Kultur

Die Fantasie ist der einzige Trost

Von Christine Lötscher. Aktualisiert am 14.02.2012 1 Kommentar

Rolf Lapperts Roman «Pampa Blues» erzählt von einem Jungen, der seinen Grossvater in einem tristen Kaff pflegen muss. Eine grossartige Geschichte.

Witziger, fantasievoller und pointierter Erzähler: der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert.

Witziger, fantasievoller und pointierter Erzähler: der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert.

Rolf Lappert: Pampa Blues; Hanser 2012.

Pampa Blues


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«Ich hasse mein Leben.» Rolf Lappert beginnt seinen neuen Roman mit einem harten Satz. Und einem viel versprechenden, der sich im Lauf der verrückten Geschichte in sein Gegenteil verwandeln wird. So gehört es sich auch für einen sogenannten Coming-of-Age-Roman, der die Krisenzeit des Erwachsenwerdens behandelt.

Doch der Schweizer Schriftsteller ist als Erzähler viel zu hintersinnig, als dass er den Protagonisten seines ersten Jugendromans einfach durch Erfahrung erwachsen oder sogar klug werden liesse. Es geht Lappert eher darum, die Verbindungen zwischen hochfliegenden Träumen und alltäglicher Wirklichkeit fassbar zu machen, die von Anfang an da sind – wenn auch unsichtbar für den Betroffenen.

Er lässt den 16-jährigen Ben die Tristesse seines Alltags in der ostdeutschen Pampa in einem rauen und verspielten Blues beklagen: Eintönig, aussichtslos und langweilig ist es im gottverlassenen Kaff Wingroden (ein leicht durchschaubares Anagramm von nirgendwo).

Doch wenn Ben klagt und schimpft, dann voller Witz und Fantasie, mit hellwachem Blick für die kleinen Dinge und einer Sprache, die vor Lust an den Wörtern beinahe platzt. Und schafft dann wiederum Bilder von berückender Poesie und Klarheit: «Karl steht vor mir, splitternackt. Schaum liegt auf seinen knochigen Schultern wie Schnee. Er schlottert ein wenig, dabei ist es warm im Badezimmer. Der Spiegel hat sich beschlagen, unter der Decke hängen Dampfschwaden.»

Pointensicher und lakonisch

Karl ist Bens Grossvater. Er ist Besitzer einer verwilderten Gärtnerei, dement und abhängig von der Pflege seines Enkels. Sein Sohn, Bens Vater, ist bei einem Flugzeugabsturz in Afrika tödlich verunglückt, die Schwiegertochter tourt als Jazzsängerin durch Europa. Mit Ben als Betagtenpfleger ist sie gleich zwei Probleme los, schliesslich, sagt sie sich, hätte der Junge ohnehin keine Lehrstelle gefunden.

Lapperts Ben erzählt mit einer pointensicheren Lakonie, schliesslich ist der Junge ein grosser Leser. In diesem souveränen Erzählton schwingt eine grosse Zärtlichkeit mit – sowohl für den Grossvater als auch für den kleinen Ort am Ende der Welt, wo sogar die Hunde nur mit einem ordentlichen Alkoholpegel durch den Tag kommen. So zieht uns Bens Stimme magisch in dieses öde Wingroden hinein, und wir folgen ihm auf einem Rundgang, der mindestens so schräg anmutet wie Alices Irrlauf von der rauchenden Raupe zur Teeparty des verrückten Hutmachers in Lewis Carrolls Wunderland.

Bei Rolf Lappert geht das ganz ohne Fantastik, wenn auch mit vielen Anspielungen auf Märchen: Da ist der Dorfladen mit Anna, der guten Fee, die den Kunden auch gleich noch die Haare schneidet und Karl bei jedem Besuch einen Nougatbrocken in den Mund steckt. Und Maslow, der Abenteurer, Fantast und Zauberer, immer am Aushecken von grössenwahnsinnigen Plänen für Wingroden. Gerade will er das Kaff zu einem Wallfahrtsort für UFO-Gläubige machen.

Als Besitzer der Tankstelle und des Gasthauses im Ort ist er aber auch der grosse Wohltäter, der Arbeitsplätze schafft, zum Beispiel für Jojo, der in der Tankstelle sitzt und Liebesfilme schaut.Und in der Garage bastelt Ben an seinem Traum: einen alten VW-Bus fahrtüchtig zu machen, um damit eines Tages nach Afrika abzuhauen.

Faszination für Motoren

Bens Leidenschaft gilt Motoren und Keilriemen, Kolben und Zylindern, Kurbelwellen und Pleuelstangen, denn damit kennt er sich aus. Im Gegensatz zum Gehirn seines Grossvaters. Immerhin ist die Mechanikersprache eine Werkzeugkiste, mit der sich das undurchsichtige Geschehen in Karls Kopf fassen lässt: «Ab und zu berühren sich in seinem Kopf ein paar Drähte, und eine Erinnerung blitzt auf, die jahrelang in einer Ecke verstaubt ist.»

Dadurch, dass Lappert einen Icherzähler reden lässt, der vordergründig nicht daran interessiert ist, den Geisteszustand des Alten zu ergründen, sondern mit den eigenen Träumen beschäftigt ist, entsteht durch die Hintertür ein sensibles, geradezu zärtliches Porträt des dementen alten Mannes. Wie Arno Geiger in «Der alte König in seinem Exil» oder Péter Farkas in «Acht Minuten» plädiert auch dieser Text für die Würde von Menschen, die aus der Funktionslogik des Alltags herausgefallen sind.

Bens Gefühle für den Grossvater sind kompliziert, Lapperts Darstellung differenziert und pointiert. Was Grossvater und Enkel verbindet, ist die Trauer um den toten Vater, den toten Sohn. Aber Karl ist auch schuld daran, dass Ben in Wingroden festsitzt und seine Träume sich wie im Leerlauf drehen. Erst als Lena, eine junge Frau auf Vatersuche, in Wingroden haltmacht, gewinnt Bens Blues an Dynamik, und plötzlich wird ihm klar, welche Drähte in seinem eigenen Kopf verbunden gehören.

«Pampa Blues» ist ein mitreissender Roman mit Unterströmungen, einem reichen Geflecht an Motiven, die dem Text trotz wundersamem Happy End (das man Ben noch so gerne gönnt) Abgründigkeit und Offenheit lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2012, 11:30 Uhr

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1 Kommentar

andreas furrer

14.02.2012, 13:18 Uhr
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jaja, nach afrika. warum nicht auf den mars? hauptsache das glück ist nicht da wo man ist. das glück ist die pizza die man das nächste mal bestellt (die ganze altersvorsorge funktioniert so). Antworten