DRS 2, ein Angestellten-Paradies voller betulicher Bürolisten

Von Peter Müller. Aktualisiert am 05.01.2009 64 Kommentare

Im DRS 2-Studio sei es stiller als «in einem Sanatorium zur Mittags-Ruhezeit», an den Redaktionssitzungen werde «oft länger um Lohnprozente als ums Programm geredet», schreibt Margrit Sprecher in ihrem Buch.

Das Buch

Das andere Radio DRS 2. Reportagen vom Bruderholz. Fotos von Lucia Degonda. Verlag Neue Zürcher Zeitung. 205 S., ca. 48 Fr.

Margrit Sprechers Buch gibt Rätsel auf. Soll es eine verspätete Festschrift zum 2006 gefeierten 50-jährigen Jubiläum von DRS 2 sein? Oder eine mit SRG-Geldern mitfinanzierte Schmähschrift des Kultursenders? Oder einfach ein faules Ei, das der vor einem dreiviertel Jahr abgetretene DRS-2-Chef Artur Godel seinem Nachfolger Marco Meier ins Nest legte?

Sicher ist, dass sich das Buch rasch und leicht liest. Die Reporterin Sprecher, eine Grande Dame des Deutschschweizer Journalismus, mag sich nicht gross mit Fakten belasten. Zahlen umkurvt sie meist grosszügig, und dass Strukturen eine Geschichte haben könnten, ist ihr eher lästig. Und schon gar nicht will sie sich die spitzen Finger mit Medienpolitik beschmutzen – hierin ihrem Zerrbild des realitätsscheuen Feingeists am DRS-2-Mikrofon zum Verwechseln ähnlich.

«Radiostudio könnte gut Verwaltungsgebäude sein»

Für die Reporterin Sprecher verstellt Wissen bloss den Blick. Unbeschwert fährt sie mit dem Tram in die «Forsythien-Idylle» von Basels Bruderholz-Quartier, staunt, dass es hier im Studio stiller ist als «in einem Sanatorium zur Mittagsruhezeit» und folgert: «Das Radiostudio könnte geradeso gut das Verwaltungsgebäude einer Transportfirma oder Krankenkasse sein.»

Entsprechend sieht Sprecher denn auch das Personal. Zwar gesteht sie den Redaktorinnen und Redaktoren des Kultursenders gern Fachkompetenz zu, entlarvt sie aber zugleich auch als kleinkarierte Bürolisten: «Man kommt um 9 und geht um 17 Uhr, und mittags sitzt kaum jemand an seinem Schreibtisch.» Chefs, die den müden Rhythmus stören möchten, beissen auf Granit: Der Sender ist «straff gewerkschaftlich organisiert» und in Sitzungen «wird oft länger um Lohnprozente als ums Programm geredet». Da lassen die DRS-Kulturmenschen dann endlich ihre Masken fallen: «Geht es ums Geld, entpuppt sich mancher Feingeist als hartnäckiger Feilscher.»

Angestellten-Paradies

Bequem, betulich, weltfremd – so flanieren die DRS-2-Macher in diesem Buch durch die ausgestorbenen Studiogänge. Ihr Arbeitsort ist «das letzte Angestellten-Paradies, wo man ohne Herzinfarkt, Leberzirrhose, Mobbing und Leistungsnachweis das Pensionsalter abwarten kann». Und ihr manisch pädagogischer Sender ist ein Anachronismus, der ein zwar beträchtliches und nibelungentreues, jedoch hoffnungslos überaltertes Stammpublikum hat.

Die 72-jährige Margrit Sprecher gehört nicht dazu. Ihr fehlt ein Sensorium dafür, was Kultur Menschen bedeuten kann. Dass Schumann oder Andreas Gryphius – die Beispiele sind aus dem Buch – nicht nur dazu verhelfen, sich auf der Ofenbank zu verschanzen, sondern das (eigene) Leben besser zu verstehen. Dass Kultur ein höchst vielfältiges, eigenartiges Erkenntnismittel ist, mit dem sich die Gegenwart immer neu und zumindest in Teilen begreifen lässt. Wenn sich die Büros in Basel um 17 Uhr leeren, heisst das nicht, dass die DRS-2-Crew feuchtfröhlich die Happy Hour feiert; die allermeisten betreiben Kultur, ob sie nun in einem Chor singen, eine Theaterpremiere besuchen, einen Vortrag hören, ein Buch lesen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fliessend. Oder wie DRS-2-Chef Marco Meier gern formuliert: «Kulturjournalismus ist eine Existenzform.»

Porträts in anderem Ton

Immerhin, gelegentlich scheint das die Reporterin Sprecher doch zu ahnen. Da, wo sie einzelne DRS-2-Macher schildert, ihren Lebensgeschichten und Motivationen nachgeht. Da ist plötzlich auch der Ton des Buches ein anderer. Sprecher macht das, was sie schon immer am besten konnte: Menschen porträtieren. Stimmen bekommen ein Gesicht, auch mit den schönen Fotos von Lucia Degonda. Das sind nicht mehr die karikierten Kurhausgäste, die nur die Jahrzehnte bis zur Pensionierung absitzen. Zu spüren sind leidenschaftlich Engagierte, denen Nachdenken wichtiger ist als blinder Aktivismus. Sie machen die Stärke des Kultursenders DRS 2 aus. Heute und in Zukunft wohl erst recht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2009, 08:55 Uhr

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64 Kommentare

Marc Baumann

05.01.2009, 15:19 Uhr
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DRS2 ist d a s Ausnahmeradio in der Schweiz: Hochstehend und journalistischer Qualität verpflichtet. Ein solcher Sender ist nicht kostendeckend und braucht Mitarbeitende, die sich dafür engagieren. Dass sie dafür ein paar Privilegien haben, ist angesichts der kulturellen Leistung zumutbar. Sonst könnten wir z.B. auch die Grundlagenforschung abschaffen. Antworten


Boris Horlacher

05.01.2009, 13:39 Uhr
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Ich kann mich nur den gelungenen Aussagen von Herrn R. Kaiser ( Mail von 10:15) anschliessen. Weiter so DRS2! Antworten



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