommt, so unendlich die Masse an Stoff, die er verarbeitet, so chaotisch die Gänge und Irrgänge seiner Protagonisten: So bar jeden unangemessenen Schmucks, überflüssigen Gefunkels, so klar, transparent und genau bleibt seine Sprache. Eine Qualität, die sich dank der exzellenten Übertragung auch in Deutsch ermessen lässt.

Roberto Bolaño: 2666. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser 2009. 1085 S., ca. 50 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 20:32 Uhr

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