Das System hinter den Skandalfotos
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 24.03.2009 7 Kommentare
Links
Das Buch
Philip Gourevitch/Errol Morris: Die Geschichte von Abu Ghraib. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. Hanser, München 2008. 301 S., ca. 38 Fr.
Die ganze Fotosequenz dauerte 22 Sekunden. Charles Graner drückte seiner Freundin Lynndie England den Frachtsicherungsgurt in die Hand mit den Worten «halt mal», schnappte sich seine Kamera und knipste drauflos. Dass da am Ende der Leine ein gefangener, nackter Iraker hing, war für Lynndie England sozusagen nur ein Begleitumstand: Ihr ging es um Charles.
Die Fotos aus Abu Ghraib schockierten die Weltöffentlichkeit: Soldaten, die man als Befreier geschickt hatte, agierten als Folterknechte. Bis heute verstehen die, die zur Verkörperung der Schande Amerikas wurden, nur begrenzt, warum das, was sie getan haben, völlig inakzeptabel ist. Der preisgekrönte Publizist Philip Gourevitch hat, gemeinsam mit dem Dokfilmer und Oscar-Preisträger Errol Morris, untersucht, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Gourevitch und Morris haben zahlreiche Interviews geführt und Akten gewälzt. Sie zeichnen die Entstehung der Horrorfotos im Detail nach und machen dabei das ganze System hinter Abu Ghraib sichtbar.
Kugelsicherer Kern
Der erste Teil des Buchs schildert ausführlich, weshalb ausgerechnet das grösste und schlimmste Gefängnis Saddams zum amerikanischen Vorzeige-Gefängnis bestimmt wurde – und welche Regeln dafür vorgesehen waren. Die Amerikaner hatten den Aufbau einer Demokratie samt korrektem Strafvollzugssystem auf ihre Fahnen geschrieben; und weil Abu Ghraib das einzige Gefängnis mit einem kugelsicheren Kern war, wurde es, trotz Bedenken, ausgewählt und renoviert.
Aber ausgewählt wofür? Ursprünglich hatte man an verurteilte Straftäter gedacht, die der irakischen Strafjustiz unterlagen. Abu Ghraib unterstand der Übergangsregierung im Irak und wurde von einer Brigade der US-Militärpolizei geführt. Doch rasch bezog dort der Armee-Geheimdienst Quartier, ausgerechnet unter der Leitung des früheren Guantánamo-Bay-Kommandanten Geoffrey Miller.
Abu Ghraib rückte zum Verhörzentrum auf – und die eigentlich zuständige US-Militärpolizei wurde zum Handlanger des Geheimdienstes degradiert. Die als Gefängniswärter ohnehin unqualifizierten Soldaten hatten auf einmal einer fremden Autorität zu dienen, die von ihnen explizit erwartete, die Häftlinge «weichzuklopfen» – viel zu viele Häftlinge, die täglich herangefahren wurden; zahllose Unschuldige, die nicht wieder freikamen; Kinder und Frauen, die als Geiseln gehalten wurden, um die Väter und Männer zu erpressen; CIA-Häftlinge, die nicht einmal registriert werden durften.
Die Regeln aus Guantánamo
Miller hatte als Leitlinie die Verhörregeln aus Guantánamo mitgebracht – eine lockere Deutung der Genfer Konventionen für Kriegsgefangene, orientiert am juristischen Schlupfloch Artikel 5: Einzelpersonen, die die Sicherheit der Besatzungsmacht gefährden, dürfen Rechte entzogen werden. Im Irak wurden bald alle Personen, die in Militärgewahrsam waren, als solche «Sicherheitshäftlinge» eingestuft, sofern sie nicht ausdrücklich Straftäter nach irakischem Recht waren. Die Vorgabe von hoher Stelle war, sie zu «brechen», um Informationen aus ihnen herauszupressen. Als verbotene «Folter» galt nur, was Organversagen oder Todesqualen verursachte.
Die Anweisungen änderten sich zudem ständig. Im Herbst 2003 wurden die Verhörregeln allein innerhalb eines Monats fünfmal modifiziert, und beim Personal stellte sich der Eindruck ein, dass alles erlaubt, ja, erwünscht sei, was die Häftlinge gefügig mache. Die Häftlinge wurden nackt in «Stresspositionen» angekettet; Schlafentzug, Beschallung, Gestank, Anschreien waren an der Tagesordnung. Und wer das besonders gut beherrschte wie Charles Graner, wurde belobigt. Doch selbst er meldete bisweilen Bedenken an.
Monster, Mittäter, Menschen
Gourevitch und Morris belegen anhand von Dokumenten, dass die Täter keineswegs ein paar vereinzelte schwarze Schafe waren, die aus Jux oder Sadismus handelten. Und sie diskutieren die fragwürdige Rolle von Fotos im Prozess der Wahrheitsfindung: Fotos, so ihre These, entlarven und vertuschen zugleich. Schliesslich lief es darauf hinaus, dass man jene wenigen bestrafte, die auf den Fotos zu sehen waren, selbst fotografiert hatten oder Fotos weitergaben. Bilder, die teilweise gar keine Foltersituation festhielten, führten zum Schuldspruch, während Bilder, die einen Mord durch den Geheimdienst dokumentierten, unter den Tisch fielen. Kein Soldat im Rang oberhalb eines Sergeants verbüsste eine Haftstrafe.
«Die Geschichte von Abu Ghraib» leistet eine klare, übersichtliche Aufbereitung schon bekannter Fakten. Sie klagt an, nennt Namen von Verantwortlichen. Gourevitch und Morris machen aus den Monstern des Kriegs wieder Menschen – Mittäter, aber Menschen. Zu Unrecht hat sich die gerechte Empörung der Weltöffentlichkeit auf sie konzentriert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2009, 23:50 Uhr
Kommentar schreiben
7 Kommentare
Das ist das wahre Gesicht der USA, welche andauernd anderen Demokratie und Ordnung bringen wollen, selbst aber, sowohl was das Gesundheitswesen als auch andere Bereiche betrifft, ein absolutes 3-welt-Land ist und Demokratie, Gesetze und Menschenrechte mit Fuessen tritt. Heute fragte CNN, "kann man den Taliban trauen"? Den USA jedenfalls kann man nicht trauen. Antworten
Eigentlich sollten ja die USA ganz oben auf die Liste der "Schurkenstaaten" gesetzt werden und so lange dort verbleiben, bis diese Ereignisse juristisch aufgearbeitet worden sind. Bisher wurden lediglich Bauernopfer gebracht; die Welt wartet darauf, dass die Befehlskette bis ganz nach oben zur Rechenschaft gezogen wird. Obama, zeig uns, dass du die Welt verbessern willst! Yes, you can! Antworten






