Der Davidstern als Tattoo im Intimbereich
Angehörige der Dritten Generation: Autorin Vanessa F. Fogel.
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Polen, Deutschland, Israel, New York: Eine Familiengeschichte, die sich auf diesen Schauplätzen abspielt, muss eine jüdische sein. Die polnischen Grosseltern haben als Jugendliche deutsche Konzentrationslager überlebt und sind im Land der Täter geblieben, wo sie in den Wirtschaftswunderjahren Arbeit fanden. Ihr Sohn zog in den 80ern nach Israel, dem zionistischen Traum folgend, mit dem er im zerstörten Berlin aufgewachsen war.
Die Enkelin, geboren 1981, ist ein deutsches Kind, eine israelische Jugendliche und eine amerikanische Studentin. Im Lauf zweier Wochen besucht sie alle Schauplätze der Familiengeschichte. Auf Englisch, Hebräisch und Deutsch, in Nacherzählung, Spekulation und vielen Fragesätzen findet sie Worte für das, worüber in der Familie bisher höchstens formelhaft gesprochen wurde. Damit der Grossvater das Buch bekommt, das er als bleibendes Zeugnis seines Überlebens von ihr einfordert. Und damit sie selbst ihr Leben versteht, das von den fernen Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs vielfach geprägt ist.
Es ist klar für die Romanfigur Fela, klar für die Autorin Vanessa F. Fogel (1981), die mit der Protagonistin viel gemeinsam hat: Nur in der eigenen Geschichte kann sie die des Grossvaters erzählen. Im Kontrast verbinden sich die Zeiten. Die Schwester des Grossvaters ist im KZ Bergen-Belsen verhungert. Fela hat in ihrer Jugend immer gefressen oder gefastet. Für den Grossvater bedeutete der Krieg Verhaftung, Zwangsarbeit, Todesmärsche. Der Krieg, den Fela 1990/91 erlebte, als Saddam Hussein Scud-Raketen auf Israel abfeuerte und mit Giftgaseinsatz drohte, wurde trotz der realen Bedrohung nur im Fernseher sichtbar.
In ihrem Roman erzählt Fogel den Holocaust aus der Sicht und Erfahrung der Enkelin. Sie tut es in aufrichtiger Zuneigung zu ihrem Grossvater mit der tätowierten Nummer auf dem Arm, von der er ihr einst erzählte, es sei die Telefonnummer von Freunden.
Zu viele Sätze ums «Spüren»
Während sie die Geschichte der Familie bewusst lückenhaft protokolliert und damit das Vorläufige allen Erinnerns und Erklärens betont, stilisiert Vanessa F. Fogel das Leben der Erzählerin zum Musterbuch einer Identitätsfindung. Von der fresssüchtigen, verschlossenen Jugendlichen zur selbstbewusst liebenden Frau, vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Und zur – säkularen – Jüdin, die in der leidvollen Geschichte Israels selbst ein gewichtiges Schicksal hat.
Für die wundersame Verwandlung werden in den Hotel- und Gästezimmern Spiegel, Duschen und Badewannen ohne Zahl installiert. Der neue Körper erhält dennoch kein Leben, die Sprache dreht leer in der wiederholten Aufzählung seiner Einzelteile: «Nacken, Rücken, Schulter, Bauch, Hüfte, Dehnungsstreifen». Die Befindlichkeit konturiert sich wenig in den viel zu vielen Sätzen ums «Fühlen» und «Spüren» und schiefen sprachlichen Bildern.
Vollends zum Verhängnis wird dem Roman die grosse Liebe: Nach der Polenreise meint Fela, für Lior bestimmt zu sein, den israelischen Jugendfreund, der inzwischen Soldat ist. Just am Tag vor dem ersehnten Wiedersehen wird er bei einem Anschlag getötet. Daraufhin lässt Fela sich im Intimbereich, «dort, wo mich Liors sanfte Hände hätten berühren sollen», ein Davidstern-Tattoo stechen. «Ich habe mich selbst mit dem Holocaust gezeichnet und mit den Überlebenskämpfen Israels, die es immer gab und immer noch gibt.» Und als ob das nicht schon übergenug wäre an geschmacklos plakativer Symbolik, muss im letzten Satz des Romans, nach der Landung zurück in New York, auch noch der Erlösungshorizont aufgespannt werden, in der Begegnung mit dem Mann gewordenen Israel. Der heisst natürlich David. David Stern.
Am 28. März um 20 Uhr liest Vanessa F. Fogel im Literaturhaus Zürich. Vanessa F. Fogel: Sag es mir. Roman. Weissbooks, Frankfurt am Main 2010. 334 S., ca. 34 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2011, 08:05 Uhr






