Kultur

Auf Recherche mit der Polizei

Von Sacha Verna, New York. Aktualisiert am 04.06.2010

Richard Price ist der neue US-Literaturstar. In seinem aktuellen Buch «Cash» beschreibt er Parallelgesellschaften – und den Staub, der bei einer Kollision aufgewirbelt wird.

Ein spannungsgeladenes Quartier, ein Toter, ein Mörder und jede Menge Polizisten: Richard Price' Zutaten für einen urbanen Thriller.

Ein spannungsgeladenes Quartier, ein Toter, ein Mörder und jede Menge Polizisten: Richard Price' Zutaten für einen urbanen Thriller.

Richard Price: Cash. Roman. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. S. Fischer, Frankfurt am Main 2010. 520 S., ca. 35 Fr.

Zwischen dem Schauplatz von «Cash» an Manhattans Lower East Side und Richard Prices Haus in Harlem liegen ungefähr zehn Kilometer. Es könnten auch zehn Galaxien sein. Zwar hat das Harlem von heute nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem schwarzen Slum, in dem ein Weisser noch vor 15 Jahren kaum lebend von einem Ende eines Blocks zum anderen gekommen wäre. Dass der 60-jährige Autor hier vor kurzem eines der aufwendig renovierten Brownstone-Häuser bezogen hat, ist der beste Beweis dafür.

Doch anders als an der Lower East Side sind hippe Bars, Edelboutiquen für Flohmarktkitsch und die sie frequentierenden Rudel junger Menschen mit interessanten Brillen und komplizierten Weltanschauungen in diesem Stadtteil noch ziemlich rar.

Wie ein Verkehrsunfall

«Die Gentrifizierung ist eine zweischneidige Angelegenheit», sagt Richard Price, während er in eine turnhallengrosse Wohnküche im Untergeschoss führt, die auf einen kleinen Garten hinausgeht. «Niemand will Drogen und Gewalt in einem Quartier. Aber die Armen verschwinden nicht einfach, wenn der Wohlstand Einzug hält. Es ist, als würde man ohne Kehrschaufel sauber machen.» Eben davon handelt Richard Prices neuer Roman: von der Kollision gesellschaftlicher Kosmen und dem Staub, der dabei aufgewirbelt wird.

Konkret: Ike wird von Tristan bei einem aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfall an der Lower East Side erschossen. Ike ist Anfang zwanzig, weiss, hat einen College-Abschluss und nette Eltern. Er gehört zu jenen hoffnungsvollen Barkeepern (oder Kellnern), die eigentlich Schriftsteller (oder Schauspieler oder Musiker oder Künstler) sind und zusammen mit ihren weiblichen Pendants die für das In-Viertel so typisch gewordene kaufkräftige Boheme darstellen. Tristan ist ein schwarzer Teenager aus den Sozialsiedlungen am östlichen Rand der Lower East Side. Er kennt die Hoffnung nicht einmal dem Namen nach. Wo er lebt, landen nur Leute, die längst komplett out sind.

Meister des urbanen Thrillers

«Es ist wie ein Verkehrsunfall», sagt Richard Price, «denn im Alltag berühren sich diese sozialen Realitäten kaum: Die Szenegänger bilden eine vollkommen in sich geschlossene Gesellschaft, ebenso die Schwarzen und Latinos aus den Siedlungen.» Daneben gäbe es die chinesischen Einwanderer, einen kleinen Rest orthodoxer Juden, und alle würden sich gegenseitig wie Luft behandeln, wenn sie sich mittags auf der Strasse begegneten. «Mich hat die Koexistenz dieser Welten interessiert», erklärt Price. «Kein anderes Quartier New Yorks illustriert das Funktionieren solcher Parallelwelten im Augenblick so deutlich wie die Lower East Side – bis es eben zu einem Zusammenstoss kommt.»

Man hat Richard Price einen Meister des «urbanen Thrillers» genannt. Tatsächlich gibt es in «Cash» ja einen Toten, einen Mörder und eine Menge Polizisten. Man hat Price auch einen Meister des «urbanen Realismus» genannt. Tatsächlich gleicht «Cash» mit seinen knappen, einprägsamen Szenen und seinen unfrisierten Dialogen einem brillant geschnittenen Dokumentarfilm. Doch für den «Thrill» in diesem Roman sorgt nicht die Mörderjagd. Wissen will man, wie Detective Matty Clark mit dem vor Trauer halb wahnsinnigen Vater des Opfers fertig wird, während ihn selber seine Vorgesetzten fertigmachen.

Spannende Parallelwelten

Man will mehr über Eric erfahren, der Ike in der Nacht des Überfalls begleitet hat. Der sieht in dem musengeküssten Bürgersohn eine jüngere Version seiner selbst und damit auch all seine gescheiterten Träume. Kurz: Spannend in diesem Roman sind die Parallelwelten und ihre Bewohner und der prekäre Nahtanz, zu dem die Umstände sie zwingen.

Was Richard Prices viel beschworenen Realismus betrifft: Von Lokalberichterstattung ist diese Prosa weit entfernt. «Ich will, dass meine Bücher komponiert wirken», sagt Price, «dass sie wie Jazz klingen, nicht, als wäre ich ein Holzhacker der Wirklichkeit.» Der pricesche «Jazz» wird zu Recht gerühmt.

Aus solider Familie

«Cash» ist Richard Prices achter Roman. Sein erster, «The Wanderers» erschien 1974 und war eine Sensation. Da hatte man einen Autor, der packend über das Erwachsenwerden in den Strassen der Bronx schrieb und der selber in den Strassen der Bronx gross geworden ist. «Man erwartete von mir, dass ich mit Pistole und Messer zu Lesungen erschien», erinnert sich Price. «Dabei versuchte ich den Leuten klarzumachen, dass ich aus einer soliden Familie stammte, gute öffentliche Schulen besucht und an der Columbia University Literatur studiert hatte.»

An den Erwartungen der Leute änderte sich nichts. Price schrieb drei weitere autobiografische Romane, und die spielten nun mal nicht an der Upper East Side, sondern in Arbeiterghettos.

Dann ging der Stoff aus

Dann ging Price der Stoff aus: «Um diese Romane zu schreiben, brauchte ich nicht ein einziges Mal meinen Schreibtisch zu verlassen. Das Material war mein Leben, aber dazu fiel mir nichts mehr ein.» Also fing Richard Price an, Drehbücher zu schreiben. Mit grossem Erfolg. Auf seinen Manuskripten basieren Filme wie «The Color of Money» und «Ransom».

Auch an der mit Preisen überhäuften Fernsehserie «The Wire» hat er mitgearbeitet. «Drehbuchschreiben ist verführerisch», sagt Richard Price. «Es ist nicht ganz so zermürbend wie das Schreiben von Romanen, und man verdient viel mehr Geld damit.»

Blut und Drogen

Allerdings betrachtet sich Price in erster Linie als Schriftsteller. Dass er einer ist, bewies er 1992 mit seinem Comebackroman «The Clockers» – der wie die meisten seiner übrigen Romane verfilmt wurde. «The Clockers» war wieder keine bukolische Idylle.

Stattdessen lieferte Price Blut, Drogen und Menschen dies- und jenseits der Legalität. Anders war an diesem Roman, dass Price dafür recherchiert hatte. Und wie. Wochenlang war er mit Polizisten durch die heruntergekommensten Gegenden New Jerseys gezogen: «Die Polizei verfügt über einen Freipass hinter die Bühne des Lebens», sagt Price. «In ihrer Begleitung kommt man an Orte, von deren Existenz man nichts geahnt hat. Man gerät in Situationen, die man nicht erfinden kann.»

Auch für «Cash» ist Richard Price wieder mit Polizisten herumgezogen: «Jane Austen brauchte nicht mit unausgeschlafenen Cops und kleinen Dealern herumzuhängen», sagt er, «aber ich bin inzwischen süchtig nach dieser Art, ein Stück Welt in meine Romane zu holen.»

So süchtig, dass er sich davon nur zu gern vom Schreibtisch fernhalten lässt. Denn Schreiben empfindet Richard Price als Qual. Er seufzt: «Dummerweise treibt mich aber diese verfluchte judeo-christliche Arbeitsethik. Es ist wie ein Kater aus meiner Kindheit: Ich will ein fleissiger, guter Mensch sein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2010, 19:57 Uhr

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