Den Tod erzählen

24 Stunden zwischen Abschied und Neubeginn: Die Französin Maylis de Kerangal schreibt in ihrem Roman «Die Lebenden reparieren» das atemlose Protokoll einer Organentnahme.

Maylis de Kerangals Prosa ist grausam – und wunderschön. Foto: Lea Crespi (Pasco)

Maylis de Kerangals Prosa ist grausam – und wunderschön. Foto: Lea Crespi (Pasco)

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Simon lebt noch und ist schon tot. Das Herz schlägt, die Lunge atmet, Nieren und Leber sind in einem prächtigen Zustand, das EEG zeigt Nulllinien. Wie der 19-Jährige in der Intensivstation liegt, sieht es aus, als schliefe er nur, sein schönes Gesicht, sein völlig intakter Körper, der Kopfverband ein hell leuchtender Turban. Ein Irrtum, denkt es in seinen Eltern, gleich wird er die Augen aufschlagen, lächeln, von der perfekten Welle erzählen, die er an diesem Morgen kurz nach fünf geritten hat.

Die Ärzte wissen es besser. Für sie ist der Leichnam, in dem noch ein Herz schlägt, ein Glücksfall. Mit den Organen, die man Simon entnehmen kann, lassen sich mehrere erst halb Tote retten. Vorausgesetzt, Simons Eltern erlauben es, ihn auszuweiden. Das muss schnell geschehen, die Haltbarkeit von Organen ist begrenzt.

Bericht aus dem Schattenreich

Mit ihrem Text «Die Lebenden reparieren» schneidet sich die französische Autorin Maylis de Kerangal wie mit einem Skalpell ins Bewusstsein von Lebenden ihres- und unseresgleichen – Menschen, die den Tod nicht an sich heranlassen. So ahnen wir nichts von jener Schattenwelt zwischen Hirntod und Herztod, in der das Leben noch nicht endgültig weg und der Tod noch nicht endgültig da ist – ausser für Mediziner, die wissen, was eine Nulllinie besagt, wann ein Koma hoffnungslos ist und wie viel Hoffnung ein gesundes Herz bedeuten kann.

Wir denken nicht darüber nach, wie sehr dieses Wissen Ärzte belasten und selbst zu Schattenmenschen machen kann. Nicht mehr ganz im Leben, näher am Tod, als ihnen guttut. Und wir haben keine Ahnung davon, wie die Maschine funktioniert, die sich in Gang setzt, sobald einer im Krankenhaus landet, dem nicht mehr zu helfen ist, der aber anderen zu einem neuen Leben verhelfen könnte; gesetzlich vorgeschriebene Prozeduren, Erfahrungswissen, Improvisation, Telefonate, Formulare, letzte Riten, ehe ein Körper auf­geschnitten, ausgenommen, wieder zugenäht wird.

Maylis de Kerangal erzählt uns davon – von den letzten 24?Stunden im Leben und den ersten 24?Stunden des Todes eines 19-Jährigen, der nach einem Surfausflug bei einem Autounfall kopfvoran gegen einen Mast geschleudert wird. Wenn man das noch «erzählen» nennen kann: Denn obwohl de Kerangals Text strikt chronologisch vorankommt (ein Countdown bis zum endgültigen Abschalten eines Menschen und dem Einsetzen seines Herzens in einen anderen), saugt er sich auf dem Weg mit allem voll, was er noch zu fassen bekommt.

Zuletzt ein Meeresrauschen

Wie Marianne, die Mutter, vom Totenbett in der Intensivstation in eine Bar fährt, einen Gin hinunterstürzt, Sean, den Vater, der irgendwo unterwegs ist, zu erreichen versucht; wie Cordélia, die neue Krankenschwester, ohne Schlaf die Frühschicht antritt, sie hat einen alten Liebhaber getroffen und sich mit ihm in einen Hausflur verdrückt; wie der Diensthabende von seinem kleinen Büro aus alles in die Wege leitet; wie der Transplantationsbeauftragte, ein Pfleger mit Abschluss in Philosophie, mit den Angehörigen redet, keiner kann es besser als er; wie die Entnahme-Teams sich auf den Weg machen; wie die Verwalterin der nationalen Organdatenbank die Listen durchgeht, Blutgruppen vergleicht, Transportzeiten berechnet; wie die Eltern, nachdem sie ihre Erlaubnis erteilt haben, nach Hause gehen, um Lou zu sagen, dass ihr grosser Bruder nie wieder nach Hause kommen wird; wie Lou – sie ist sieben – vor ihrem Vater hüpft, ihm ein Blatt Papier hinhält, «ich hab für Simon ein Bild gemalt».

Kein Detail lässt dieser Text liegen, es ist, als habe er sich zur Pflicht gemacht, nichts zu vergessen, als sei er es dem, der da stirbt, schuldig, sich noch ein allerletztes Mal mit Namen, Geschichten, Leben vollzusaugen.

Kein Detail lässt der Text liegen. Als sei er es dem, der da stirbt, schuldig, sich noch einmal mit Leben vollzusaugen.

Und dann ist es doch so weit: Simons Körper kann von den Maschinen abgeklemmt werden. Doch nein, einen Augenblick noch, unterbricht der Transplantationsbeauftragte, stöpselt dem Toten Ohrhörer in die Ohren und macht, wie er es den Eltern versprochen hat, den MP3-Player an, den sie ihm dagelassen haben, Track 7, es ist schon eingestellt: Meeresrauschen. Erst jetzt wird er ausgemacht. Wie man ein Licht ausmacht.

In den Momenten, in denen einen das beim Lesen nicht völlig fertigmacht, weil es den Tod so viel genauer erzählt, als man es verkraftet, beginnt man zu verstehen: Das ist ein Text, der den Tod zwar nicht aufhalten kann, aber das ­Leben liebt, ein Gewebe, in dem alles mit allem verädert ist, Prosa, in der die Wörter wie Gischtkronen auf Wellen treiben, sich der Bewegung des Lebens ergeben, es hört ja nicht auf, Herzen schlagen anderswo weiter, Transsubstantiationen.

De Kerangals Prosa ist virtuos grausam und virtuos schön, alle paar Sätze wechselt die Perspektive, geht ein neues Register an, gleitet es anderswohin. Kein Journalismus, kein Film käme auch nur in die Nähe jener Zone, in der sie sich bewegt; das Flüssige der Sprache, das Schöpfen aus dem Nichts, das Verknüpfen des Unverknüpften, der Mut und die Demut, sich treiben zu lassen. Und, auch das, eine gnädige Lüge – denn natürlich geht es im Leben jenseits der Texte oft stummer, roher, gefühl- und gedankenloser zu. So muss Literatur sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2015, 19:19 Uhr

Maylis de Kerangal

Die Lebenden reparieren. Aus dem Französischen von Andrea Spingler.
Suhrkamp, Berlin 2015. 225 S., ca. 28 Fr.

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