Darf ein Bundesrat so schlecht schreiben wie Hans-Rudolf Merz?
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 19.06.2009 35 Kommentare
Autor von Kitscherzählungen: Hans-Rudolf Merz. (Bild: Keystone)
Das Buch
Der Erzählband von Hans-Rudolf Merz, «Der Landammann und weitere Erzählungen aus dem Appenzellerland», erschien bevor Merz in den Bundesrat gewählt wurde und ist vergriffen.
Doch letzte Woche hat die «Wochenzeitung» (WOZ) eine weitere, freiwillig vom Autor übergebene Erzählung von Bundesrat Merz veröffentlicht. In dieser schildert Merz die Fantasien eines Familienvaters. Max, angeekelt von der schlecht kochenden Frau und den «Goofen, eines dümmer als das andere», flieht aus dem Haus und träumt, ein Radchampion zu sein – und vor allem von Babettli, dem Nachbarstöchterchen: «Babette, einst das Mädchen mit den säuberlich geflochtenen Zöpfchen, war ein herrliches, vollbusiges Weib geworden. Fleisch gewordene Süsse.»
Vom Spar- zum Bonbononkel
Die Liebesszene sieht dann so aus: Sie «fleht»: «Küss mich, Max.» Worauf Max «schmachtet»: «Welche Wonne!» Und Merz schliesst: «Sie wonnten eine Weile.»
Der Text erinnert an die erfolgreiche Kampagne des «Blicks» gegen das von Hans-Rudolf Merz vertretene Steuerpaket 2004. Damals druckte der «Blick» kommentarlos Merz’ Erzählung «Der Landammann» ab. Diese beeindruckte vor allem mit Schilderungen wie jener des «prallen, strotzenden Busens» der «teuflischen Serviertochter Cosima», ihres «wohlgeformten molligen Körpers» und ihrer «gerundeten Nase mit zum Geniessen geweiteten Flügeln».
Später freute sich der damalige «Blick»-Chef Werner de Schepper: «Nie konnten wir jemand so einfach abschiessen wie Merz; und zwar ohne mit einer Zeile auf den Mann zu spielen!» In der Tat war Bundesrat Merz mitten im Abstimmungskampf vom strengen Sparonkel zum literarischen Bonbononkel geworden: Das Steuerpaket fiel mit Zweidrittelmehrheit durch.
Intuieren, Influenz & Magnetismus
In den Jahren darauf belustigten sich Journalisten mit Merz’ ernsthafter Prosa: mit dem Buch «Die aussergewöhnliche Führungspersönlichkeit. Essay über Elativität und elative Persönlichkeit». («Elativ» ist ein von Merz eigens eingeführtes Adjektiv, das etwa «superlativ» bedeutet.) Merz beschrieb die elektrisierende Aura des geborenen Führers mit wirklich aussergewöhnlichen Worten: «Beim Elativen ist die Intuition als Via Regia der entscheidende Erkenntnisvorgang. (…) Sie ist Eingebung und Sehnen, das eine Empfangen, das andere Erwartung, daher ist der Vorgang des Intuierens eine Influenz, Funke zwischen Subjekten; sie ist Fossil des Paradieses, denn sie kann ‹Göttliches› herbeiführen; sie ist geistiges Geschehen zwischen Magnetismus und Elektrizität.»
Die Frage ist: Kann man jemandem als Politiker trauen, der solchen Quark schreibt?
Wäre man in Frankreich, wo es heisst «Der Stil – das ist der Mann» oder «Zitate töten», dann hätte Merz keine Chance. In der Schweiz trifft dieser Autor die wichtigsten und teuersten Entscheide des Landes. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.06.2009, 07:06 Uhr
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35 Kommentare
Wunderbar, wenn ein BR so schreiben kann. Lieber schreibt er Prosa, anstatt sich mit dem Volk ueber seine Politik in der Wortwahl klar auseinanderzusetzen und uns endlich klaren Wein einzuschenken. Es ist halt einfacher, das Volk abzulenken und schoene Geschichten zu schreiben. Merz sollte eigentlich das Volk vertreten, aber abgehoben wie er ist, sprich Politiker, das Volk ist einfach zu dumm! Antworten












