Kultur

Der Philosoph und die schweren Maschinen

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 16.07.2010 4 Kommentare

Das Handwerk ist geistig befriedigender als intellektuelle Tätigkeit. Das sagt ausgerechnet ein Philosoph. Sein Buch «Ich schraube, also bin ich» handelt vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen.

Job in einer Denkfabrik an den Nagel gehängt: Matthew B. Crawford betreibt heute eine Motorradwerkstätte.

Das Buch

Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen. Übersetzt von Stephan Gebauer. Ullstein, Berlin 2010. 303 S., ca. 30 Fr.

Mitte der 70er-Jahre, als ökologische Überlegungen noch ein Nischendasein fristeten, erschien ein Buch, das den Nerv der Zeit traf: «Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten» wurde, beflügelt von Woodstock und «Easy Rider», zur Bibel der alternativen Bewegungen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Darin kritisierte Robert M. Pirsig die durchrationalisierte Welt und forderte, romantisch verklärend, die Aufhebung des Gegensatzes von Subjekt und Objekt: «Die Rationalität ist eine so starke, alles beherrschende Triebkraft des zivilisierten Menschen, dass sie fast alles andere verdrängt hat und heute den Menschen selbst beherrscht. Das ist die Wurzel des Übels.» Viele Leser dieses Bestsellers suchten in der Folge ihr Heil fluchtartig in Indien.

Das ist lange her und das Buch inzwischen nicht mehr als ein Zeitzeugnis. Mit weniger Spiritualität, aber nicht weniger Moral nimmt Matthew B. Crawford den zivilisationskritischen Faden wieder auf. Dabei geht der 44-jährige amerikanische Philosoph, der heute eine Motorradwerkstätte betreibt, allerdings empirischer und faktennäher vor. «In Kalifornien sind seit Anfang der Achtzigerjahre drei Viertel des Handwerksunterrichts in den Highschools verschwunden», heisst es bedauernd im Einstieg zu seinem Buch «Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen».

Begreifen kommt von greifen

Ausgehend vom gesellschaftlichen Wandel – weg vom Handwerk, hin zur virtuellen Arbeit in den Büros, die durch die Computer seiner Meinung nach immer mehr zu geistlosen Fabriken werden – zeichnet Crawford ein düsteres Bild der Gegenwart. Er plädiert «für das handwerkliche Können und die darin zum Ausdruck kommende Einstellung zur von Menschenhand geschaffenen, dinglichen Welt».

Der Verlust der sinnlichen Erfahrung mit konkreter Materie führt in seinen Augen dazu, dass wir uns immer stärker von unseren Produkten entfremden und Erfüllung nur noch in manuellen Hobbys finden. Wie Pirsig tritt auch Crawford als Warner auf: Vergesst die Grundlage des menschlichen Erlebens und Erkennens nicht! Dass begreifen von greifen kommt, das hat schon der im Buch nicht zitierte Genfer Psychologe Jean Piaget mit empirischen Studien eindrücklich belegt.

Leicht und schnell zu lesen

Das Buch (Originaltitel: «Shop Class for Soulcraft») liest sich leicht und schnell, und die These an sich ist ja auch sehr sympathisch. Ob im Garten oder im Hobbyraum, das Bedürfnis, mit eigenen Händen etwas zu tun, ist weit verbreitet; mit Spiritualität oder Zen-Buddhismus hat das nichts zu tun.

Es geht schlicht und einfach um die Tatsache, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich zuerst mit seinen Sinnen in der Welt orientiert (und erst später mit seinem Intellekt). Dabei spielt das Manuelle eine wichtige Rolle. «Der Mensch ist das intelligenteste der Tiere, weil er Hände hat», hat schon der Vorsokratiker Anaxagoras erkannt, und Heidegger sprach dem hantierenden, gebrauchenden Besorgen in der Welt eine ganz eigene Erkenntnis zu.

In der Werkstatt mehr nachdenken als im Thinktank

Matthew Crawford selbst musste eines Tages feststellen, «dass in der Motorradwerkstatt mehr nachgedacht wurde als an meinem früheren Arbeitsplatz in einem Thinktank». Die Sichtbarkeit des Erfolges war sicherlich mit ein Grund für seinen radikalen Berufswechsel: Entweder fährt ein Motorrad, oder es fährt eben nicht. Eine kluge Idee hingegen sieht man nicht.

Auch wenn das Thema seines länglichen Essays durchaus zu packen vermag, mehren sich im Laufe der Lektüre die Vorbehalte. Matthew B. Crawford teilt ein Problem mit vielen populärwissenschaftlichen Autoren: Er überzeichnet die Situation und schüttet das Kind mit dem Bade aus. Nur weil er seinen angelernten Beruf als Philosoph an den Nagel gehängt hat und sich nun um das Wohlbefinden von Motorrädern kümmert, ist die Zivilisation noch nicht in Schieflage.

Gut erkannt, falsch gedeutet

Es fehlt dem Autor die reflexive Ausgewogenheit, die Richard Sennetts vor zwei Jahren erschienenes Buch «Handwerk» auszeichnet (dem seriösen Handwerker, so Sennett, gehe es darum, «eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen»). Crawford vergisst in seinem Furor, dass die meisten seiner Leser lieber sein Buch über das Reparieren von Motoren lesen (also sich intellektuell betätigen) als selbst eine Zündkerze in die Hand zu nehmen, um sie zu reinigen.

Für diese Bedenken und die daraus erwachsende Distanz zu Crawford gibt es Gründe, die weniger mit Handwerk als mit Logik zu tun haben: Die technologische Entwicklung hin zu «Les Immatériaux», wie Jean-François Lyotard seine legendäre Ausstellung im Centre Georges Pompidou 1985 nannte, ist nicht aufzuhalten. Wer diesen grundlegenden Prozess negiert, entlarvt sich als unbelehrbarer Romantiker. Dazu kommt, dass die allmähliche Ablösung der Hand- durch Kopfarbeit für viele Menschen eine historische Befreiung war.

So hat Crawford ein gesellschaftlich relevantes Phänomen – die Entstofflichung der Welt, wie Hegel sagen würde – zwar richtig erkannt, aber falsch gedeutet. Dass das Handwerk, das Crawford als die natürliche Heimat selbstbestimmten Arbeitens bezeichnet, heute nicht mehr für alle notwendig ist, sondern bloss eine Arbeitsoption unter anderen darstellt, ist ein zivilisatorischer Fortschritt, den man nicht hoch genug einschätzen kann. Gerade weil das so ist, kann ein Philosoph wieder zu einem Handwerker werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2010, 20:05 Uhr

4

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

4 Kommentare

daniel keller

16.07.2010, 09:50 Uhr
Melden

Das Buch nicht gelesen, doch ich glaube kaum, dass Crawford das Rad der Zeit zurückdrehen möchte, wie hier angedeutet. Handwerk ist leider selten chic, hat manchmal gar ein Verliererimage. Doch mehr Freizeit mit solchen Tätigkeiten zu verbringen, könnte für viele Personen ein Mehrwert sein. Die in den letzten Jahren gehäuft auftretende Thematisierung bestätigt: Handwerk wird unterschätzt. Antworten


Edith Habermann

16.07.2010, 09:30 Uhr
Melden

Woher weiss der Autor dieser Kritik, dass die meisten Leser lieber Crawfords Buch lesen, als selber an einem Motorrad schrauben? Nur weil die meisten Leser nicht schrauben können, heisst das noch lange nicht, dass, wenn sie es könnten, nicht lieber tun würden. Ich kann gut lesen und schlecht schrauben. Trotzdem ist nach dem Schrauben die Befriedigung grösser, als nach dem Lesen. Antworten