Der Mann als Zeitbombe
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 10.03.2010
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Zur Person
Ute Scheub (55) war Mitbegründerin der Tageszeitung taz und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie ist Mitinitiatorin des deutschen Frauensicherheitsrates und des Vereins zur internationalen Völkerverständigung.
Das Buch:
Heldendämmerung. Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist. Pantheon-Verlag, München 2010. 400 Seiten, ca. 30 Fr.
Es ist die Wucht, die Ute Scheubs Buch «Heldendämmerung» so lesenswert macht und mit der sie ihre These belegt, wonach «kriegerische Konflikte wahrscheinlicher werden, wenn sich eine grosse Anzahl von Männern in ihrer bisher gelebten männlichen Identität bedroht fühlt – umso mehr, wenn sie absturzgefährdeten Schichten angehören». Scheubs Überlegungen zugrunde liegt die Tatsache, dass Männer aufgrund der Globalisierung und des Zerfalls traditioneller Strukturen zusehends ihre bisherige Rolle in der Gesellschaft verlieren und dass sie, falls sie nicht in der Lage sind, mit dieser neuen Situation umzugehen, aus Frustration in eine übersteigerte Männlichkeit flüchten, die nicht gesund ist. Und die ist nicht nur für Frauen gefährlich, sondern auch für die Männer selbst.
Verpönte Geschlechterthematik
Neu ist das eigentlich nicht. Man weiss längst um die Gefährlichkeit des Männlichkeitswahns, aber so deutlich, dicht und schlüssig wurde einem das kaum je zuvor vor Augen geführt. Dass die Politik dieser Erkenntnis ziemlich gleichgültig gegenübersteht, ist das eine. Noch mehr zu denken gibt indes, dass, wie Ute Scheub im Gespräch sagt, ein Backlash zu befürchten ist: Auf die Problematik angesprochen, entgegnete ihr ein leitender Beamter der Bundesregierung, er nehme das Wort «gender» schon gar nicht mehr in den Mund, aus Angst, sich lächerlich zu machen. So verpönt ist die Geschlechterthematik heute.
Und gerade deshalb ist Scheubs Buch so nötig. Auf 375 Seiten belegt sie mit Daten, Untersuchungen und Statistiken ihre Behauptung, womit sie auch zeigen kann, dass das Patriarchat nicht nur den Frauen schadet, sondern einer Gesellschaft als Ganzes. Denn: Gleichberechtigte Gesellschaften sind friedlicher. Scheub widerlegt indes gleich im zweiten Kapitel den Mythos von den Frauen als besseren, weil friedliebenderen und weniger aggressiven Menschen; sie tappt während der ganzen fünf Kapitel nie in die Klischee-Falle. Vielmehr analysiert sie anhand von Beispielen aus Afghanistan, Südafrika, dem Balkan, welche schwerwiegenden Folgen bedrohte, gekränkte Männlichkeit haben kann; dass sie dabei ein ganzes Kapitel dem Islamismus widmet, ist kein Zufall.
Weiss und heterosexuell
Scheubs These wurde letzte Woche durch ein aktuelles Beispiel bestätigt: In den USA habe sich seit dem Amtsantritt von Barack Obama die Anzahl Rechtsradikaler deutlich erhöht, war zu lesen. Der Hintergrund ist offensichtlich, der Zusammenhang ebenfalls: Der weisse Mann verliert an Terrain. Da sind nicht nur die Frauen, da sind nun auch Schwarze, Latinos, Asiaten, Homosexuelle, und sie alle drängen ins angestammte Herrschaftsgebiet des weissen, heterosexuellen Mannes. Seine Rolle als Ernährer, Beschützer, Familienoberhaupt ist nicht mehr die, die sie einst war, die Selbstverständlichkeit dahin.
Wer mit diesen Veränderungen nicht zurechtkommt, sich nutzlos fühlt, reagiert aggressiv auf den Verlust seines Hoheitsgebietes. Nicht nur in den USA: Ute Scheub präsentiert Zahlen aus Ostdeutschland, wo die Abwanderung von Frauen so gross ist, dass in gewissen Gebieten auf 100 Männer noch 75 Frauen kommen, in Extremfällen sind es noch 46 Frauen. Zurück bleiben frustrierte, von der Modernisierung abgehängte Männer, die ihre angestammte Rolle nicht mehr ausfüllen können und in einem Vakuum stecken, weil sie nicht in der Lage sind, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.
Das Patriarchat schlägt zurück
Parallel dazu steigt in jenen Gegenden der Zulauf bei rechtsradikalen Gruppierungen, deren Männlichkeit hauptsächlich durch eine komplette Ablehnung alles Weiblichen und eine Missachtung der Frau definiert wird. Da ist Mann noch wer, auch wenn er sonst nichts hat. Männliche Modernisierungsverlierer, zitiert Scheub den Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt, klammerten sich gern an überkommene Vorstellungen von Mannesehre, und das sei nicht nur bei Islamisten, sondern auch bei Hooligans der Fall.
Da passt es, dass Bushido, der deutsche Rüpelrapper, seine Fangemeinde beinahe ausschliesslich aus jungen Männern rekrutiert und ein Idol der deutschen Ghettojugend ist. Er singt von Tunten, die vergast werden sollten, und die Menge grölt mit, weil die ebenfalls zu den Verlierern gehört: Aufgewachsen in patriarchalischen Familienstrukturen, wurden diese Männer in dem Verständnis erzogen, dass die Frau dem Mann untertan ist, dass sie als Brüder die Ehre ihrer Schwester zu bewahren hätten – und jetzt werden sie von ebendiesen Schwestern überflügelt. Scheub zitiert eine Untersuchung, gemäss der besser verdienende Frauen in der Türkei zunehmend Opfer von familiärer Gewalt werden. Dasselbe gilt für türkische Migrantinnen in Deutschland. Das Patriarchat schlägt zurück.
Hass auf Frauen und Schwule
Wenn keine tauglichen Vorbilder vorhanden sind, füllt einer wie Bushido, der eine grotesk überzeichnete Männlichkeit zelebriert, Frauen und Schwule und Behinderte als minderwertig betrachtet, das Vakuum auf. Der Schweizer Männerforscher und Soziologe Walter Hollstein weist seit Jahren darauf hin, dass die fehlenden modernen Männlichkeitsvorbilder eine Gefahr darstellten, und kritisiert die Vernachlässigung und mangelnde Förderung von Buben. Dies mag Scheub nicht gelten lassen, Schuldzuweisungen an die Frauen greifen ihr zu kurz. Und sie verweist auf Zahlen aus Schweden, die belegen, dass die Lebenserwartung von Männern gestiegen ist, seitdem sich diese gemeinsam mit ihren Partnerinnen um die Kinder kümmerten.
Patriarchalische Strukturen wirken sich indes gerade umgekehrt aus. Scheub erwähnt den Krieg, der immer wieder als Verherrlichung des Männlichen diente und zeigt auf, dass auch dieser den Männern mehr schadet, als das gemeinhin erwartet würde: nicht nur dass Soldaten sterben, verstümmelt oder traumatisiert zurückkehren. Sexuelle Gewalt macht auch vor Männern nicht halt: 40 Prozent der Anklagen im Jugoslawien-Tribunal in Den Haag betrafen sexuelle Gewalt. Und zwar sexuelle Gewalt an Männern. Darüber geredet wird aber nicht; Soldaten sind Helden, keine Opfer, und erst recht nicht Opfer einer Vergewaltigung. Vielleicht erklärt dies, dass mittlerweile rund ein Viertel der Anklagen zurückgezogen worden sind.
Dass also übersteigerte Männlichkeit oder die Wut darüber, zu den Verlierern zu gehören und von den Frauen überflügelt worden zu sein, die Wahrscheinlichkeit für einen bewaffneten Konflikt erhöht, ist nicht so abwegig, wie dies auf den ersten Blick scheinen mag. Die Konfliktforscherin Mary Caprioli kam 2002 in einer Studie zu folgendem Schluss: Je mehr Ungleichheit und je mehr Gewalt innerhalb eines Staates, desto mehr drückt sich das irgendwann auch aussenpolitisch aus. Bürgerkriege sind in jenen Ländern am wahrscheinlichsten, in denen das Machtgefälle zwischen Frauen und Männer besonders gross ist, in denen eine Frau viele Kinder auf die Welt bringt und in denen wenig Frauen einer bezahlten Arbeit nachgehen.
In der Uno, schreibt Scheub, seien diese Erkenntnisse fast schon Allgemeingut. Umgesetzt würden sie dennoch nicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2010, 10:36 Uhr





