Der brave Soldat im Ersten Weltkrieg

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 30.03.2010 3 Kommentare

Jacques Tardis neuer Comic «Elender Krieg» erzählt eine Art Splattermovie. Ein starkes Buch.

Comicstreifen wie breite Leinwände: Jacques Tardis gezeichnete Geschichtslektion «Elender Krieg».

Comicstreifen wie breite Leinwände: Jacques Tardis gezeichnete Geschichtslektion «Elender Krieg».

«Putain de guerre!» titelt das Original, das der französische Starzeichner Jacques Tardi 2008, 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, veröffentlicht hat. Die Stossrichtung ist klar: Kriegskritik ohne Wenn und Aber. Sie ist seit langem ein grosses Thema des 1946 geborenen Künstlers, der als Pionier eines neuen Realismus gefeiert wird und nichts schönzeichnet. So gilt der Band «C'était la Guerre des Tranchées» («Grabenkrieg») aus dem Jahr 1993 als Hauptwerk Tardis. Es schildert schonungslos das Grauen des Stellungskriegs, den Tardis Grossvater miterlebt hatte.

«Elender Krieg» wiederum, wie das neue Buch auf Deutsch heisst, ist eine pädagogisch aufbereitete Coverversion dieser Erzählung. Tardi hat dazu den Historiker Jean-Pierre Verney mit ins Boot geholt. Er hängt einen zwanzigseitigen Rückblick auf die Jahre 1914 bis 1916 an den Comic; Band 2 (1916–1918) folgt noch in diesem Frühjahr.

Farbe schreit uns entgegen

Was hinten in historischen Schwarzweissbildern dokumentiert wird, schreit uns vorne in Farbe entgegen – eingepackt in strenge, rechteckige Panels, die sich wie breite Leinwände über die Seite ziehen. Tardi erzählt eine Art Splattermovie. Da wird ein junger Schlosser aus Paris zum Krieg gezwungen, hat «Bammel im Bauch und Schiss in der Hose», einen schweren Tornister auf dem Rücken und zu leichte Kleider auf dem Leib. Wie überleben in der mörderischen Maschinerie? Auf der einen Seite die Deutschen in Grün mit Pickelhaube, auf der anderen die Franzosen in Blaurot mit Käppi, doch für alle gilt: «Jeder für sich und Gott gegen alle».

Tardi lässt Körperteile durch die Luft wirbeln, Explosionen reissen Köpfe ab und zertrümmern ganze Städte, Kraterlandschaften rauchen, Schützengräben verschlammen. Der brave Soldat, der seine «Feinde» mal aufspiesst, mal erschiesst, begreift langsam, «dass wir zu Bestien verkommen waren». Und alle, alle mussten mit: Inder, Senegalesen, Kanadier, die «Tommies». Sie erhielten Stahlhelme und kamen nach Verdun. «Bei Verdun konnten die Deutschen nicht trumpfen, an der Somme liess man die Briten versumpfen»: Je länger der Krieg dauert, je industrialisierter er wird, desto höhnischer und bitterer berichtet unser Held von den Schrecken der Schlachten und den Schrecken dazwischen – und desto düsterer werden die Farben, die Tardi für seine Geschichte der zwei ersten Kriegsjahre wählt. Namen, die man sonst höchstens aus dem Geschichtsunterricht kennt (wie Fort Vaux oder Douaumont), und Begriffe wie «Materialschlacht» stehen uns jetzt als brutale Bilder vor Augen. Nur das Medium Comic schafft Distanz, die Stimme des Soldaten, der sozusagen aus dem Off den Kriegsfilm kommentiert. Ein starkes Buch.

Jacques Tardi, Jean-Pierre Verney: Elender Krieg. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne, Zürich. 72 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2010, 09:07 Uhr

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3 Kommentare

ralph kocher

31.03.2010, 12:36 Uhr
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Die Frage bleibt eh im Off: Weswegen schrammt man uns nie mit den grässlichsten (realen) Bildern eines Konflikts? Wohl hätte dann Kriegsgeschehen an Legitimität verloren? Zumindest ausserhalb Krisengebieten? Diese Maschinerie, um nicht von "Markt" sprechen zu müssen, hofiert doch vorallem durch "Wunschbilder". Traumatisierte begännen nämlich zu reflektieren. Dann sie sich gewissenermassen umpolen! Antworten


Martin Mellers

30.03.2010, 17:48 Uhr
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Ich bin froh, dass Themen, die erklären, warum Europa so aussieht wie heute, nicht vergessen gehen. Ich habe mich immer schon gefragt, wie die Rechnung der kriegsteilnehmenden Soldaten ausgesehen haben mag: die Kugel aus der eigenen Heimat auf sicher, wenn ich mich weigere, oder die 2% Ueberlebenschance auf den Schlachtfeldern von Verdun, oder der Somme. Unglaublich, viele freuten sich. Antworten



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