Der Shakespeare der Buben

Karl May, der Erfinder von Old Shatterhand und Hadschi Halef Omar, wird 100 Jahre nach seinem Tod nicht mehr so verschlungen wie einst. Dafür haben ihn Germanisten als Studienobjekt entdeckt.

Der Mayster: Karl May wurde erst kurz vor seinem Tod 1912 rehabilitiert.

Der Mayster: Karl May wurde erst kurz vor seinem Tod 1912 rehabilitiert.

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Karl May wurde zwar am 30. März 1912 in die ewigen Jagdgründe entrückt, aber sein Mythos lebt in allen Medien und Bildungsschichten ungebrochen fort. In seinem Geburtsort Hohenstein-Ernstthal wird er mit der Lesung «Karl May lebt» gefeiert, in Nürnberg mit einem Literaturgottesdienst, in Berlin mit einer Filmgala, in Radebeul mit der Eröffnung eines Erlebnispfads, auf Spiekeroog mit einem Liederabend.

Kaum noch gelesen

Franz Xaver Kroetz hat soeben mit «Hadschi Halef Omar im Wilden Westen» das Werk des Maysters um bisher ungekannte Abenteuer bereichert. Martin Walser hat das Idol seiner jungen Jahre natürlich auch «unter der Bettdecke mit der Taschenlampe» gelesen und beim Wiederlesen für das Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft gleich wieder Feuer gefangen.

Aber so emsig und sentimental gerührt sich ältere Blutsbrüder und grauköpfige Professoren (Frauen sind in der May-Literatur noch rarer als im Wilden Westen) über ihre erste Lese-Liebe beugen und Leben und Werk psychologisch, soziologisch, theologisch und ethnologisch ausleuchten: Wirklich gelesen wird der «Shakespeare der Jungens» (Ernst Bloch) kaum noch. Nicht zufällig wohl fielen der Beginn der May-Forschung und die Gründung der Karl-May-Gesellschaft in den 60er-Jahren mit seinem Niedergang als Volksschriftsteller zusammen. Mays Gesammelte Werke sind in 89 Bänden lückenlos ediert; aber die Generation Facebook liest, wenn überhaupt, lieber Harry Potter und «Herr der Ringe».

Der erste Popstar der Literatur

Karl May hat sich aus Schund und Schande empor ins Reich der Edelfedern gearbeitet, aber er zahlte einen hohen Preis dafür. Eine Woche vor seinem Tod war der «geborene Verbrecher» bei seinem letzten Auftritt in Wien glanzvoll rehabilitiert worden; selbst Thomas Mann würdigte ihn als «gar nicht uninteressanten Scharlatan». Aber die späte Apotheose erwies sich als Himmelfahrt zweiter Klasse. Unter den zweieinhalbtausend bewegten Zuhörern sass, so jedenfalls die Legende, auch ein erfolgloser Kunstmaler, der mit seiner May-Begeisterung später viel Unheil anrichtete. Und die wenigen Jugendlichen im Saal zeigten sich vom Testament ihres Idols enttäuscht: Sie hatten die Alte Schmetterhand sehen und hören wollen, nicht eine zweieinhalbstündige Predigt über Frieden, Freude und Edelmenschen.

Rolf Krauss beschreibt in «Karl May und die Fotografie», wie die Fan-Alben und Fotopostkarten von Dr. May im Kostüm Old Shatterhands den sächsischen Fantasten zum ersten Popstar der deutschen Literaturgeschichte machten. Die bürgerlich-repräsentativen Selbstbildnisse, die er nach dem Zusammenbruch seiner Lebenslügen auf der Orientreise 1899 in Umlauf brachte, waren deutlich weniger gefragt, und die Schnappschüsse seiner zweiten Frau Klara vom Touristen Karl May unter Palmen und Pyramiden hielt er lieber gleich unter Verschluss.

Im Karl-May-Jahr scharen sich Kenner und Liebhaber wieder zahlreich um das Lagerfeuer ihrer Jugendträume, aber der Funke springt nur noch selten über. Gerd Ueding, Rhetorikprofessor aus der Tübinger Bloch-Schule («Es gibt nur Karl May und Hegel, alles dazwischen ist eine unreine Mischung»), erinnert sich mit Wehmut seiner frühen «Karl-May-Genusstage», als die naive Freude an Exotik und Abenteuer noch der Vorschein eines «Ganz-Anders-Seins» war.

Philologische Sorgfalt und Demut

Klug und durchaus schwungvoll analysiert er May als Rhetoriker, Fantasten und Heilkünstler, seine Selbstbestrafungsstrategien und seine Erlösungsmärchen als «Medium und Triebkraft deutscher Geistesgeschichte». Uedings «Spiel sich potenzierender Spiegelungen» zwischen Old Death und Hegel, Hobble-Frank und Goethe, Nietzsche, Strindberg und Kafka ist ein Abenteuer des Geistes, aber doch mehr für bleichgesichtige Germanisten als für akademische Greenhorns.

Selbst der Karl-May-Verlag, der seine Goldnuggets früher bedenkenlos für die Jugend zurechtschliff, befleissigt sich heute philologischer Sorgfalt und Demut. Im bislang letzten Band der Grünen Reihe zeichnet Herausgeber Christoph L. Lorenz im Nachwort akribisch nach, wie der um seine moralische und literarische Reputation besorgte Autor Ellen, in «Old Firehand» (1875) noch eine seiner wenigen Frauenfiguren, in späteren Fassungen des Stoffs verwandelte – in einen Harry und den blutrünstigen Ur-Winnetou, der noch nach Indianerart auf Skalpjagd geht und Zigarrenstummel schluckt, in einen roten Heiland.

Zum Jubelfest sind gleich drei neue Karl-May-Biografien erschienen, der Comic «Karl May – Die ganze Wahrheit» nicht einmal mitgerechnet. Helmut Schmiedt, der stellvertretende Häuptling der Karl-May-Gesellschaft, dokumentiert materialreich, chronologisch, solide und nur ein bisschen spröde den Stand der Forschung und verschweigt dabei auch nicht Mays mählich sinkenden Ruhm. Als Massenphänomen werde er vielleicht bald ganz verschwunden sein; aber seinen Platz unter den Klassikern des Bildungsbürgertums hält Schmiedt für gesichert.

Vorläufer Dieter Bohlens?

Thomas Kramers May-Biografie ist nicht ganz so treffsicher, aber auch eine leidenschaftliche Liebeserklärung. Allerdings unterstreicht Kramer Mays «erstaunliche Aktualität» durch manchmal erstaunliche Aktualisierungen: So entdeckt er in ihm einen Vorläufer von Dieter Bohlen und des Dschungelcamps, ausgerechnet in seinem ungeniessbaren Kolportageschinken «Waldröschen» sein modernstes Werk und in dem toten Winnetou aus «Winnetous Erben» gar einen reitenden «Prärie-Lenin».

Rüdiger Schaper widmet dem «elektrischen Winnetou» des Spätwerks eine luzide Analyse, versteigt sich aber zu manchmal abenteuerlichen Urteilen und Parallelen. Der junge Karl May und seine erste Frau (und späterer «Dämon») Emma erinnern Schaper an Bonnie und Clyde, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi an James Camerons «Avatar». Aber auch wenn Schaper immer wieder tollkühn abschweift und manchmal sehr schnoddrig argumentiert: Mit seinem radikal subjektiven Zugriff bläst er einigen frischen Wind in die vor Ehrfurcht erstarrte Gemeinde der May-Jünger.

Gerade weil Rüdiger Schaper mit spätpubertärer Lust an der Provokation den Outlaw spielt, bleibt er dem tolldreisten Aufschneider und Hochstapler vielleicht treuer als die braven Fährtenleser auf ausgetretenen Pfaden. Wenn Karl May noch lebt, dann nicht als Experte für ökumenische Dialoge und interkulturelle Begegnungen mit bedrohten Naturvölkern und frühen Islamisten, sondern nur als Abenteurer und Ausbrecher aus dem Gefängnis aller kultur- und literaturwissenschaftlichen Zuschreibungen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2012, 17:16 Uhr

«Winnetou I», Trailer

«Old Surehand», Trailer

«Die Slavenkarawane», Trailer

Leben und Werk

Der Erfolg kam nach dem Gefängnis
Karl May wurde 1842 in Ernstthal als fünftes Kind eines armen Webers geboren. Die Ausbildung zum Lehrer musste er abbrechen, weil er wegen Unterschlagung und Diebstahls ausgeschlossen wurde. Nach weiteren Delikten musste er dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung 1874 arbeitete er als Verlags­redaktor und begann, Erzählungen zu schreiben. 1880 begann er den Orientzyklus. Ab 1892 erschienen seine «Reiseromane» in Buchform und brachten ihm erstmals finanzielle Sicherheit und Erfolg ein.

Zunehmend verwechselte er Fantasie und Wirklichkeit; so habe er die Abenteuer Old Shatterhands im «Wilden Westen» selbst erlebt. Die Leser nahmen ihm die Identifizierung damals vielfach ab. Die Schauplätze seiner Romane besuchte er erst im Nachhinein auf ausgedehnten Reisen. In seinen späten Jahren entwickelte er symbolische, allegorische und pazifistische Tendenzen. 1912 starb er. Sein Werk, das fast 100 Bände umfasst, erreichte eine Auflage von über 200 Millionen Exemplaren. (TA)

Karl May: «Im fernen Westen Bd. 89 - Gesammelte Werke», Karl-May-Verlag, 534 Seiten , ISBN: 978-3-7802-0089-1

Im fernen Westen

Helmut Schmiedt: «Karl May oder die Macht der Phantasie», C.H.Beck Verlag, 366 Seiten, ISBN: 978-3-406-62116-1

Karl May oder die Macht der Phantasie

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