Das Internet hat keine Toilette

Ist Lukas Bärfuss der Max Frisch unserer Tage? Seine Stücke und Romane machen Furore. Jetzt zeigen die gesammelten Essays einen politisch scharf denkenden Zeitgenossen mit unglücklichem Bewusstsein.

Lukas Bärfuss: «Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert.» Foto: Lucien Hunziker (Ex-Press)

Lukas Bärfuss: «Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert.» Foto: Lucien Hunziker (Ex-Press)

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Er ist der Autor der Stunde, produktiv, gefragt, erfolgreich. Seine Theaterstücke laufen gut, aus einem ist gerade mit «Dora» ein vorzüglicher Film geworden; der Roman «Koala» hat zwei fette Preise bekommen und sich 50 000-mal verkauft; seine politischen Statements sind allemal schärfer, radikaler, treffender als die der Kollegen. Stücke, Romane, Engagement – kommt einem das nicht bekannt vor? In der Tat: Gäbe es nicht Adolf Muschg, den unermüd­lichen, so brillanten (und seiner Brillanz manchmal erliegenden) Altmeister, wäre Lukas Bärfuss wohl der Max Frisch unserer Tage. Seine glänzend formulierten Essays und Reden, die jetzt erschienen sind und thematisch ein weites Feld von der Schule über das Theater bis zu «Zeit und Raum» und der Zukunft ab­stecken, untermauern den Befund.

Die Parallelen sind so offensichtlich wie die Unterschiede. Wo Bärfuss mit dem Rammbock auf die jeweilige Festung losgeht, legte Frisch Gräben und Sprengladungen an, in vollem Bewusstsein, selbst mit hochgehen zu können. Beide verbindet der kritische Blick von aussen auf ein (bürgerliches) Establishment, zu dem sie, auch wenn sie schliesslich dazugehörten, sich nie zugehörig fühlen. Beide verbindet der Rückbezug aller Aussagen auf eigene Erfahrungen, die Nagelprobe am eigenen Fall.

Die eigenen Erfahrungen: Das sind bei Bärfuss das Aufwachsen in chaotischen Familienverhältnissen, eine katastrophale «Schulkarriere», das dumpfe Milieu der Heimatstadt Thun, die Perspektivlosigkeit: «Wir waren halbe Preise, unsere Eltern waren Säufer oder minderbemittelt, manchmal beides zusammen. Wir waren jung, wir hatten Pickel, und wir schämten uns für alles, was wir waren und was aus uns werden sollte. Was wir erreichen konnten, war eine lausige Arbeit zu einem lausigen Lohn, in einer miefigen Kleinstadt. Wozu hätten wir uns anstrengen sollen? Es würde kein Entkommen geben.»

«Unausstehliches Miststück»

Für Bärfuss aber, der situationsadäquat reagierte – «ich war ein unausstehliches Miststück» – gab es ein Entkommen, eine regelrechte Rettung: das Lesen (und ein paar Menschen, die ihm halfen). Robert Walser oder Kleist: Da gingen dem jungen Mann Welten auf, schockartig. Hier wird von dir geredet! Die Welt ist nicht in Ordnung, sie ist auch nicht erklärbar! Aus Literatur ist nichts zu lernen, sie ist nur zu erleben! Leseerlebnisse, die jemand, der bürgerlich-sanft ins Bildungsuniversum geglitten ist, wohl so nie gehabt hat. In einigen Essays zittern sie heftig nach.

Bärfuss schreibt über Autoren und Werke – wie über alles – mit dem Selbstbewusstsein eines Selfmademan, dem nichts geschenkt wurde. Er sucht nie den Kompromiss, sondern die Wahrheit. Ein grosses Wort. Bärfuss scheute keine grossen Worte. Er verrennt sich lieber, als im Konsenstrupp mitzumarschieren. Seine Positionen sind unbequem – nicht in dem Sinne eines Chores, dem auch eine schrille Stimme als «Farbe» willkommen ist, sondern weil sie, wenn sie zutreffen und wir das begreifen, einiges ändern müssten.

Nämlich unsere Lebensweise – die etwa in Kauf nimmt, dass in Afrika und anderswo Millionen Menschen unter erbärmlichen Verhältnissen schuften und vegetieren, damit wir weiter über billige Rohstoffe verfügen. Die einer ungebremsten Wachstumsideologie huldigt, wissend, dass wir uns die Erde unter den Füssen (und denen unserer Kinder) wegkonsumieren. So geht es nicht weiter – das haben wir verstanden und verdrängen es. Bärfuss nicht. Er will sich mit der «Alternativlosigkeit» nicht abfinden, weil er darin blosse Ideologie sieht.

Er sucht nach Alternativen und findet sie, bei dem Mathematiker Nicholas ­Georgescu-Roegen, der die Gesetze der Thermodynamik auf die Ökonomie anwendet und daraus die Forderungen ableitet: keine Rüstungsproduktion, erträgliche Lebensverhältnisse für die «Dritte Welt», ökologischer Landbau überall, Energie regulieren, reparieren statt produzieren. Das wäre die Ökodiktatur – eine Lösung, die Bärfuss ebenso erschreckt wie die gegenwärtige Lage.

Wichtig ist ihm indes, an der Veränderbarkeit der Welt festzuhalten. Dabei hilft ihm der Freiheitsbegriff, den er ähnlich emphatisch gebraucht wie der deutsche Bundespräsident Gauck. «Freiheit bedeutet, zu tun, was man kann, weil man es soll», sagt er mit Kant. Dazu muss man erst mal Klartext reden. Das tut Bärfuss. «Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert. Gier ist nicht kompliziert, Verschwendung ist nicht kompliziert. Unsere Interessen liegen offen zutage. Kompliziert ist, dass wir einsehen, wie ungerecht der Wohlstand verteilt ist, und dass wir gleichzeitig kaum bereit sind, etwas daran zu ändern. Kompliziert ist, dass wir unsere ­eigene Verantwortung abschieben auf ein System.»

Harte Worte. Dass er damit immer auch sich selbst meint, zeigt ein Essay wie «Habeas Corpus» über das vorübergehende Verschwinden eines Schriftstellerkollegen in Dubai. Bärfuss stellt seine eigene Hilflosigkeit aus, auch seine Empörung über den totalitären Staat, aber eben auch seine Verstrickung: Auch er ist, wie wir alle, «gekauft», weil ohne das Öl aus solchen Ländern «der aufgeklärte Bürger seine Identität kaum einen Tag aufrechterhalten» könnte.

Rilke im Flüchtlingslager

Habeas Corpus: Der Körper ist wichtig, als fassbare Erfahrung, durch Raumgefühl wie durch Schmerz, was er genussvoll gegen das Gerede vom virtuellen Raum wendet mit der Pointe: «Das Internet hat keine Toilette.» Ein Lieblingsfeind ist auch das Bürgertum, eine Klasse, die nur die Zukunft kenne, unfähig, die Gegenwart, den magischen Augenblick wahrzunehmen, auszuleben. Bärfuss sieht das Bürgertum schon bei Lessing am Ende. Nun, da darf man widersprechen – nicht nur, weil zum bürgerlichen Habitus auch das Bewahren gehört (Besitz wie Bildung). Und setzt Bärfuss nicht Bürgertum und Kapitalismus gleich? Aber was taugen Essays, an denen man sich nicht reiben kann.

Deshalb verdient auch der letzte Text, der Titelessay «Stil und Moral», Einspruch. Hier packt Bärfuss die ganz grosse Keule aus und drischt damit auf die Literatur, das eigene Schaffen, im Grunde auf jede geistige Tätigkeit ein. Wer schreibt – und auch, wer liest! –, tue nichts gegen die elenden Verhältnisse der Welt. Wir alle verhielten uns, so seine grossartige, schreckliche Metapher, wie eine wohlgenährte Dame, die in einer ruhigen Ecke in einem Flüchtlingslager sitzt, wo gerade die Cholera ausgebrochen ist, und, statt zu helfen, Rilke liest. Soll Bärfuss also nach Afrika, statt Stücke, Romane und Essays zu schreiben? Es hülfe vielleicht seinem Gewissen. Aber er wäre der falsche Mann am falschen Platz. Wir brauchen den Max Frisch unserer Tage hier. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2015, 02:23 Uhr

Lukas Bärfuss: Stil und Moral. Essays. Wallstein, Göttingen 2015. 235 S., ca. 30 Fr.

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