Der Ghostwriter

Achim H. Pollert hat Doktorarbeiten und mehrere Lizenziatsarbeiten verfasst. Und das alles, ohne je eine Uni besucht zu haben. Porträt eines professionellen Auftragsschreibers.

Selbst war Achim Pollert nie an der Uni (im Hintergrund), aber viele Studenten verdanken ihm ihre Arbeit.

Selbst war Achim Pollert nie an der Uni (im Hintergrund), aber viele Studenten verdanken ihm ihre Arbeit. Bild: Dominique Meienberg

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An ihn wenden sich Studenten, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Wenn sie an einer akuten Schreibblockade leiden. Wenn sie keine Lust auf eine weitere Seminararbeit haben. Oder wenn sie sich schlicht nicht imstande fühlen, eine Lizenziatsarbeit zu schreiben. Sie finden ihn über Kleinanzeigen im Internet: «Ghostwriter – zuverlässig, diskret, preiswert – erstellt für Sie akademische Texte», heisst es da. Dahinter verbirgt sich der in der Nähe von Zürich lebende Autor Achim H. Pollert – 52, Halbglatze, Hornbrille.

Eine 15-seitige Arbeit zur Ausprägung des Steuerwesens unter Kurfürst Albrecht zwischen 1470 und 1480 in der Mark Brandenburg? – Kein Problem für Pollert. Ein 20-seitiger Vergleich zur Kritik des ontologischen Gottesbeweises bei Kant und Hegel? – Nicht sein Spezialgebiet, aber machbar. Eine Masterarbeit in internationaler Politik über Unterschiede zwischen der demokratischen Revolution in Ungarn und jener in der Republik Jugoslawien? – Eher einfach.Pollert ist ein Schnellschreiber. 10 Seiten schafft er problemlos am Tag, manchmal gar bis zu 20. Vorausgesetzt, er weiss, was er schreiben soll. Doch manchmal wissen das die Studenten selber nicht. Sie kommen dann lediglich mit einem vagen Themenvorschlag zu ihm. So auch eine Frau, die eine Lizenziatsarbeit über die Verhältnisse der Zwischenkriegszeit in Europa geschrieben haben wollte, aber keine Ahnung hatte, was man da genau schreiben könnte.

5000 Euro für 100 Seiten

Pollert kam das Thema gelegen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zählt zu seinen besonderen Interessen. Für die ganze Arbeit – 100 Seiten plus Literaturverzeichnis und Anhang – hat Pollert 5000 Euro verlangt. Kein schlechter Deal für die Auftraggeberin, sitzen doch Studenten gut und gerne neun Monate an ihrer Lizarbeit. Für Pollert hat sich der Auftrag auch gelohnt. Nur 10 Tage hat er dafür gebraucht.

Nicht immer können sich aber Ghostwriter und Auftraggeber einigen. Vielen sei nicht bewusst, dass Ghostwriting eine qualifizierte und aufwendige Arbeit sei, sagt Pollert. Ein Student wollte jüngst in weniger als einer Woche eine 20-seitige Arbeit über die Marketingkonzepte von zwei Firmen, Pollert verlangte 2500 Euro. So viel könne er nicht aufbringen, sagte der Student. Er hätte aber gerade ein Praktikum bei einer Nobeltextilfirma gemacht und geniesse dort Sonderkonditionen. Ob Pollert statt Geld einen Markenmassanzug wolle?

Wikipedia und Google Books

Pollert lehnte freundlich ab. Einen Markenanzug braucht ein Ghostwriter nicht. Für seine Arbeit muss er nicht einmal das Haus verlassen. Der Gang in die Bibliothek für die Recherche ist heute dank Internet nicht mehr nötig, Wikipedia ist immer für eine erste Annäherung gut und führt zu diversen weiteren Quellen. Auf Amazon findet man aktuelle Literatur – oft können einige Seiten eingesehen werden. Das reicht schon, um ein Zitat in die Arbeit einzubauen. Dasselbe gilt für Google Books, wo ältere Werke auch vollständig zur Verfügung stehen, mit Stichwortverzeichnis. So kommt rasch ausreichend Material zusammen.

Pollerts erste akademische Auftragsarbeit war gleich eine Dissertation. Ein bekannter Ethnologe sollte für das berufliche Fortkommen eine Doktorarbeit verfassen, sah sich dazu aber nicht recht imstande. Pollert schon. Mit ethnologischen Studien hatte er sich vorher noch nie beschäftigt. Die europäischen Volksbräuche, über die er schreiben sollte, waren ihm bis dahin völlig fremd. Doch nach drei Monaten war das 200-seitige Buch fertig. Erstaunt hat Pollert vor allem, wie wenig fachliche Kenntnisse eigentlich nötig seien, um eine Doktorarbeit zu schreiben, aber mit wie viel formalem Aufwand das verbunden war.Es folgten eine weitere Dissertation in Betriebswirtschaftslehre und Lizenziatsarbeiten in Geschichte, Philosophie, Soziologie, Psychologie und Wirtschaft. Pollert schreibt alles, was er sich zutraut. Ob er auch eine Arbeit in den «harten» Naturwissenschaften verfassen könnte, weiss er nicht, weil er nie einen solchen Auftrag erhalten hat.Selber war er nie auf einer Universität. Der Betrieb, bei dem es viel mehr um «das Spuren als um das Können ankommt», ist ihm von jeher suspekt. Eine wissenschaftliche Laufbahn war nie ein Thema, weshalb er Banker wurde. Damit begann auch seine «Karriere» als Ghostwriter. Für seine Vorgesetzten hat er Vorträge geschrieben, welche diese ganz selbstverständlich als ihre eigenen ausgaben. Irgendwann machte sich Pollert dann als Ghostwriter und Autor selbstständig. Unter seinem Namen veröffentlicht er Sachbücher, unter einem Pseudonym Romane, als anonymer Ghostwriter akademische Schriften für andere.

Verständnis für Guttenberg

Moralische Bedenken hat er nicht. Es sei anerkanntes Allgemeingut, dass Politiker ihre Reden schreiben lassen. Warum sollten Akademiker nicht dasselbe tun dürfen? Das Tamtam, wenn wieder einmal herauskommt, dass bei einer Doktorarbeit «gemogelt» wurde, versteht er nicht. Nur weil der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei seiner Dissertation abgeschrieben hat, soll er kein qualifizierter Minister mehr sein? Wenn er für das Amt qualifiziert war, dann doch hoffentlich durch andere Leistungen. So jedenfalls sieht das der Ghostwriter.

Die von ihm verfassten Arbeiten bezeichnet Pollert als «mittelmässig». Zu einem gewissen Teil sei das Strategie, um keinen Argwohn zu erzeugen. Dabei schreibt Pollert immer im gleichen Stil – egal ob Proseminararbeit oder Dissertation. An seinen kurzen, konzisen Sätzen und dem leicht ironischen Unterton könnte ihn womöglich ein Dozent erkennen, falls zufällig schon einmal ein Student bei ihm eine von Pollert geschriebene Arbeit abgegeben hat. Doch dass sich der Dozent noch so genau erinnert, ist wohl eher unwahrscheinlich. Also besteht kaum Gefahr für die Studenten. Zumindest solange sie gegenüber ihren Kommilitonen den Mund halten und nicht mit ihrer dreisten Tat angeben. Doch das wäre dann einfach zu dumm. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.04.2011, 07:53 Uhr)

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