Das Buch zur Bar

Alex Capus' neuer Held ist er selbst: Schriftsteller, Barkeeper, Familienvater. Und aus fast nichts entsteht ein lebendiges Buch, es heisst einfach: «Das Leben ist gut».

Unter den Augen des Toros: Alex Capus in seiner Galicia Bar in Olten, die in «Das Leben ist gut» Sevilla heisst. Foto: Doris Fanconi

Unter den Augen des Toros: Alex Capus in seiner Galicia Bar in Olten, die in «Das Leben ist gut» Sevilla heisst. Foto: Doris Fanconi

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Alex Capus nicht zu mögen, ist fast unmöglich. Der Mann schreibt seit fast 20 Jahren gute Bücher, immer sorgfältig recherchiert, sprachlich präzis, uneitel und unpreziös, die sich vergessenen ­Figuren der Geschichte widmen und ­ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er ist ein überzeugter, wenn auch nicht unkritischer Kleinstädter, vorbildlich engagierter Staatsbürger – mehrere Jahre war er Präsident der SP Olten –, treuer Ehemann und Familienvater (fünf Söhne!), und für die Lebensqualität seiner Heimat tut er auch etwas: Er betreibt mit anderen das Restaurant ­Flügelrad, und seit drei Jahren ist er ­Besitzer der Musik-Bar Galicia, in der er immer montags selbst einschenkt.

Die Bar war einst von spanischen Gastarbeitern gegründet worden. Ein grosser schwarzer Stierkopf, ein «toro», der über dem Flaschenregal aus der Wand herausschaut, erinnert an diese Vergangenheit; aufgehängt hat ihn allerdings erst Capus. Die Bar ist für ihn Schreibstube (morgens) und Musik- und Kabarettbühne (abends), hier trifft man sich mit Freunden und tauscht sich über die Welt und das eigene Wohl- oder Unwohlergehen aus (bis nachts).

Eine Bar ist mehr als eine Bar. Sie ist eine Institution der Zivilisation. «Es darf nicht sein, dass wir unsere gesamte ­Lebenszeit in keimfreien Büros und keimfreien Fitnessstudios, keimfreien S-Bahnen und keimfreien Wohnzellen zubringen, und es darf nicht so weit kommen, dass die Menschen einander nur noch im Internet begegnen. Ohne Bars und Kneipen, behaupte ich als Citoyen, ist die Res publica undenkbar.» Grosse Worte, sie fallen in Capus’ neuem Roman, «Das Leben ist gut». Der sie ausspricht, ist der Icherzähler, und noch nie bei Capus war ein Held, auch wenn er Max heisst, seinem Erfinder so nah. So nah, dass fast nichts erfunden ist.

Es soll bleiben, wie es ist

Die Bar darin heisst Sevilla, über dem Flaschenregal hängt ein Toro, vor der Tür, auf der «Unterführungsstrasse», tobt der Verkehr wie in Wirklichkeit. Max ist Schriftsteller, seit einem Best­seller alle finanziellen Sorgen los (wie Capus seit «Léon und Louise»). Dass er nur drei Söhne hat, ist wohl der Wahrscheinlichkeit geschuldet (fünf wäre «too much»), und anders als der Autor steht er jeden Abend hinter dem Tresen.

Mit Max – wie mit Alex – würde man mühelos einen ganzen Abend durchquatschen. Als Leser darf man ihm wenigstens einen ganzen Roman lang zuhören. Und staunen, wie aus fast nichts ein lebendiges Buch werden kann. Dem ja eigentlich das fehlt, was zur Quelle von Lesespannung unabdingbar ist: die dramatische Fallhöhe, der harte Konflikt, der Knoten, der sich erst gegen Ende löst – oder durchhauen werden muss.

Hier ist das anders und der Titel Programm: Max’ Leben ist gut. Er ist mit sich im Reinen, seine halbwüchsigen Söhne wachsen mit der alterstypischen Grantigkeit heran, seine Frau Tina ist ihm herzlich zugetan, obwohl sie eigentlich das Unmögliche, das miteinander Unvereinbare vom Leben verlangt – die Passage über Tinas «Idealismus», zweifellos eine Liebeserklärung an die wirkliche Nadja, gehört zu den schönsten des Buches. Max selbst strebt nicht nach dem Unmöglichen, nicht einmal nach etwas anderem Möglichen. Es soll alles so sein und bleiben, wie es ist. Langzeitperspektive: «In Würde alt werden.»

Dass die Juristin Tina ein Jahr als Gastdozentin nach Paris geht, ist ihm zwar nicht so angenehm, aber natürlich gönnt er ihr die Abwechslung. Sehnt sich nach ihr, wartet auf Anrufe, fantasiert sich in eine Fremdgeh-Angst hinein, aber nicht lange. Eigene Reisen macht er lieber in der Imagination; etwa in die Everglades, wo er sich mit einem Einbaum im Labyrinth der Wasserarme verirrt und an einer Poststation landet.

An solchen Stellen erinnert man sich, dass ja auch Max ein Schriftsteller ist und eine innere Inspirationsquelle anzapfen kann. Meistens aber ist der neue Roman näher an Capus’ Olten-Kolumnen («Mein Nachbar Urs») als an seinen viertelsironisch grundierten historischen Fresken (wie zuletzt «Die Spionin, der Bombenbauer und der Fälscher»).

Max beschreibt den Ablauf einiger Tage, daraus ergibt sich eine episodische Struktur, die wiederum einer entspannten Thekenplauderei ähnelt: von Thema zu Thema springend – Tinas Schuhtick, gesichtslose Architektur in unseren Städten, das Verschwinden von Bäckereien und Metzgereien, die durch Nagel- und Yogastudios ersetzt werden –, gern auch etwas länger verweilend, als strenge Erzählökonomie es erforderte, und vor allem meinungsfreudig, wie es sich für Kneipengespräche gehört; auch für Selbstgespräche.

Die Wahrheiten, die Max von sich gibt, dürfen auch schlicht sein; Hauptsache, sie sind wahr. (Dass er sich dessen, was er da tut, durchaus bewusst ist, zeigt Capus mit Max’ selbstreflexivem Geständnis, er könne «die Schlichtheit des Belanglosen nicht mehr von der Einfachheit des Schönen unterscheiden».)

Man wird sich wohlfühlen

Dass die Figur ein klein bisschen schlichter ausfällt als der, der sie nach seinem Bilde geformt hat, ist in der Literatur nichts Ungewöhnliches, auch wenn das Umgekehrte gelegentlich vorkommt. Meist wird der Leser dem Helden ja recht geben – und sich umso mehr freuen, wenn mal ein Satz nicht einfach so glatt runtergeht, sondern hängen bleibt und zum Weiterdenken provoziert. «Das Schöne, glaube ich, entsteht nicht aus Notwendigkeit, sondern ihr zum Trotz», ist ein solcher Satz.

Einen roten Erzählfaden (neben der Abreise und Wiederkunft Tinas) hat das Buch auch. Er wird am Toro abgewickelt; der gehört eigentlich seinem Freund Miguel, um ihn ranken sich ein paar hübsche Geschichten; dann will Miguel ihn verkaufen, hat völlig überzogene Preisvorstellungen; Max fährt ihn mit dem Handkarren vor Miguels Haus, es gibt ein bisschen Krach und Versöhnung, ein neuer Toro wird angeschafft und aufgehängt. Symbolisch steht der Stierkopf für Männerfreundschaft und wie heikel sie doch ist, bei allem vordergründigen Schulterklopfen. Wie leicht sie kaputtgehen kann. Und wie schön es ist, dass man auch im Frühherbst des ­Lebens eine neue schliessen kann. So wie Max mit einem amerikanischen ­Besucher (aus den Everglades), den zu besuchen er dann träumt.

Letztlich ist Max ein Romantiker, und Alex Capus erst recht. Beide wissen aber, dass man nur als Realist durchs Leben kommt. Und es sich mit einem Schuss Romantik schöner machen kann. «Das Leben ist gut» ist ein Wohlfühlbuch. Viele Leser werden sich darin wohlfühlen. Held und Autor wünscht man weiter viele glückliche Jahre ohne grössere Aufregungen. Und dem nächsten Roman ruhig ein paar davon.

Alex Capus: Das Leben ist gut. Roman. Hanser, München 2016. 238 S., ca. 28 Fr.

Buchvernissage am 6. 9., um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2016, 18:36 Uhr

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