Kultur

Comics als Grundnahrungsmittel für die Fantasie

Blutch ist einer der ganz Grossen des französischen Autoren-Comics – und einer der ganz Scheuen im Medienzirkus. Jetzt kommt er zum Fumetto-Festival nach Luzern.

Der Stil entsteht mit dem Sujet: In Luzern werden von Blutch sowohl Comics als auch Kreidebilder zu sehen sein.

Der Stil entsteht mit dem Sujet: In Luzern werden von Blutch sowohl Comics als auch Kreidebilder zu sehen sein. (Bild: PD)

(Bild: PD)

Links

Erzählen und Experimentieren

18 nationale und internationale Hauptausstellungen plus ein riesiges Rahmenprogramm gibt es an der diesjährigen, 18. Ausgabe des Comix-Festivals Fumetto vom 28. März bis zum 5. April zu sehen.

Auffällig ist, dass der Anteil der Schweizer heuer nur rund einen Drittel ausmacht und dass (nicht nur) die Schweizer Comic-Positionen sich oft weit vom klassischen Erzählen wegbewegen; selbst die Mode hat ihren Platz im Programm 2009. So stehen «alte Meister» des Erzählens wie Ever Meulen (BE) neben jungen Experimentierern mit einer Art-brut-ähnlichen Form- und Farbensprache wie etwa den Genfern Xavier Robel und Helge Reumann. (ked)

Stargast: David Shrigley (GB); Artist in Residence: Blutch (F); Europa-Premiere: Mangas von Yuichi Yokoyama (Japan); Publikationspreis Fumetto-Schleuder: Luca Schenardi (CH).

Im kleinen Christian steckt ein grosser Kerl: ein Held mit Hut, Revolver und Hengst. Zu dumm, dass Maman dafür einfach blind ist. Sie schickt John Wayne ins Bett, wenn der Western im Fernsehen läuft, und Tintin in die Schule, wenn der Wüstenwind weht; sie zwingt Lucky Luke zum Aufessen, wenns Spinat gibt, und, am allerschlimmsten, sie konfisziert die Comic-Hefte, in denen edle, wilde Kämpfer edle, wilde Dinge tun. Aber so leicht lässt sich der Stoff, aus dem Bubenträume sind, nicht liquidieren: Der kleine Christian und seine Freunde haben die Familie, die Schule – und ausserdem ein Paralleluniversum ganz für sich allein.

Der grosse Christian – Christian Hincker alias Blutch (nach einer franko-belgischen Comic-Figur) – hat diesem multiplen Kinderkosmos ein Denkmal gesetzt. In seinen zwei autobiografischen Comic-Bänden «Le petit Christian» textet und zeichnet er, der selbst Vater eines kleinen Buben ist, (s)eine Kindheit im Elsass in den Siebzigern, in der Mädchen ein erregendes Mysterium sind und Comics das Grundnahrungsmittel für die Fantasie. Jetzt stellt Blutch am Internationalen Comix-Festival Fumetto in Luzern (28.3. bis 5.4.) in einer Sonderschau die Originale von «Le petit Christian» aus, dessen deutsche Ausgabe zur Festivaleröffnung erscheint. In der zweiten Blutch-Ausstellung am Fumetto sind zudem aktuelle (Einzel-)Bilder des Pariser Künstlers zu sehen, der heuer als Artist in Residence in Luzern präsent ist.

Arbeiten im «internen Exil»

«Ich war noch nie am Fumetto», bekennt der 1967 in Strassburg geborene, mehrfach – zuletzt im Januar mit dem Grand Prix de la Ville d'Angoulême – ausgezeichnete Comic-Künstler, der in Paris eine Art sagenumwobene Figur des Autoren-Comics ist. Er ist einer, der in der Szene nur wenig mitmischt, sie aber stark geprägt hat; einer, der seinen Platz im Gemeinschaftsatelier aufgegeben hat, weil er nur allein arbeiten kann, und der regelmässig aus seiner Klause, seinem «internen Exil» (Blutch) im Montmartre-Viertel, wieder auftaucht mit Überraschungen und stilistischen Aufbrüchen. Zurzeit feilt Blutch allerdings an einer klassischen Comic-Erzählung in Schwarzweiss: «Ich werde versuchen, Luzern in meinen neuen Comic einzuarbeiten.» Zwischendurch aber widmet er den einen oder andern Tag seinen pastelligen, skizzenhaften Kreidebildern, wie wir sie etwa aus seinem Buch «La Beauté» (2008) kennen, einem Album, das Ansichten von Menschen zeigt, die ein Subtext zu verbinden scheint wie ein unterirdischer Fluss.

«Ich möchte die Narrativität, die mich beim Comic fasziniert, auch ins Einzelbild übersetzen. Daher male ich auch nie abstrakt», sagt Blutch, der an der Kunsthochschule Strassburg studiert hat. «Eigentlich habe ich nie irgendwas anderes gewollt – oder gekonnt – als Bildergeschichten machen.» Solche Geschichten reichen weit übers Verbale hinaus. Blutch selbst lernte Französisch erst in der Schule; daheim redete man im Elsässer Dialekt, und die Grosseltern väterlicherseits sprachen Deutsch. Doch die Comic-Welten von Hergé bis Disney betörten Christian bereits, als er noch nicht frankofon war. Die Dramaturgie von Zeichnungen sei voller Spannung: voller Lücken und Potenziale. Blutch, der ein einziges Mal einen Trickfilm gemacht hat – in der Schweiz wurde er am Fantoche-Festival in Baden 2007 gezeigt –, kann sich für das Medium der Bewegung nicht erwärmen. «Das fixierte Bild ist mysteriöser, nicht so penetrant spektakulär.»

Wie «Le petit Christian» zeichnete Blutch, seit er einen Stift halten konnte. Gerade mal 20, hatte er schon den Vertrag für zwei Comicstrip-Serien («Waldo's Bar», «Mademoiselle Sunnymoon») in der Tasche: Damals entwickelte er sein Faible fürs Komisch-Absurde. 1999 legte er einen bissigen, satirischen Band vor, «Blotch – Le roi de Paris», für den er in Angoulême den «L'Alph-Art humour» erhielt. Blutch, der mit den kurz geschnittenen Haaren und den schmalen, strengen Gesichtszügen als unauffälliger Beamter durchgehen könnte, erfindet sich immer wieder neu – und entdeckt damit auch fürs Comic-Schaffen andere Wege.

Den richtigen Rhythmus finden

«Ich weiss nicht, wer ich bin», lautet seine Diagnose, die zugleich sein Credo ist. «Ich habe keinen Stil, sondern bei jeder Arbeit lasse ich Form und Text gleichzeitig werden.» Blutchs Zeichnungen und Texte wachsen immer miteinander, es gibt kein «prime le parole», höchstens ein «prima la musica»: Was der Mann mit den schlanken Pianistenhänden zum Arbeiten braucht, ist Musik. «Manchmal höre ich dieselbe CD viermal hintereinander» – Jazz und Chansons, keine Sinfonien. Narrativität übersetzen bedeutet für ihn den richtigen Rhythmus finden: «Das ist wie komponieren.» Der Rhythmus ist es auch, der ihn bei anderen Künstlern interessiert, beim Amerikaner Charles Burns genauso wie beim «Terry and the Pirate»-Strip aus den Dreissigern von Milton Caniff oder heute beim jungen Franzosen Sébastien Lumineau.

Aber lieber als Comics liest er Sachbücher – im Moment eine Biografie über den mexikanischen Outlaw Pancho Villa, eine andere Art von edlem, wildem Kämpfer. Seine eigenen Kämpfe ficht er leiser: «Mein Alltag ist ein Rodeo. Ich versuche, mich durchzuschlagen, ohne auf die Pauke zu hauen.» Christian Hincker ist kein Showman, wie er betont, und dem öffentlichen Zeichnen als Artist in Residence begegnet er mit gemischten Gefühlen. «Aber dass ich daheim keinen Fernseher habe und keine politischen Kolumnen schreibe, heisst nicht, dass ich im Elfenbeinturm lebe», unterstreicht der Sarkozy-Kritiker. Blutchs subjektive Comics transportieren die Konflikte der Zeit. «In Paris spürt man es mehr als anderswo: die tiefe, permanente Angst vor allem und Aggression, die überall lauert: Auch das fliesst in meine Arbeit ein.» Versteckt wie der Held mit Revolver im kleinen Christian.

Neuerscheinungen auf Deutsch: Blutch: Der kleine Christian. Gesamtausgabe. Aus dem Französischen von Kai Wilksen. Reprodukt, Berlin 2009. 120 S., ca. 35 Fr. Blutch: Blotch – Der König von Paris. Aus dem Französischen von Kai Wilksen. Avant, Berlin 2009. 103 S., ca. 35 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2009, 19:44 Uhr

Sponsored by:

Lokale Suche

Marktplatz