Kultur

Das Strahlenproletariat

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 11.06.2011 3 Kommentare

Moderne Wanderarbeiter, die von Kraftwerk zu Kraftwerk ziehen, stellt die französische Schriftstellerin Elisabeth Filhol ins Zentrum ihres Romans «Reaktor».

«Moderne Wanderarbeiter»: Aufräumarbeiten in Fukushima.

«Moderne Wanderarbeiter»: Aufräumarbeiten in Fukushima.
Bild: Keystone

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Das Buch

Elisabeth Filhol: Der Reaktor. Roman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Nautilus, Hamburg 2011. 122 S., ca. 24 Fr.

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Atomkraftwerke, das vergisst man gern, sind auch diesseits der Störfallschwelle gefährliche Einrichtungen. Gefährlich erst einmal für die, die in ihnen arbeiten. Ein ausgeklügeltes System von Schutz- und Sicherheitsvorschriften dient dazu, diese Gefahr zu beherrschen. So darf die Strahlenbelastung die Jahresdosis von 20 Millisievert pro Mann nicht überschreiten: Das gilt in ganz Europa – für die Stammbelegschaft, aber auch für die zahlreichen Zeitarbeiter, die vor allem für die Revisionen eingesetzt werden.

Ein solcher Zeitarbeiter, ein moderner Nomade, der von Kraftwerk zu Kraftwerk zieht, im Rhythmus der Wartungsarbeiten, steht im Mittelpunkt von Elisabeth Filhols Roman «Der Reaktor», geschrieben und im französischen Original erschienen noch vor Fukushima. Trotzdem hat das Buch dort für einiges Aufsehen gesorgt, und durch den schweren Unfall in Japan bekommt der kurze Roman – die deutsche Übersetzung ist dieser Tage herausgekommen – eine neue Dringlichkeit. Er sensibilisiert die Nutzer von Atomstrom dafür, dass diejenigen, die für das reibungslose Funktionieren der Anlagen sorgen, ihre Köpfe und Körper dafür hinhalten – und manchmal ruinieren.

Der Grenzwert als Kapital

Yann, der Held des Romans, hat «seine Dosis» auf einen Schlag abbekommen; er hat einmal nicht aufgepasst und in einem Wasserkessel ein Metallteilchen vom Boden aufgehoben, die Sicherheitsscheibe einer Mutter: Die war hoch radioaktiv. Damit ist der Mann seine Arbeit los. Man bietet ihm die Fortbildung zum Strahlenschutzbeauftragten an; die Kosten, ein Monatslohn, muss er aber selbst tragen.

An Handlung hat dieser Roman wenig zu bieten; das liegt in der Natur der Arbeit: eintönig und repetitiv. Von Reaktor zu Reaktor ziehen die Wanderarbeiter der französischen Atomindustrie, sie schlafen zu zweit in einem Wohnwagen oder zu viert in einem Mobilhome, werden rund um die Uhr eingesetzt: Die Zeit hier ist «die Zeit des Kraftwerks, das Tag und Nacht läuft. Und die Männer laufen ebenfalls 24 Stunden, jeder für acht Stunden» – und immer laufen sie Gefahr, zu viel Strahlung abzubekommen.

Sie teilen das Risiko, aber auch die Art zu denken: Die 20 Millisievert sind ihr «Kapital», von dem sie möglichst lange zehren wollen; dass die Höchstdosis herabgesetzt wurde, nehmen sie der Behörde übel – und dabei vergessen sie, «was es langfristig bedeutet».

Auf Tuchfühlung mit der Strahlung

Im Mikrokosmos des Kernkraftwerks herrscht dieselbe Risiko-Asymmetrie wie im Makrokosmos: die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ist sehr gering, die Auswirkungen aber wären gigantisch. Nur funktioniert die Verdrängung dieses Tatbestandes «draussen» besser als «drinnen», wo die Arbeiter auf Tuchfühlung mit der unsichtbaren Strahlung sind, zwar getrennt durch Schutzschichten und Schleusen, aber ständig gestresst durch das Bewusstsein, wie wenig Schutz diese im Störfall wirklich gewähren können. So kommt es immer wieder zu «menschlichen» Reaktionen – ein Arbeiter rennt panisch davon, weil er sich verstrahlt glaubt, und gefährdet damit die Gruppe; immer wieder kommt es auch zu Selbstmorden.

Elisabeth Filhol führt keine Kernkraft- oder Ausstiegsdebatte; die war vor Fukushima im technologiebesessenen Frankreich unvorstellbar. Sie nutzt die Mittel der Literatur, um die Schutzhülle aus Verdrängung und Beschwichtigungsrhetorik zu durchstossen, die die Kraftwerke umgibt. Da ist einmal der nervöse, fahrige Stil, der ständig auf Hochtouren läuft, ohne irgendwohin zu gelangen, und der die übergedrehte Psyche des Arbeiters widerspiegelt. Da sind die Metaphern aus dem Krieg («Schützengraben») oder der Transfer zwischen Mensch und Kraftwerk: Beide können «Risse» bekommen, dann droht eine «Kettenreaktion».

Diese Bildebene verweist auf ein pervertiertes Denken, für das der Mensch auch nur eine Schraube in einer Maschine ist, scharfen Rentabilitätsberechnungen unterworfen, aber leider anfällig für schwer kalkulierbare «menschliche Schwächen», weshalb immer wieder welche aussortiert und ersetzt werden müssen. Das ist leicht; das Reservoir der Zeitarbeiter ist gross, und gross – das verhehlt die Autorin nicht – ist auch die Faszination einer Technik, die ins Innere der Materie vorstösst und ihr ungeheure Energie entreisst.

Gefährliche Temporärjobs

30'000 Zeitarbeiter werden in französischen AKWs eingesetzt. 24?000 sind es in Deutschland, wo das Thema jetzt Wellen geschlagen hat: Nach einem Bericht der Bundesregierung sind diese nämlich einer deutlich höheren Strahlenbelastung ausgesetzt als in der EU zulässig. Die Partei der Linken spricht deshalb von «Strahlenproletariat» und fürchtet einen Missbrauch der Strahlenpässe (bei Arbeitern, die, wenn ihre Dosis erreicht ist, in ein anderes europäisches Land ausweichen). Auch in der Schweiz werden für die Revision Temporärarbeiter eingesetzt; das Stammpersonal, so die Auskunft der Aufsichtsbehörde Ensi, reiche dafür nicht aus, ausserdem seien für manche Arbeiten Spezialisten nötig.

Filhols Roman beleuchtet einen Aspekt, der bei der Ausstiegsdebatte bisher keine Rolle gespielt hat und der mit Zahlen und Vorschriften nicht erfasst werden kann. Die Arbeiter an der «Front» der Energiegewinnung stellen keine Risikoabwägung an. Es ist ihr Körper, der ihnen mit Schweissausbrüchen, mit Schwäche- und Panikanfällen signalisiert, dass sie für diese Technologie nicht geeignet sind – und umgekehrt diese Technologie nicht für sie, nicht für uns. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2011, 17:18 Uhr

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3 Kommentare

Edward Muntinga

13.06.2011, 09:06 Uhr
Melden 2 Empfehlung

ich zahle GERN mehr Geld für Strom, der NICHTS mit dem zu tun hat! unser Leben wird eh zu billig, Fliegen, Essen, Kleider.... Antworten


karl stöcklin

12.06.2011, 20:46 Uhr
Melden 1 Empfehlung

da sage ich nur noch" et voila " . Antworten