Der Polizist, der ein Hooligan war
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 21.05.2010 21 Kommentare
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Manchmal trifft Stefan Schubert auf alte Gegner wie kürzlich auf der Toilette einer Bar. Dann kommen Dialoge wie dieser zustande:
Unbekannter: «Kennst du mich noch?»
Schubert: «Nein, sollte ich?»
Unbekannter: «Du hast mich einmal verprügelt.»
Schubert: «Dann hast du es wohl verdient gehabt.»
Früher schlug Schubert in Konfrontationen zu. Ohne zu reden und ohne zu zögern. Hatte er jemanden als Gegner identifiziert, flogen die Fäuste: Ein Nasenbeinbruch hörte sich dann an wie ein «Geräusch, als würde man ein dickes Stück Holz brechen». Wenn der Schlag ins Gesicht mit voller Wucht den Schädel traf, «zerbrachen einige der 25 Knochen in der Hand wie Hähnchenflügel».
Ostwestfalen-Terror
Acht Jahre lang war Stefan Schubert Mitglied der Hooligan-Gruppierung Blue Army des Fussballvereins Arminia Bielefeld, die sich wahlweise auch Ostwestfalen-Terror nannte. Von 1988 bis 1996 fuhr er jedes Wochenende an die Spiele der Arminia, wo es fast immer knallte, wenn die Blue Army auf gegnerische Gruppierungen traf: auf unbewachten Parkplätzen und in dunklen Seitenstrassen. Oder im Stadion selber. Kameraüberwachung und Polizeipräsenz waren damals noch nicht so weit gediehen, dass sich Hooligans auf abgelegenen Feldern und Wiesen treffen mussten wie heute.
Als Stefan Schubert erstmals an einer Schlägerei teilnahm, war er 18 Jahre alt. Acht Jahre später hörte er auf. Mit der Distanz von 14 Jahren legt er jetzt ein Buch vor, dessen unzählige Episoden sich zur Geschichte eines langen Erwachsenwerdens verdichten. Schuberts Werk ist zwar ein spröder Report und sprachlich an manchen Stellen unbeholfen. Doch das Buch beschränkt sich nicht auf die (sattsam) bekannten Erzählungen von Hooligans, die durch gemeinsame Reisen, Saufgelage und Gewaltrausch zusammengehalten werden. Und die sich einen Spass daraus machen, der Polizei Schnippchen zu schlagen und den Durchschnittsbürger zu erschrecken.
Der Skandal-Polizist
Schubert war, und das ist der eigentliche Skandal, in seiner Zeit als Hooligan auch Polizist. Wer ihn anfänglich als Spitzel in Verdacht hatte, dem wurde schnell klar, dass er Hobby und Beruf trennte. Bald einmal hatte er sich den Ruf eines guten Schlägers erarbeitet und genoss deshalb den Respekt des Bosses der Blue Army, intern «Onkel» genannt. Schubert war bei fast jedem Gewaltexzess dabei, ob nach Fussballspielen, in der Stammkneipe oder auf einer Party. Ein Anlass für Schlägereien fand sich immer. «Ein wilder Haufen fleischgewordener Waffen mit durchtrainierten, tätowierten Oberkörpern war dann entsichert.»
Schubert hinterliess bei Gegnern posttraumatische Belastungsstörungen. Er wusste von Einbrüchen seiner Gangmitglieder und von deren Drogenhandel. Als Straftaten nahm er das aber nicht wahr: «In unserem Vokabular kamen Begriffe wie Krawalle oder Schlägerei gar nicht vor. Das wurde unter dem Satz ‹Ich fahre zum Fussball› subsumiert und gleichzeitig ignoriert», sagt er im Gespräch. Wer nicht über Gewalt und Verletzungen redete, musste auch nicht darüber nachdenken. So einfach sei das gewesen.
Immer Ausreden gefunden
Schubert, der heute ein Fitnesscenter in Bielefeld leitet, erschien regelmässig mit Blutergüssen oder Schürfwunden zum Polizeidienst, manchmal auch mit gebrochenen Knochen. Als Hobbyboxer und Handballspieler konnte er die Verletzungen leicht erklären. Dass sein Name allerdings in einem halben Dutzend Straf- oder Ermittlungsverfahren auftauchte, ohne von seinen Vorgesetzten bemerkt zu werden, ist für ihn auch heute noch rätselhaft. War es Unvermögen? Oder Ignoranz? Gar stillschweigende Duldung? Im Lauf der Jahre wussten jedenfalls immer mehr Kollegen Bescheid über sein Doppelleben. Schubert vermutet, dass sie ihn gewähren liessen: Weil alles andere zu viel Aufregung verursacht hätte. Weil er als Polizist einen guten Job gemacht habe.
Schuberts zwei Welten unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt: Als Hooligan war er ein Gesetzesbrecher, als Polizist stand er auf der Seite des Gesetzes. Das allein gibt dem Buch aber noch keine Spannung. Lohnenswert macht die Lektüre die allmählich einsetzende Erkenntnis, dass es sich bei Hooligans und Polizisten um Brüder im Geiste handelt. «Beide waren hierarchisch streng gegliederte Männerwelten. Eigenschaften wie Loyalität, Ehrlichkeit, Kameradschaft, bedingungsloser Einsatz und Angstüberwindung standen auf beiden Seiten im Vordergrund», schreibt Schubert.
Archaische Instinkte im Mann
Dass es sich bei ihm nicht um einen Einzelfall handelte, zeigt der jüngst hierzulande aufgedeckte Fall eines Mitarbeiters des privaten Sicherheitsdienstes Delta: Mit der Rückendeckung des Gesetzes schlug er auf Fussballfans ein, in seiner Freizeit randalierte er am 1. Mai in Zürich. Hooligans und Polizisten, so die Botschaft des Buches, haben eine ähnliche mentale Disposition: Die Rolle weckt archaische Instinkte im Mann. In Schuberts Worten: «Die Nähe zur Gewalt lag vielen Kollegen im Blut.»
Bei der Polizei erlernte er die Fähigkeit, Gewaltsituationen zu analysieren, was ihm als Krawallmacher in der Freizeit zugutekam. Und die Feindbilder, die dort aufgebaut wurden, hatte er auch als Hooligan verinnerlicht: Autonome, Rocker, Skinheads – «einfach jede Horde rivalisierender Männer waren die Gegner». Für beide Welten galt: «Meinungsverschiedenheiten werden nicht ausdiskutiert.»
«Aber verliert ja nicht»
Schubert hatte seine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz, damals für viele junge Polizisten ein erstrebenswerter Arbeitsort, als Fünftbester seines Jahrgangs abgeschlossen. Die Ausbildner hätten den Polizeianwärtern gesagt: Am Wochenende und in der Freizeit dürft ihr euch prügeln. Aber verliert ja nicht. Und lasst euch vor allem nicht erwischen!
«Diese Ansagen sogen wir zu jener Zeit begeistert auf», schreibt Schubert. Sie verfestigten eine Prägung, die er als Schüler hatte und die später seinen Werdegang als Hooligan bestimmen sollte: dass Gewalt eine Lösung ist. Auf dem Schulweg musste sich Schubert von einer Türkengang ein paar Mal verhauen lassen. Dann schloss er sich mit ein paar Jungs zu einer Gruppe zusammen, lernte boxen – und verschaffte sich schliesslich mit den Fäusten Respekt vor den Türken.
Am 5. November 1996 wurde Stefan Schubert verhaftet – ironischerweise an einem der wenigen Tage, an denen er keine Straftat begangen hatte. Minuten nach einer Schlägerei in der Bielefelder Innenstadt lief er zum «Leichengucken» am Tatort, wie Hooligans das nannten – und wurde von der Polizei aufgegriffen. Weil ein Journalist den Polizeifunk abgehört hatte, stand die Geschichte bald in allen deutschen Zeitungen.
Stefan Schubert: Gewalt ist eine Lösung. Riva, München 2010. 332 S., ca. 25 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.05.2010, 20:21 Uhr
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21 Kommentare
Wer einmal ein Spiel in Deutschland oder hier als Gast-Fan besucht hat weiss wovon hier geredet wird. Auf beiden Seiten herrschen Gruppendynamiken, man deckt sich gegenseitig und ist stets Loyal. Gewalt ist auf beiden Seiten die beste Lösung und die Polizei sucht die Eskalation meist genau so wie die die andere Seite. Nur tut sie das mit dem Wissen, dass ihr nichts geschehen kann. Antworten






