Kultur

Auf Höllenfahrt mit dem «Disaster Girl»

Von Eberhard Falcke. Aktualisiert am 23.04.2011 2 Kommentare

Tollkühne Piloten und dämliche Dolmetscher: Ein neues Buch versammelt die besten Schreckensreisen der Martha Gellhorn.

Martha Gellhorn verbuchte viele ihrer Unternehmungen als Reinfall – auch den Sex mit ihrem zeitweiligen Ehemann Ernest Hemingway (rechts).

Martha Gellhorn verbuchte viele ihrer Unternehmungen als Reinfall – auch den Sex mit ihrem zeitweiligen Ehemann Ernest Hemingway (rechts).
Bild: Keystone

Das Buch

Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten von Martha Gellhorn. Aus dem Englischen von Herwart Rosemann, Nachwort von Sigrid Löffler. Dörlemann, Zürich 2011. 544 S., etwa 40 Fr.

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Sie hat viel gesehen in ihrem Leben: Martha Gellhorn (1908–1998) war Kriegsreporterin vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg bis zu Vietnam, sie bereiste zahllose Länder, sie war einige Jahre mit Hemingway verheiratet und hob an Bars überall auf der Welt in jeder erdenklichen Gesellschaft das Glas. Kaum zu glauben, dass diese mutige und abenteuerlustige Natur nicht wenige ihrer Unternehmungen als Reinfall, Fehleinschätzung oder Dummheit verbuchte. Was auch für den Sex mit Hemingway zutraf.

In «Reisen mit mir und einem Anderen» hat sie sich auf ihre «besten Schreckensreisen» konzentriert. Die Stärke dieser in den 70er-Jahren niedergeschriebenen, zum Teil aus Tagebuchaufzeichnungen zitierten Rückblicke besteht in ihrer unverblümten Direktheit. Fast scheint es manchmal, als würde das «Disaster Girl», wie Martha Gellhorn wegen ihrer Fronttauglichkeit genannt wurde, persönlich bei einem Whisky über ihre Kapriolen plaudern. Wie sie sich etwa 1941 mit Hemingway durch China fahren liess, ohne recht zu wissen, was dort ausser Krieg, lausigem Wetter, tollkühnen Piloten und dämlichen Dolmetschern eigentlich das Thema war.

Mühsal war unter ihrer Würde

Martha Gellhorn nahm es meist ohne Vorbereitung in Archiven und Bibliotheken mit der Welt auf. Das konnte schiefgehen, und damit hängt mancher Fehlschlag, von dem hier erzählt wird, zusammen. Der kommunistische Führer Zhou Enlai, mit dem ein geheimes Treffen stattfand, war ihr kaum ein Begriff. Sein Charisma entging ihr jedoch nicht: «Ich war von diesem bezaubernden Mann überaus angetan; hätte er gesagt: Nehmen Sie meine Hand, und ich führe Sie in das Land der Lust, dann hätte ich nur darum gebeten, rasch meine Zahnbürste holen zu dürfen.»

Für Feinheiten des Gedankens, für Zwischentöne oder jene Zweifel, die zur Schärfung des Blicks nützlich sind, war Martha Gellhorn entschieden zu selbstbewusst. Mühsal und Langeweile waren unter ihrer Würde. Solche Allüren können dumm ausgehen, doch sie besass die Mittel des Ausgleichs: Tatkraft, Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit auch gegenüber sich selbst. Darum ist sie als Erzählerin am besten, wenn es um Ereignisse geht, bei denen sie das Heft in der Hand hatte. Das war, anders als in China, bei ihren Reisen in der Karibik und Afrika der Fall. Als journalistische Recherche geriet 1942 ihre Suche nach feindlichen deutschen U-Booten zwischen St. Thomas, Anguilla und St. Martin zwar zur lächerlichen Posse. Aber als Entdeckung des Stillstands, weltferner Idyllen und seltsamer Schicksale war diese Exkursion ein Erfolg.

Der Traum von Afrika

1962 erfüllte sich Martha Gellhorn ihren Afrika-Traum – mässig vorbereitet, wie üblich, und ohne journalistischen Auftrag. Entlang des Äquators schlug sie sich von Kamerun bis ins ostafrikanische Kenia durch. Da in ihrem Traum hauptsächlich Savannen und grüne Hügel vorkamen, war der grösste Teil der Reise eine Pein. Davon handelt der umfangreichste und interessanteste Text in diesem Band. Martha Gellhorn gehörte nicht zu den Reisenden, die ihre Berichte sorgsam mit kulturellen und historischen Lesefrüchten ausstaffieren. Bei ihr dominieren unmittelbare Beobachtungen und die Stimmungen, die sie hervorriefen. Tapfer bezwang sie alle Zumutungen von Natur, Klima und Gesellschaft, was sie nicht daran hinderte, beherzt darüber herzuziehen. Verbale Dritte-Welt-Fürsorge durch politisch korrekte Rhetorik war ihr fremd. Das schützte vor Heuchelei und brachte diskutable Einsichten hervor, damals 1962, kurz bevor etliche afrikanische Staaten unabhängig wurden: «Lasst die Weissen verschwinden, lasst die Schwarzen sehen, wie sie allein fertig werden, lasst sie in Ruhe, bis sie gelernt haben, sie selbst zu sein.»

Der Besuch bei Nadeschda Mandelstam, der Witwe des russischen Dichters, geriet 1971 nicht allein wegen der sowjetischen Schikanen zur «Horrorreise». Es öffneten sich auch Kluften zwischen den Bewohnerinnen des amerikanischen und jenen des sowjetischen Imperiums. Im letzten Stück nimmt die Vielgereiste die jüngere Generation aufs Korn, die Hippies, die ihr 1971 in Eilat am Roten Meer die frohe Botschaft der Bewusstseinserweiterung durch Kiffen verkündeten. «Es ist unmöglich in diesem Leben, einer schmerzlichen Anzahl nichtssagender Unterhaltungen aus dem Wege zu gehen, aber was den rein einseitigen Stumpfsinn betraf, schossen diese jungen Leute den Vogel ab.»

Martha Gellhorns unbeirrbare Selbstbezogenheit hatte auch ihre Tücken. Doch anders wären ihre «Schreckensreisen» kaum so grossartig geglückt. Alles in allem ist es stets ein Ereignis, wenn diese bemerkenswerte Frau von ihren Zusammenstössen mit der Welt erzählt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2011, 06:14 Uhr

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2 Kommentare

Daniel Zollinger

23.04.2011, 09:20 Uhr
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Vielleicht hätte man anstelle von Martha Gellhorn eher eine Story über ihren Ehemann Ernest Hemingway gebracht. Das ganze wäre sicher kreativer ausgefallen. Er war schliesslich ein genialer Schriftsteller. Antworten


andreas furrer

24.04.2011, 16:23 Uhr
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man fragt sich naürlich schon ein wenig, was diese empfehlung hier soll (oder hat jemand - z.b. vom rechten züriseeufer - hier etwas eingeschossen?) Antworten