Interview

«Das Notensystem wird Kindern nicht gerecht»

Der deutsche Philosoph Richard David Precht fordert eine radikal andere Schule. Er knüpft dabei an die Bestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts an. Dieser Tage erscheint dazu sein Buch «Anna, die Schule und der liebe Gott».

Über den «Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern» schreibt er in seiner Studie: Der Philosoph Richard David Precht.

Über den «Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern» schreibt er in seiner Studie: Der Philosoph Richard David Precht. Bild: Peter Rigaud

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Ihr neues Buch hat schon hohe Wellen geschlagen, bevor es in den Regalen der Buchhandlungen stand.
Die Bildungsdebatte in Deutschland scheint noch immer ein vermintes Gelände zu sein, in dem sich Freund und Feind unversöhnlich gegenüberstehen. Das hat ein riesiges Aufregungspotenzial.

Man wirft Ihnen vor, zu wenig Praktiker zu sein.
Das ist ein absurder Vorwurf. Stellen Sie sich vor, nur noch Praktiker dürfen Praktiker der gleichen Fachrichtung kritisieren. Nur Politiker dürften noch Politiker kritisieren, nur Lehrer Lehrer, nur Taxifahrer dürfen Taxifahrer kritisieren. Dann dürften auch nur noch Philosophen Philosophen kritisieren; dieses Bild der modernen Gesellschaft belustigt mich.

Konnten Sie auf eigene Erfahrungen zurückgreifen?
Ich habe sehr viele Schulen besucht und auch Elternerfahrung mit meinem Sohn und drei Stiefkindern in verschiedenen Schulsystemen.

Ihre wichtigste Forderung besteht darin, den Schülern weniger Wissen einzutrichtern und ihnen die Freude am Lernen zurückzugeben.
Mein Grundgedanke besteht darin, die Schule vom Kind und vom Lernen her zu denken. So ist die Schule nicht konstruiert worden. In Deutschland entstand das Schulsystem am Ende des 19. Jahrhunderts. Da wurde zum Beispiel das Notensystem mit sechs Ziffern eingeführt, vorher waren es nur drei, ursprünglich gab es gar keine Noten, kein Klassensystem, kein Rekrutieren nach Jahrgängen. Die Schule nach preussischem Vorbild hatte nicht die Funktion, Kindern kindgerecht etwas beizubringen. Sie war aus der Verwaltung und der Obrigkeit geboren und sollte gute, staatstragende, angepasste Staatsbürger hervorbringen. Über Kinderpsychologie hat sich damals so gut wie niemand Gedanken gemacht, auch nicht darüber, wie Lernen funktioniert.

Die Schulbauten aus der damaligen Zeit erinnern in der Tat an Kasernen. Inzwischen wurden ja auch ein paar neue Schulen gebaut, die 68er beispielsweise hatten ein ganz anderes Bildungsideal.
Das wurde nicht besser. Schauen Sie sich die Schulen an, die die Sozialdemokraten in den Sechzigerjahren in Deutschland gebaut haben. Diese Fürsorgeknäste sind um keinen Deut besser als die wilhelminischen Kasernen. In der Schularchitektur hat sich lange nichts getan. Inzwischen gibts auch gute Bauten, aber die meisten Schulhäuser stammen aus den Sechzigerjahren und sind fürchterlich.

In der Schweiz gibts inzwischen einige kindgerechte Neubauten, und an Reformen ist ja auch das eine oder andere passiert.
Ja, aber die partiellen Reformen passen nicht gut zusammen. Man setzt etwa auf fächerübergreifende Projektarbeit und gibt gleichzeitig strikte Noten. Die Schüler sollen erst mal lernen, selber Gedichte zu schreiben, bevor sie Gedichte anderer interpretieren. Und dann wird im Ernst das zarte Liebesgedicht eines Dreizehn- oder Vierzehnjährigen mit einer Note belohnt oder bestraft. Ich habe mich schon als Kind im Sportunterricht gewundert, warum ich als guter Turner oft locker die Bestnote kriegte. Dagegen konnte sich der Dickste meiner Klasse so anstrengen, wie er wollte, er kriegte nur einen Purzelbaum hin, und dafür gab es noch keine genügende Note. Das mögen extreme Beispiele sein, aber sie machen im Kern deutlich, dass das Notensystem unseren Kindern nicht gerecht wird. An diesem Kern hat sich trotz vieler Schulreformen bis heute nichts verändert. Da passt vieles nicht mehr zusammen, deshalb sind die Lehrkräfte auch so verunsichert. Es gibt heute viele qualifizierte Lehrer, die sich in diesen Übergangssystemen nicht mehr zurechtfinden.

Kann man die Situation vergleichen mit einem Bau, der zwar verschiedentlich renoviert wurde, aber die Grundstruktur blieb gleich? Sie plädieren für Abriss und Neubau.
Genau. Man hat das Gebäude ein paarmal renoviert, die Wände neu gestrichen. Aber es ist immer noch das alte.

Jetzt wollen Sie im neuen Gebäude auch die Noten abschaffen. Wie wollen Sie verhindern, dass die qualitative Leistungsbewertung stattdessen sehr subjektiv wird?
Das ist heute schon so. Wenn Ihnen ein Lehrer in wichtigen Promotionsfächern wie Politik oder Geschichte schlechte Noten gibt, dann haben Sie heute schon das Gefühl, der Lehrer mag Sie nicht. Ein Aufsatz lässt sich heute schon nicht objektiv mit einer Ziffer bewerten. Ich bin dagegen, dass ein einzelner Lehrer ein Fach unterrichtet oder für eine Klasse verantwortlich ist. Mehrere Lehrer sollen gemeinsam für ein fächerübergreifendes Thema und auch für eine Klasse verantwortlich sein. Sie sollen gemeinsam eine Leistung bewerten, das filtert die einzelnen subjektiven Urteile heraus oder macht sie wenigstens harmloser: Man untersteht nicht mehr dem Urteil eines Einzelnen. Wenn mich früher ein Chemielehrer nicht mochte, dann hat er mir den Chemieunterricht gründlich verübelt und ich hatte schlechte Noten. Ich konnte mir nicht in einem Pool von Lehrern, die zusammen ein spannendes Projekt in Chemie umsetzten, einen neuen Ansprechpartner suchen.

Laut dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie spielt die Persönlichkeit des Lehrers beim Schulerfolg eine viel wichtigere Rolle als alle Lehrpläne.
Hattie hat sämtliche verfügbaren Daten aus Schulprojekten in seinen Computer gefüttert, miteinander verknüpft und geschaut, was herauskam. Da wurden Äpfel mit Birnen und Kartoffeln verbacken. Das war ein grosser Unsinn. Aber natürlich stimmt es, dass es auf den Lehrer ankommt. Und gerade weil es auf den Lehrer ankommt, muss ich für ihn optimale Lehrbedingungen schaffen. Gute Lehrer, von denen es nicht allzu viele gibt, finden sich überall zurecht. Ob die jetzt Frontalunterricht geben oder Projektarbeit in einer Gesamtschule leisten – die können es immer. Es geht um jene Lehrer, die nicht ganz so gut geeignet sind für ihren Beruf. Denen muss man ein Umfeld schaffen, in dem sie nicht schaden. Man muss dafür sorgen, dass sie im Team unterrichten. Dass sie nicht jedes Jahr das Gleiche unterrichten müssen. Wenn ich in jedem achten Schuljahr mit den Schülern die «Judenbuche» oder «Werther» lesen müsste, wäre das unglaublich langweilig. Wenn man jedes Jahr mit ein paar befreundeten Lehrern überlegen kann, was man im Themenfeld Goethe für ein Projekt anbietet, werden auch Lehrer, die normalerweise dazu neigen, Dienst nach Vorschrift zu leisten, neu motiviert.

Die heutige Schule züchte Postpferde, schreiben Sie. Zwar vielseitig einsetzbar, aber letztlich träge und blosse Befehlsempfänger. Man brauche aber Rennpferde.
Diesen Vergleich habe ich von einem renommierten IT-Spezialisten übernommen, ehedem Chefmathematiker von IBM. Dieser eher konservative Mann hat die Anforderungen des künftigen Arbeitsmarktes erforscht und ist zu denselben Schlüssen gekommen wie ich. Ebenso übrigens Salman Khan, der amerikanische Computerentrepreneur, der früher Finanzanalyst war und heute seine Software weltweit für Lernprogramme gratis zur Verfügung stellt. Oder Ken Robinson, ein Star in der angelsächsischen Pädagogenszene, der europäische Gremien berät: Sie alle wollen solche Schulen, wie ich sie vorschlage. Das zeigt ja wohl, dass ich nicht irgendeiner Kuschelpädagogik verpflichtet bin.

Wieso tut sich gerade Deutschland so schwer mit der Schuldebatte?
Bei uns ist diese Debatte weltanschaulich sehr stark aufgeladen, ausserdem erweist sich der Föderalismus hier als grosses Handicap.

Wie in der Schweiz.
Ich finde den Föderalismus an sich nicht schlecht, aber in dieser Frage ist er nicht günstig. Ein Kind hat heute schon ein Problem, wenn es von einer nordrhein-westfälischen Gesamtschule an ein bayrisches Gymnasium wechseln will. Dasselbe gilt beim Wechsel von einer dänischen Gesamtschule auf ein deutsches Gymnasium. Wir werden im Zuge der europäischen Einigung die Schulpläne homogener machen müssen. Deshalb bin ich auch optimistisch, dass sich ziemlich schnell viel verändert. Ich halte die Debatte, die wir jetzt führen, bereits für historisch: ein Versuch, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern.

Nun wollen Sie auch die Schuluniform wieder einführen. So züchten Sie eher Postpferde als Rennpferde.
Es kommt nicht auf die Verpackung an. Bei Harry Potter gibts ja auch Schuluniformen, deswegen wurden in Hogwarts keine Postpferde ausgebildet. Ich will auch nicht, dass der Bund den Schulen vorschreibt, wieder Schuluniformen einzuführen. Die Schulleiter sollen sich diese Frage überlegen, je nachdem wie viel soziale Probleme sie haben, und selbst entscheiden dürfen. Die Schulrevolution muss von unten kommen. Ich will die Macht den Kultusministern weitgehend wegnehmen und den Schulen selbst geben.

Schuluniformen sind ein sehr gutes Mittel, um in einer Gesellschaft mit grossen Schicht- und Klassenunterschieden oder gar Kasten die soziale Benachteiligung zu vermindern. Das scheint jedoch in Deutschland oder in der Schweiz weniger wichtig.
Diese Probleme gibt es in Deutschland auch. Den Markenterror auf den Schulhöfen sollte man ja nicht unterschätzen.

Haben Sie ihn selber erlebt mit Ihren Kindern?
Meine Stiefkinder sind in Luxemburg auf die Schule gegangen. Dort gelten Mädchen, die am Morgen eine Stunde vor dem Spiegel stehen und ausserdem fünfmal die Klamotten wechseln, als Normalfall.

Für Pubertierende schlagen Sie in der 8. Klasse ein Abenteuerjahr vor. Hat so ein Konzept Chancen, realisiert zu werden?
Ich war gestern in Potsdam an einer Montessori-Gesamtschule. Die haben mit ihren Pubertierenden am Schlänitzsee ein Riesengelände in Arbeit. Was ich da miterlebt habe – ich habe Gänsehaut gekriegt! In dieser Gegend hatten die Stasileute ihre Datschen. Die Schüler renovieren diese Bauten oder reissen sie ab, legen Komposthaufen an, Bienenstöcke – grossartig! Wenn sie da sehen, wie die Kinder rumalbern, Beete anlegen, gleichzeitig Botanik lernen, da würde ich mir wünschen, dass sich dies meine Kritiker für einen Tag nur ansehen. Viele würden schnell vom Saulus zum Paulus werden und erkennen: Gute Schulen sind möglich!

Stehen wir vor einem Revival der Reformpädagogik wie etwa der Montessori-Schulen?
Ich denke ja. Die Chancen sind heute weit grösser, diese Ideen flächendeckend zu realisieren. Als Maria Montessori und die anderen Reformpädagogen Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Ideen entwickelten, herrschte eine absolute Obrigkeitsgesellschaft. In Deutschland gabs nicht mal eine Demokratie. Die Berufsanforderungen an Kinder bestanden darin, irgendwo auf einem Amt zu sitzen und zu funktionieren. Die hochkomplexen kreativen Anforderungen der Dienstleistungsgesellschaft bieten heute weit mehr Chancen, die Ideen der Reformpädagogen umzusetzen. Heute braucht die Gesellschaft genau solche Kinder. Die Stunde dieser Ideen ist gekommen – allerdings neu reflektiert und in manchem verändert.

Als neues wichtiges Lernziel wollen Sie die Fähigkeit zur Stille und zur Konzentration fördern und die junge Generation vor «Aufmerksamkeitsraub» schützen. Ähnliches setzen Sie ja auch gegenüber Ihren Studierenden durch. Wer in Ihrer Vorlesung am Handy erwischt wird, fliegt raus.
In der Tat. Aber das schlage ich für die Schulen nicht vor. Meine Schwester, die in Dänemark Lehrerin ist, hat mich überzeugt, dass inzwischen alle Schüler an Laptops arbeiten, da gibts keine Schulhefte mehr. Da kann ich die Unterhaltungselektronik nicht verbieten. Ich muss einfach schauen, dass die Schüler nicht gleichzeitig am Computer spielen. Die digitale Technik ist heute im Schulunterricht gegenwärtig. Es gibt ja auch Leute in meinen Vorlesungen, die haben ihren Laptop und schreiben mit. Ich kann von weitem nicht sehen, ob sie sich gleichzeitig einen Film ansehen, mitschreiben oder parallel zu meinen Ausführungen Begriffe googeln. Da muss man unterscheiden, ob es sich um Ablenkung handelt oder neue Formen der Mitarbeit.

Wie schützt man denn einen Zehnjährigen vor dem Aufmerksamkeitsraub?
Mein Sohn wird in ein paar Tagen zehn. Er hat bisher weder ein Handy noch einen iPod. Er wird nun zum zehnten Geburtstag einen iPod bekommen, den er für bestimmte Stunden erhält, danach muss er ihn seiner Mutter zurückgeben. Man schliesst ihn so nicht von der Technik aus, schützt ihn aber gleichzeitig vor sich selbst.

Tönt wieder optimistisch.
Nein, das macht mir in der Tat Angst. Aber man kann ein Kind angesichts der Entwicklungen in der Arbeitswelt nicht von diesen Erfahrungen fernhalten.

Die Verordnung von Ritalin für Schüler steigt in der Schweiz jährlich um 15 Prozent an; das wird wohl auch mit Reizüberflutung zu tun haben.
Das ist in Deutschland genauso. Aber es hat noch eine andere Ursache: Ich galt in der Schule einst auch als Zappelphilipp, hatte einen Stoffwechsel mit schneller Verbrennung und so einen unruhigen Geist. Ich bin auf dem Stuhl herumgerutscht und habe mit dem Fuss gewippt. Heute und mit anderen Eltern hätte man mir zweifellos auch Ritalin verschrieben. Aber nicht jeder ungebändigte Bewegungsdrang ist Überaktivität.

Immerhin ist aus dem damaligen Zappelphilipp auch ohne Ritalin ein kluger Philosoph und Bildungstheoretiker geworden.
Man kann sich manchmal auch mithilfe der Gedanken körperlich ein wenig disziplinieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2013, 07:51 Uhr

Precht, Richard David, «Anna, die Schule und der liebe Gott», Goldmann, 351 Seiten, ISBN 978-3-442-31261-0, CHF 29.90.

Anna, die Schule und der liebe Gott

Zu Person und Buch

Precht und seine Anna
In seinem neuen Buch «Anna, die Schule und der liebe Gott» befasst sich der deutsche Philosoph Richard David Precht mit der Schule. Er fordert statt der endlosen kleinen Reformen des nach wie vor preussisch geprägten Schulsystems eine tief greifende Bildungsrevolution. Bezeichnend dafür ist die Titelfigur Anna, die ihrem Lehrer auf die Frage, was sie denn zeichne, antwortet: «Den lieben Gott.» Als er sagt, das gehe nicht, weil niemand wisse, wie er aussehe: «Warten Sie fünf Minuten, dann wissen Sies.»

Precht, 47, gehört im deutschsprachigen Raum zu den meistzitierten jüngeren Philosophen und schreibt auch für Laien gut verständlich. Er hat zahlreiche Bestseller verfasst (u. a. «Wer bin ich und wenn ja, wie viele?») und moderiert auch eine eigene Sendereihe im ZDF («Precht»). Er ist mit einer luxemburgischen Fernsehjournalistin verheiratet, betreut mit ihr zusammen vier Kinder, und lebt in Luxemburg und Köln. (rs)

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