Kultur

Der Umsturz war reif wie eine Frucht

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 16.04.2011 1 Kommentar

In seinem Essay lobt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun den «Arabischen Frühling». Bei den Revolutionen gehe es um die Rückeroberung der Menschenwürde.

Die Hoffnung auf das Wiedererlangen der arabischen Würde: Schriftsteller Tahar Ben Jelloun.

Die Hoffnung auf das Wiedererlangen der arabischen Würde: Schriftsteller Tahar Ben Jelloun.
Bild: Keystone

Das Buch

Tahar Ben Jelloun: Arabischer Frühling. Vom Wiedererlangen der arabischen Würde. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Berlin-Verlag, Berlin 2011. 128 S., ca. 16 Fr.

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«Eine arabische Legende besagt, dass sich alle hundert Jahre ein Mensch erhebt, sich und damit die Nation: Er ist weder Held noch Märtyrer, ein wie vom Himmel Gesandter, eine Art Laienprophet, ein klar denkender, gerechtigkeitsliebender Weiser. Er verfügt über natürliche Autorität und weiss, dass er dazu bestimmt ist, ein schlafendes Volk zu wecken, ein von einer grausamen Schicksalshaftigkeit betäubtes Volk, das in Angst und Passivität verharrt. Auf diesen Menschen wartet die arabische Welt schon lange.» Dies schrieb der in Paris lebende marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun 2003 in «Le Monde».

Einer, der sich erhoben und das schlafende Volk geweckt hat, ist der 1984 geborene Tunesier Mohamed Bouazizi. Nach dem Tod des Vaters musste er für seine Mutter und fünf Geschwister den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Gemüse verdienen. Mit seinem Karren in den engen Strassen der Kleinstadt Sidi Bouzid unterwegs, um Abnehmer für seine Ware zu finden, stiess er auf Schritt und Tritt auf korrupte Polizisten, die ihn bei der Arbeit behinderten und schikanierten, beleidigten und erniedrigten. Als auch sein Versuch, sich bei der zuständigen Behörde zu beschweren, ins Lächerliche gezogen wurde, sah Mohamed Bouazizi keinen Ausweg mehr. Am 17. Dezember 2010 übergoss er sich vor dem Rathaus mit Benzin und zündete sich an; am 4. Januar 2011 erlag er seinen schweren Verbrennungen. Sein Tod löste einen Sturm der Entrüstung aus und versetzte die Region in Unruhe.

Wenn die menschliche Würde missachtet wird

Tahar Ben Jelloun widmet Mohamed in seinem aktuellen Essay «Arabischer Frühling», der die Ereignisse bis Mitte März kommentiert, ein berührendes Porträt unter der Kapitelüberschrift «Der Funke». «Alle, die sich durch Feuer umgebracht haben, taten es vor einem öffentlichen Verwaltungsgebäude. Die Protestgeste ist klar: Ich opfere mich und prangere die Machthaber an, mich zu diesem meiner Religion und Kultur fremden Schritt getrieben zu haben.» Der Autor zeigt an diesem Einzelfall eindrücklich, wie sich die Missachtung der menschlichen Würde folgenschwer auswirken kann. Wenn sich das kollektive Empfinden im individuellen Schicksal spiegelt, kann eine solche vereinzelte Verzweiflungstat wie ein Funke überspringen und einen Brand entfachen. Die jungen Leute gingen in der Folge auf die Strasse, um die Despoten und Diktatoren zu vertreiben, die die Länder wie ihren Privatbesitz betrachteten.

Mangelnde Anerkennung

Das schmale Buch des 67-jährigen Schriftstellers handelt, so der Untertitel, «vom Wiedererlangen der arabischen Würde». Kaum entkolonialisiert, geriet das Gros der afrikanischen Staaten in die brutalen Hände von Diktatoren und Patriarchen, die unter den Augen und mit Billigung der westlichen Staaten ihre Völker unterdrückten und ausbeuteten (dass aus den besten Freunden Ghadhafis in kürzester Zeit seine grössten Feinde wurden, ist eine historische Randnotiz). Jelloun versucht zu zeigen, dass es letztlich um die Anerkennung und die Würde der Menschen geht. «In der arabischen Welt sind der Klan, die ethnische Gruppe, die Familie anerkannt, nicht aber der einzelne Mensch.» Die westlich geprägte bürgerliche Moderne, die dem Individualismus eine zentrale Bedeutung zuspricht, hat die archaischen Gesellschaften in Nordafrika erfasst. «Der Wind der Freiheit», der vom Mittelmeer her in die Wüstenstaaten weht, habe den massiven Protest der Jungen beflügelt, die aus ethisch-moralischen und nicht aus ideologischen Motiven auf die Strasse gehen. Dabei sind die neuen Werte, um die sie kämpfen, im Prinzip die alten: Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und Gleichheit. Aus diesem Grund ist es nach Jelloun eine «natürliche Revolution, die von alleine vom Baum gefallen ist wie eine reife Frucht».

Die im Westen verbreitete Befürchtung, dass die islamistischen Kräfte im Zuge dieser unkontrollierbaren Umwälzungen die Oberhand gewinnen könnten, hält Jelloun für unbegründet. «In erster Linie bedeutet diese Bewegung die Niederlage des Islamismus. Das islamistische Softwarepaket – wie es einige nennen – hat den Anschluss verpasst. Facebook, Twitter und neue Vorstellungswelten haben den einschläfernden, anachronistischen und stumpfsinnigen Diskurs des Islamismus hinweggefegt, der zu seiner Verbreitung auf das Irrationale und einen neurotischen Fanatismus setzte.» Auffällig sei es doch gewesen, dass die Demonstranten, von denen die meisten keine 30 Jahre alt seien, bei ihren Parolen weder auf den Islam noch den Koran Bezug genommen hätten (der Islamismus verdanke sein Aufblühen im Wesentlichen doch der Unterdrückung demokratischer Rechte). Diese gesellschaftspolitische Analyse teilt man eher als das Bedauern Jellouns darüber, dass die Politik nicht von den Dichtern und Denkern gemacht werde, so wie es sich die Philosophen im alten Griechenland vorstellten. Wieso sollten Schriftsteller denn weniger anfällig sein für Machtmissbrauch und Korruption?

Von den Nelken zum Jasmin

Tahar Ben Jelloun, der die Jasminrevolution weder mit der Französischen Revolution noch mit dem Fall der Berliner Mauer vergleicht, sondern mit der Nelkenrevolution, die im April 1974 Portugal grundlegend veränderte, befasst sich vor allem mit der Situation in Tunesien und Ägypten. Algerien («es wird lang und hart!»), der Jemen und Libyen werden nur auf knappem Raum behandelt. Der einzige Staat, dem Jelloun ein einigermassen gutes Zeugnis ausstellt, ist sein Heimatland. Mit der Machtübernahme von Mohammed VI. im Juli 1999 sei eine neue Ära in Marokko angebrochen. Wie in den andern afrikanischen Staaten ist und bleibe aber, so der Schriftsteller, die Korruption, welcher Mohammed VI. den Kampf angesagt hat, das grösste Problem – auch nach den so umjubelten Revolutionen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2011, 16:56 Uhr

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1 Kommentar

Christian Vontobel

16.04.2011, 21:42 Uhr
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Menschenwürde ist ein universelles Gut und wird weltweit immer bewusster und aktueller wahrgenommen und eingefordert. Die Jugend erkennt schon deutlicher, welche Herausforderungen zu bewältigen sind und verabschiedet sich von untauglichen Konzepten wie Kolonialismus, Kapitalismus, Islamismus, Fanatismus und Pessimimus. Antworten