«Bei der Abfahrt des Schiffes wurde gesungen: ‹Tod den Juden›»

Worum ging es beim Schiffskonvoi nach Gaza? Sicher nicht um die Palästinenser, meint der Autor Leon de Winter. Er setzt die Aktion in einen grösseren Zusammenhang und sieht neue Gefahren aufkommen.

Im Dienste türkischer Macht-Interessen? Das Schiff mit dem Namen «Mavi Marmara» am 22. Mai im Hafen von Zypern.

Im Dienste türkischer Macht-Interessen? Das Schiff mit dem Namen «Mavi Marmara» am 22. Mai im Hafen von Zypern.

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Die ganze Welt ist sich einig: Israel ist böse. Als Verfechter Israels müssen Sie sich ziemlich einsam fühlen.
Nein. Hier in den USA sind die Medien pluralistischer als in Europa, da hört man mehr verschiedene Stimmen.

In Europa ist das Verständnis für das israelische Vorgehen gering. Weshalb?
Es war wieder einmal sehr faszinierend: Als letzten Freitag bei Anschlägen von Islamisten in zwei Moscheen in Lahore (Pakistan) 93 Menschen getötet wurden, schwieg die ganze Welt. Als dann bei einer von türkischen Extremisten provozierten Aktion vor Israel 10 Personen ums Leben kamen, schrien die Weltmedien auf. Die 93 frommen Menschen in den Moscheen sind scheinbar völlig unwichtig. Aber es geht da nicht um die Opfer, die sind alle gleichwertig. Es geht um die Täter.

Woher diese Ungleichheit bei der Verurteilung solcher Taten?
Das hat verschiedene Ursprünge. In Europa hat es aber sicherlich damit zu tun, dass man einen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg ziehen möchte. Viele Leute haben das Gefühl, dass sie sich von der Vergangenheit lösen können, wenn sie die Juden als Täter verurteilen.

Die Schweiz hat keine Nazi-Vergangenheit, trotzdem sind dieselben Phänomene auch hier festzustellen.
Ja, da sind natürlich noch all die nützlichen Idioten des linken Politspektrums, die glauben, dass die Palästinenser die grössten Opfer der Welt sind, dass es nichts Schlimmeres gebe, als deren Schicksal. Das ist natürlich Blödsinn. Niemand verhungert in Gaza, es verhungern Leute in Darfur, im Kongo und andernorts auf der Welt. Doch darum geht es diesen Leuten nicht. Fakten spielen keine Rolle.

Ich kenne Journalisten, die schon in Gaza waren und ein schreckliches Bild der Lebensbedingungen zeichnen.
In gewissen Vierteln von Kairo und anderen arabischen Städten sind die Lebensbedingungen ebenso schrecklich. Leider ist dies die normale arabische Armut, so schlimm dies klingen mag. Aber Gaza ist frei. Das ist doch ein schöner Traum für diese Menschen! Und wenn man mal aufhört, Raketen zu schiessen, sind auch die Grenzen wieder offen. Aber schon jetzt überqueren täglich Hunderte von Lastwagen die Grenzen mit Gütern. Es gibt keinen Mangel an Produkten in Gaza.

2006 war der Libanonkrieg, 2008/09 der Gazakonflikt, jetzt diese Schiffs-Affäre. Jedes Mal war es für das Ansehen Israels eine Katastrophe. Kümmert sich Israel nicht mehr um sein Image, da es ohnehin schon ramponiert ist?
Seit dem Massaker von Sabra und Schatila (während des libanesischen Bürgerkriegs 1982, Anm. d. Red), die eine rein innerarabische Angelegenheit war, für die Israel in den Medien aber verantwortlich gemacht wurde, ist Israel in der öffentlichen Wahrnehmung auf der Verliererseite. Israel ist immer schuld. Obwohl der Nahostkonflikt vergleichsweise eine winzige Angelegenheit ist. Die Anzahl der Opfer ist verglichen mit anderen Konflikten minim, die Bedeutung für die Welt eigentlich gering.

Zurück zu der Flotte mit den Hilfsgütern. Was sind die wahren Hintergründe dieser Aktion?
Die grosse Frage ist: Was wollte die Türkei mit dieser Flotte bezwecken? Ohne die Türkei wäre das Unterfangen nicht möglich gewesen. Vor zwei Wochen war die Konferenz, bei der sich der türkische Ministerpräsident Erdogan hervorragend mit dem iranischen Präsidenten Ahmedinejad verstand. Da konnte man erkennen: Hier bildet sich eine neue Achse zwischen Ankara und Teheran.

Und was hat das mit der Schiffsflotte zu tun?
Die Türkei kommt der Hamas zu Hilfe, um Macht zu demonstrieren. Die Hilfsflotte hat einen hohen symbolischen Charakter: Die Türkei ist das neue Zentrum der sunnitischen Welt geworden. Das ist eine schreckliche Erniedrigung für die anderen sunnitischen Länder, vor allem für Ägypten. Die herrschenden Klassen in Kairo haben seit Montag nicht mehr geschlafen, schliesslich ist die Hamas der grosse Feind Ägyptens. Die erstarkte Türkei in Kooperation mit dem Iran bedeutet eine gewaltige geopolitische Verschiebung, die auch für Saudi Arabien eine Bedrohung ist. Es ist eine gefährliche Situation entstanden. Um die armen Palästinenser geht es in Wirklichkeit nicht, im Gegenteil. Am Ende werden sie wieder die Opfer sein.

Sie können doch nicht sagen, Henning Mankell und all die Europäer an Bord handelten im Dienste der Türkei?
Das sind alles nützliche Idioten wie es sie zu Tausenden gibt! Die merken nicht, dass sie Teil eines grossen strategischen Spiels der Türkei und des Irans sind. Die Türkei hatte früher nie auch nur das geringste Interesse am Schicksal der Palästinenser gezeigt!

Früher hat die Türkei noch mit Israel kooperiert…
Das ist mit der neuen religiösen Regierung längst vorbei. Die Regierung Erdogan will die Türkei in einen islamistischen Staat umwandeln. Der Schulterschluss mit der Hamas soll nun helfen, die säkulare türkische Armee herumzukriegen. Die neue Stärke der Türkei ist ein Albtraum für die arabischen Länder, auch wenn sie das nicht offen sagen. Die Türken streben wieder nach einem grossen Reich. Zusammen mit dem Iran werden sie ihre Interessen im gesamten arabischen Raum geltend machen können – erst recht, wenn Iran einmal Atomwaffen besitzt. Seit letztem Montag hat sich die geopolitische Lage völlig verändert. Dass da noch zehn Leute auf dem Schiff gestorben sind, wird in Zukunft nur noch eine Fussnote sein.

Was bedeutet das nun für Israel? In ihrem Roman «Das Recht auf Rückkehr» sind Sie sehr pessimistisch, dort ist Israel auf die Grösse eines Fussballfeldes geschrumpft.
Seitdem ich zu begreifen begann, was es mit dieser Hilfsflotte tatsächlich auf sich hat, bin ich so pessimistisch wie im Buch. Der Roman war erst eine Übung, die Aufzeichnung eines Albtraums. Die neue Situation bedeutet, dass der Druck auf Israel schrecklich zunehmen wird, die Kurden einmal mehr einen sehr hohen Preis bezahlen werden, aber auch, dass die Kooperation zwischen den sunnitischen Arabern und Israel eine Verteidigungslinie gegen die Achse Ankara-Teheran entwickeln werden.

Ist das realistisch?
Schon jetzt gibt es einen intensiven Kontakt zwischen Israel, Kairo und Riad wegen der Bedrohung aus Teheran. Jetzt muss man noch die türkische Bedrohung mit einbeziehen.

Der frühere Zürcher Stadtpräsident rief vor zwei Wochen dazu auf, israelische Produkte zu boykottieren, zwei Nationalräte griffen kürzlich Israel ungewohnt scharf an. Ist die Hemmschwelle Israel gegenüber gesunken?
Da sind wir wieder bei den nützlichen Idioten. Soll doch dieser Stadtpräsident konsequent sein und auch den Boykott von iranischem und saudischem Öl fordern, von chinesischen Produkten und so weiter. All diese Leute, die sich nun über die 10 Toten auf dem Schiff so unglaublich empören! Bei der Abfahrt des «humanitären» Schiffes wurde an Bord gesungen: «Tod den Juden.» Dass da nun zehn Personen gestorben sind, die so was singen, bedauere ich nicht. Entschuldigen Sie, aber für solche Leute habe ich kein Mitleid! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.06.2010, 10:28 Uhr)

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Leon de Winter, niederländischer Schriftsteller, gehört zu den erfolgreichsten Autoren Europas. Er ist ein Sohn orthodoxer Juden, die den Holocaust versteckt bei katholischen Geistlichen überlebt haben. In seinem letzten Roman, «Das Recht auf Rückkehr» (2008), zeichnet er ein düsteres Bild Israels im Jahre 2024, das Land ist auf einen Landstrich an der Küste um Tel Aviv zusammengeschmolzen. Seine Bücher erscheinen auf Deutsch im Zürcher Diogenes-Verlag. (Bild: Reuters )

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