Billige Prostituierte, Bier und todesmutige Krieger
Das Buch
Roger Mottini: Tell in Tokyo. Schweizerisch-Japanische Begegnungen von den Anfängen bis 1914. Iudicum. 196 Seiten, ca. 29 Franken.
Die meisten Schweizer, «die sich längere Zeit in Japan aufhielten, taten dies aus rein kommerziellen Gründen», konstatiert der Autor Roger Mottini. Sie wurden dabei oft enttäuscht. Etwa der Berner Völkerrechtler Otfried Nippold, der von 1889 bis 1892 in Tokio lehrte: Japan sei ein «Paradies der Weltenbummler und das Grab der Hoffnungen des Kaufmanns». Der Seidenhändler Hans Spörry wiederum jammerte über das «langatmige Traktieren der Japaner». Ähnliches hört man bis heute.
Mottini, der in seinem Band die Beziehungen zwischen Japan und der Schweiz von ihren Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg aufarbeitet, interessieren die gegenseitigen kulturellen Einflüsse freilich mehr. «Tell in Tokyo» ist durchaus wörtlich zu verstehen. Schillers Drama war das erste deutschsprachige Theaterstück, das auf eine japanische Bühne kam. In seiner ersten Fassung offenbar sehr frei adaptiert und explizit mit dem japanischen Heldenepos der «47 Samurai» verglichen. Den Übersetzern sei wohl entgangen, so Mottini, dass Tell «nicht den einen Herrn tötete, um damit seine Ergebenheit zu einem andern zu beweisen».
Ohnehin gerieten Gespräche zwischen Europäern und Japanern oft zu einem «Dialog der Taubstummen», so der 51-jährige Politologe. Die hochnäsigen, oft rassistischen Berichte vieler Europäer reflektieren eher deren Befindlichkeiten als Japans Wirklichkeit.
Der erste Schweizer in Japan dürfte der Romand Elie Ripon gewesen sein, ein Söldner. Und nicht Johann Kaspar Horner (1774–1834), der Astronom und spätere Zürcher Regierungsrat, wie normalerweise zu lesen ist. Horner nahm als Wissenschaftler an der ersten russischen Weltumsegelung auf der Fregatte Nadeschda teil. Sie überwinterte 1804/05 im Hafen von Nagasaki. Horner dürfte freilich wenig von Japan gesehen haben, die Japaner erlaubten der Besatzung nur wenig Landgang, den Gesandten des Zaren empfingen sie nicht.
Beeindruckt von der Ordnung
Ganz anders erging es Elie Ripon 180 Jahre früher. Er war im Dienste der holländischen Ostindien-Kompanie 1623 nach Japan gekommen, also vor der Zeit von Japans Selbstisolation. Als Hauptmann auf einem holländischen Schiff sei er fürs «Grobe», also für die gewaltsame Verteidigung des holländischen Handelsmonopols, zuständig gewesen.
Ripon besuchte Nagasaki und vermutlich Osaka. In seinen handschriftlichen Erinnerungen, die 1865 auf einem Dachboden im freiburgischen Bulle gefunden wurden, zeigte er sich beeindruckt vom Wohlstand, von der Ordnung und dem handwerklichen Geschick der Japaner. Angetan hatten es ihm auch das japanische «Bier» – er dürfte Sake gemeint haben, Bier kennt man in Japan erst seit dem 19. Jahrhundert – und die niedrigen Preise der Prostituierten.
Das Militärische spielte auch nach der Öffnung Japans zum Westen eine wichtige Rolle. Die Iwakura-Mission, eine Delegation hoher japanischer Beamter und Minister, die 1872–1873 die USA und Europa bereiste, um zu lernen, wie Japan sich rasch modernisieren und aufrüsten könne, zeigte sich beeindruckt von unserer Milizarmee, die sie in ihrem Bericht mit einer Feuerwehr verglich.
«Herrliche Tapferkeit»
Umgekehrt inspizierte ein Oberst Fritz Gertsch aus Lauterbrunnen die Front des japanischen Krieges gegen Russland 1904/05. Er beobachtete, wie japanische Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten in Maschinengewehrfeuer rannten und niedergemäht wurden. Und schrieb begeistert über deren «herrliche Tapferkeit». Sein Begleiter, Hauptmann Richard Vogel, bemerkte, die «prachtvolle japanische Infanterie» gehe «in den Tod wie bei uns die Kinder auf die Schulreise». Die Kriegsmüdigkeit der japanischen Soldaten nach enormen Verlusten tat Gertsch dagegen als «Launenhaftigkeit» ab. Zurück in der Schweiz, machte der Haudegen sich unmöglich, weil er die «Reglementsgläubigkeit» und «Talentlosigkeit» der Schweizer Armee kritisierte.
Die wichtigste Kraft zum Aufbau von Handelsverbindungen zwischen Japan und der Schweiz war die Uhrenindustrie. Der Neuenburger Aimé Humbert, der seitens der Schweiz 1864 den ersten Vertrag mit Japan aushandelte, tat dies vor allem für den Uhrenverband. (Sein Sekretär Kaspar Brennwald dagegen verschob bald Waffen zugunsten der Revolutionäre, die 1868 das alte japanische Regime stürzten.) Tatsächlich beherrschten die Schweizer Uhren in den 1880er-Jahren den japanischen Markt. Doch schon 1902 fiel ihr Marktanteil unter 50 Prozent. US-Firmen hatten begonnen, ihre Zeitstücke in Japan zu montieren. Dem hatten die Schweizer nichts entgegenzusetzen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.02.2010, 13:05 Uhr












