Kultur
Das beste Buch des Jahres
Aktualisiert am 20.12.2012 2 Kommentare
Goetz, Rainald, «Johann Holtrop», Suhrkamp Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-518-42281-6, CHF 29.90.
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Rainald Goetz rief uns im September in Erinnerung, wie ein Roman auch sein kann: dringlich, wütend, kaputte Realitäten reflektierend. Kein deutscher Autor nimmt Texte ernster als der Münchner, der mit furiosen Lesungen die Literatur in den Alltag hineindrückt und mit scharfsinnigen Analysen die Welt in seine Bücher hineinzieht.
Auch in seinem diesjährigen Werk «Johann Holtrop» hat die Zeitgenossenschaft das Primat. Goetz literarisierte das Leben eines überdrehten Managers der 00er-Jahre. Sein Buch, dem aufwendige Recherchen vorausgingen, kam allerdings nicht gut an: Die Figur des Johann Holtrop sei dem früheren Wirtschaftsstar Thomas Middelhoff zu ähnlich, lautete der Hauptvorwurf. Wo bleibe da die Kunst? Die Kritikerdaumen zeigten mehrheitlich nach unten.
Tatsächlich ist das Buch stofflich wenig originell, handelt es doch zu weiten Teilen von realen Deals und realen Menschen. Gerhard Schröder etwa hat als Gerhard Schröder einen pompösen Bundeskanzlerauftritt. Was den «Holtrop» vielmehr auszeichnet, ist die analytische und atmosphärische Anverwandlung und Durchdringung. Was treibt einen Hardcore-Business-Mann an und über Villa, Gattin und Jacht hinaus?, fragt Goetz. Mit welcher Ideologie kaschiert Holtrop diesen Trieb? Nach welchen Gesetzen und Dynamiken verläuft eine Sitzung auf der Teppichetage? Was geschieht innerlich und äusserlich mit einem Anzugträger, wenn ihm während des «Rat Race» die Luft ausgeht?
Der Schriftsteller als Diagnostiker
Faszination und Widerwille machten Goetz' Motivation aus. Der hyperaktive, begeisterungsfähige Holtrop ähnelt Goetz selber in verschiedener Hinsicht, andererseits ist die Wut auf die Kaste der Topkapitalisten unüberlesbar; diese paradoxe Energie liegt Goetz' brillantem Stillleben zugrunde.
Rainald Goetz feiert den Schriftsteller als Diagnostiker der Gegenwart und die Literatur als allmächtiges Mittel, das die Realität zur Kenntlichkeit entstellen kann. Und exakt deshalb ist «Johann Holtrop» und Goetz' Anmassung das Beste, was der Gegenwartsliteratur, in der Demut und tändelnder Eskapismus dominieren, dieses Jahr passieren konnte.
Lesen Sie morgen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet: Philippe Zweifel über den besten Film des Jahres. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2012, 15:15 Uhr
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2 Kommentare
Wer masst sich an zu bestimmen, was Realitätsflucht (= Eskapismus) in der Literatur ist? Gerade der Versuch, das Leben genau abzubilden, führt oft nicht zu einem Erkenntnisgewinn. Verfremdung und Phantasterei können helfen (siehe Dürrenmatt). Ich habe eher das Gefühl, heute fürchtet man den intellektuellen Kraftakt und flüchtet ins Bauchgefühl für den Massengeschmack. Antworten




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