Der Kapitän verlässt den Zytglogge-Verlag

Hugo Ramseyer verkörpert ein Stück Schweizer Verlags- und Kulturgeschichte. Jetzt hat der Verleger des Zytglogge-Verlags nach fast 50 Jahren seinen Rückzug angekündigt. Einen Nachfolger gibt es (noch) nicht.

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Die Vorschau auf das diesjährige Herbstprogramm des Zytglogge-Verlags dokumentiert nochmals die Vielseitigkeit dieses in der herrschaftlichen Villa von ­Jenner direkt am Thunersee in Oberhofen residierenden Verlags. Eine Biografie über Madame de Meuron wird ebenso ­angekündigt wie ein Gesprächsbuch mit Gottfried Locher, dem obersten Reformierten der Schweiz. Ein Sachbuch über den «Teilzeitmann» steht neben Mundartprosa von Andreas Neeser und «Grindelwalder Gschichti» von Margrith Bohren. Bei den Tonträgern sticht ein Doppel­album zum 40. Bühnenjahrjubiläum von Dodo Hug heraus.

Dieses Programm wird nun das letzte sein unter der Leitung von Hugo Ramseyer und seiner Ehefrau Bettina Kaelin-­Ramseyer. In einer Mitteilung an seine «AutorInnen und Inter­pretInnen» kündigt der 77-jährige Verleger seinen Entscheid an. Aus Altersgründen sei ein «Break» unausweichlich gewesen, sagt er gegenüber dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er verspüre Dankbarkeit und auch eine gewisse Erleichterung, nachdem diese Weiche nun gestellt sei: «Ich bin in den vergangenen Jahren immer mehr an die Grenzen meiner Kräfte gekommen. Jedes Jahr haben wir mit Volldampf rund 20 Bücher und 15 Tonträger herausgebracht.»

Im Jubiläumsjahr hätte der Verlag mit einem «besonders grossen Ausstoss» aufwarten müssen, sagt Ramseyer, «oder man macht eben das Gegenteil». Das Gegenteil ist ein «Produktionsstopp» ab Ende Jahr. Der Grossteil der rund 600 Bücher und 500 Tonträger umfassenden Backlist wird weiterhin bei den Auslieferungen erhältlich sein und ab Januar 2015 von ­einem «reduzierten Team» verwaltet. Drei Mitarbeiterinnen erhalten die Kündigung, darunter auch Anne Riesen, die für Presse und Lizenzen zuständig ist und seit 22 Jahren für den Verlag arbeitet.

Schwarze Zahlen bis zum Schluss

Für die Zukunft des Verlags wird derzeit eine Lösung gesucht. Ramseyers Frau Bettina Kaelin, die vor allem im Sachbuchbereich Akzente gesetzt hat und lange als Nachfolgerin vorgesehen war, will sich beruflich neu orientieren und hört gemeinsam mit ihrem Mann auf. Hugo Ramseyer hat zwar etliche Gespräche über eine mögliche Nachfolge geführt, die aber kein Ergebnis hatten. Er wünscht sich ein «junges, keckes Team, das eine ähnliche Aufbruchstimmung verkörpert wie wir damals in der 1968er-Zeit».

Idealerweise wäre es eine «Berner Lösung» mit Persönlichkeiten aus der Branche, die Erfahrung mitbringen und bereit sind, die wichtigsten Säulen des ­Zytglogge-Verlags zu übernehmen: Dazu gehören etwa die neue Schweizer Volksmusik, Chansons und natürlich Mani ­Matter, der für das Zytglogge-Programm nicht nur ideell, sondern als «Cashcow» auch materiell von zentraler Bedeutung ist. Ob der den Verlag über all die Jahre unangefochten prägende Ramseyer jemanden findet, der weitgehend auf ­eigene Akzente in der Programmgestaltung verzichtet und das Erbe des Verlags weiterverwaltet, scheint fraglich.

Hat der abrupte Rückzug Ramseyers möglicherweise auch mit einer finanziellen Notlage zu tun? Der Verleger dementiert energisch. Zur Situation des Verlags mit einem Jahresumsatz von rund 1,5 Millionen Franken – davon macht die Musik etwa ein Drittel aus – sagt Hugo Ramseyer: «Wir haben bis zum Schluss schwarze Zahlen geschrieben und befinden uns in einer günstigen Verhandlungs­position.»

Angefangen hat alles im Theater Zyt­glogge in Bern, in dem Hugo Ramseyer Mitte der 1960er-Jahre noch als Trouba­dour aufgetreten ist. Mit dem Pianisten und Kaufmann Rolf Attenhofer gründete er den Zytglogge-Verlag. Anfangs ging es vor allem darum, Schallplatten zu produzieren: Mani Matter, Franz Hohler oder später Emil, dessen vier Platten im Zytglogge-Verlag sensationelle Verkaufserfolge wurden. Anfangs war der Verlagssitz noch in der Wohnung von Rolf Attenhofer in Gümligen, später wurde temporär eine Garage bezogen, ehe der Verlag während Jahrzehnten im Erdgeschoss des Eigerwegs 16 in Gümligen domiziliert war.

Seit 2003 residiert der Verlag in der alten Villa von Janner in Oberhofen. Nachdem sich Attenhofer nach seiner Pensionierung zurückgezogen hatte, blieben als Hauptaktionäre der seit 1969 existierenden Aktiengesellschaft Hugo Ramseyer und seine Frau. Die Mitarbeiter hatten die Möglichkeit Aktien zu beziehen, über viele Jahre wurden auch Dividenden ausbezahlt. In den ersten Jahren arbeitete Ramseyer nebenbei noch für Radio und ­Fernsehen, teils auch als Lehrer, ehe er in den 70er-Jahren hauptamtlich in den Verlag wechselte.

Inzwischen hatte er dank einer guten Nase und Mut zum Risiko auch literarisch Fuss gefasst. Im Klima des Aufbruchs der 1968er-Jahre verlegte er erste Bücher von Lukas Hartmann, Sam Jaun, Ernst Burren, ­Katharina Zimmermann, Barbara Traber oder Gerhard Meier. Letzterem hielt Hugo Ramseyer jahrelang die Treue, ohne dass sich ein Erfolg einstellte. Später wechselte Meier zum Suhrkamp-Verlag und machte eine späte Karriere. Die langjährige Zyt­glogge-Autorin Maja Beutler, die 1976 mit «Flissingen fehlt auf der Karte» bei Zyt­glogge debütierte, hebt diese Toleranz von Ramseyer hervor: «Hugo Ramseyer und sein Lektor Willi Schmid vertrauten auf ihr Gespür für Qualität, ohne den Zyt­glogge-Verlag wären die frühen Bücher von Gerhard Meier gar nicht auf den Markt gekommen.» Der Zytglogge-Verlag sei über Jahrzehnte «ein Zufluchtsort für Avantgarde-Autorinnen und ungewöhnliche Bücher»gewesen.

«Immer neugierig bleiben»

In den Siebzigerjahren avancierte das Sachbuch zu einem finanziellen Rückgrat des Verlags. Ramseyer verlegte Bücher, die nicht nur Auflagen von über 100 000 Exemplaren erreichten, sondern drängende gesellschaftliche Fragen pointiert aufnahmen und auch wirkliche Debatten anstiessen: so etwa Jürg Jegges Buch «Dummheit ist lernbar» (1976) oder «Nach uns die Zukunft» (1979) von Hans A. Pestalozzi, eines Vordenkers der Öko-Bewegung. Sein Credo als Verleger sei über das ganze halbe Jahrhundert ­eigentlich unverändert geblieben, sagt Hugo Ramseyer: «Immer neugierig bleiben auf sperrige Menschen, kantige ­Persönlichkeiten, die etwas in Bewegung bringen, sei es in der Psychiatrie, in der Bildung oder in der Politik».

Kritische Zeitgenossen mit teils polemischem Talent wie der Armeekritiker Roman Brodmann, SP-Politiker Helmut Hubacher, die Umweltaktivisten Bruno Manser, Ursula Eggli («Herz im Korsett») oder Eva Zeltner («Mut zur Erziehung») trugen zur Profilierung des Kleinverlags bei. Ramseyer schreckte auch nicht vor publikumswirksamen Namen wie dem Sportkommentator Bernard Thurnheer zurück, dessen Weisheiten zum Fussball er auch verlegte. 1999 musste er sich öffentlich entschuldigen im Zuge des Skandals um das Buch «Verkaufte Illusionen» der einstigen Prostituierten Rita Dolder, die Bundesrat ­Villiger als Bordellbesucher outete.

Zur Belletristik und zu den Sachbüchern kamen Werkbücher, Mundartgeschichten, Comics, Kinder- und Liederbücher. Mit seinem Expansionskurs erlitt Zytglogge allerdings fast Schiffbruch; Auslandbüros in Bonn und Wien mussten aufgegeben und auch Mitarbeiter entlassen werden, um den Verlag zu retten.

Zeitung, Theater, Galerie

Im Musikprogramm verbuchte Zytglogge 1992 mit dem Sampler «Matter Rock» ­einen Grosserfolg. Der Patron überwarf sich allerdings fast mit allen Leitern dieser Programmsparte. In den Neunzigerjahren liefen dem Verlag die zugkräftigen Namen davon: Patent Ochser, Vera Kaa oder Natacha. 1996 kündete Ramseyer ­allen 12 Angestellten der Musikabteilung, den Vertrieb gab er an den Konkurrenten Sound Service ab.

Der initiative und energische Kultur­aktivist Hugo Ramseyer hinterlässt über den Verlag hinaus Spuren: Von 1975 bis 1991 gab er die ambitionierte kulturelle Monatszeitung «Zytglogge Zytig» heraus, an der so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Lukas Hartmann, Balts Nill oder Beatrix Bühler redaktionell ­mitarbeiteten. Von 1970 bis 1996 war er für das Zähringer-Theater und die dazugehörende Galerie verantwortlich, im Rahmen der Reihe «Podium» lasen Grössen wie Elias Canetti oder Ludwig Hohl in der Badgasse, Hermann Burger gab Kostproben seines Könnens als Magier. Von 1996 bis 2007 führten er und seine Frau die Galerie Ramseyer & Kaelin an der Junkerngasse.

Jetzt stehen die Zeichen auf Abschied. Mit Hugo Ramseyer gehe ein Verleger und Kulturaktivst, der sehr vieles ermöglicht habe, sagt der Schriftsteller und Zyt­glogge-­Autor Francesco Micieli, «und der lange Zeit auch für eine gewisse Moderne in der Literatur stand». Ramseyer sei ­einer, der viele literarische Erstlinge unterstützt habe und nicht nachtragend gewesen sei, «wenn die Autoren den Verlag als Sprungbrett nutzten. Schade, dass er geht!» (Der Bund)

(Erstellt: 13.08.2014, 09:57 Uhr)

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