«Das Wort ‹Rückzug› ist ausgerottet worden»
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«Davon haben wir nichts gewusst.» Mit diesem Satz haben sich Millionen Deutsche nach dem Ende des Nationalsozialismus ein reines Gewissen erschwindelt. Judenmord, Verbrechen der Wehrmacht, mörderische Kriegsführung. «Davon haben wir nichts gewusst.»
Das Tagebuch des hessischen Justizbeamten Friedrich Kellner (1885–1970) bestätigt einmal mehr, dass es sich um eine Schutzbehauptung handelt. Wer wissen wollte, der konnte wissen. Kellner, ein Sozialdemokrat in der inneren Emigration, notierte minutiös, was er über die Terrorherrschaft der Nazis erfuhr, er verfolgte den Kriegsverlauf und beschrieb die Stimmung im kleinen Städtchen Laubach. Als Quellen dienten ihm Nazizeitungen, die er analysierte, aber auch Erzählungen von Fronturlaubern sowie eigene Beobachtungen.
So entstand ein in seiner Unmittelbarkeit einzigartiges Schau- und Sittenbild jener Jahre. Ein Kriegsheimkehrer etwa berichtet von der Ermordung der Juden im Osten; dumpfe Patrioten jubeln über den Einmarsch in Russland; irgendwann tauchen die ersten alliierten Bomber auf und entladen ihre tödliche Fracht. Der Autor hat aber auch seine Alltagssorgen. Eintrag am 25. Dezember 1942: «Ich suche seit 2 Monaten 1 Paar Hausschuhe. Vergeblich!»
Beinahe selber im KZ gelandet
Wie ein roter Faden ziehen sich Kellners Grundüberzeugungen durch die Aufzeichnungen. Erstens: Deutschland kann den Krieg nicht gewinnen. Zweitens: Die Nazis sind Verbrecher, die Verfolgung von Andersdenkenden und Juden ist «der grösste Schandfleck auf der Ehre Deutschlands» (Kellner wäre wegen seiner kritischen Gesinnung beinahe selber im KZ gelandet). Und drittens: Das gemeine Volk begreift nicht, was passiert. «Es tut mir leid, feststellen zu müssen, dass das primitive Denken des deutschen Volkes einen Grad erreicht hat, der schlechterdings nicht mehr zu überbieten ist», heisst es. «Vernebelt, verdunkelt sind alle Gehirne.»
Die Publikation dieses einmaligen Dokuments ist einer Reihe von Zufällen zu verdanken. Friedrich Kellner hatte die insgesamt zehn Tagebuch-Hefte in den 60er-Jahren seinem Enkel Robert Scott übergeben, einem US-Amerikaner, der sich viele Jahre lang vergeblich um eine Publikation bemühte. Deutsche Verlage zeigten zunächst kein Interesse. Erst eine Ausstellung im US-Bundesstaat Texas sorgte für Aufmerksamkeit: Schliesslich nahm sich die Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Giessen des Materials an. Entstanden ist eine sorgfältige und umfassende Edition. Auf über 1000 Seiten finden sich 669 datierte Einträge, 760 Zeitungsausschnitte und ein ganzer Apparat aus Anmerkungen, Fussnoten und Begleittexten.
Die Sprache des «Dritten Reiches»
Bemerkenswert an Kellners Tagebüchern sind nicht nur seine Hellsicht und sein Mut (die Entdeckung seiner Notizen hätte er nicht überlebt). Der Justizbeamte aus der Provinz hatte eine eigene Methode zur Demaskierung des Regimes entwickelt. Am Anfang zufällig, zog er im Laufe des Krieges immer mehr Propagandaartikel bei – und entlarvte mit der Akribie eines Sprachwissenschaftlers die Lügen der Diktatur. Ähnlich hat das der Romanist Viktor Klemperer gemacht, dessen Tagebücher vor einigen Jahren in hohen Auflagen erschienen und der in «LTI» die Sprache des «Dritten Reiches» auseinandernahm.
Kellner schreibt am 26. Januar 1944: «Seit Juli 1943 finden ununterbrochen ‹siegreiche› Abwehrschlachten statt. Deutsche Niederlagen gibt es überhaupt nicht. Das Wort ‹Rückzug› ist ausgerottet worden. Stattdessen gibt es ‹planmässige› Frontverkürzungen oder ‹Begradigungen›.»
Nachlassende Begeisterung
Einige Monate später zitiert Kellner Adolf Hitler, der bereits 1941 das faktische Ende der Roten Armee beschworen hatte («dieser Gegner ist bereits gebrochen und wird sich nie mehr erheben»). Kellner kommentiert: «Dieser gebrochene und sich nie mehr erhebende Gegner lebt im Jahr 1944 immer noch und ist im Begriff, die deutschen Truppen aus Russland zu vertreiben. Sonderbar, sonderbar!!!»
Andernorts analysiert Kellner Todesanzeigen und bemerkt eine hohe Kindersterblichkeit in Deutschland – oder er glaubt zu spüren, dass die Begeisterung für das Regime nachlässt, weil immer weniger Familien schreiben, ihre Toten seien «für den Führer» gefallen. An den Rand einer Zeitungsnotiz, die meldet, 65 000 Juden seien abtransportiert worden, schreibt Kellner nur ein Wort: «Wohin?»
Der deutsche Historiker und NS-Experte Peter Longerich hat darauf hingewiesen, dass Kellners textkritische Methoden auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Im Interview mit der «Zeit» spricht Longerich davon, dass «auch wir die Diskrepanz zwischen ‹wissen können› und ‹wissen wollen› aus eigener Erfahrung kennen». Als Beispiel nennt er die Finanzkrise. «Auf einmal wurde überall von dubiosen Praktiken der Banken berichtet, alles Dinge, die man aus verschiedenen Quellen schon zuvor hätte wissen können. Und trotzdem das grosse Erstaunen: ‹Also, davon habe ich nichts gewusst.›»
Solche Vergleiche hinken natürlich. Beherzigenswert ist aber in jedem Fall, was Friedrich Kellner im Frühling 1940 in sein geheimes Tagebuch schrieb: «Es ist jedem überlassen, seinen eigenen Verstand zurate zu ziehen.»
Friedrich Kellner: Vernebelt, verdunkelt sind alle Gehirne. Tagebücher 1939–1945. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011, ca. Fr. 85. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.09.2011, 07:20 Uhr



