Kultur

Der iSteve

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 27.10.2011 22 Kommentare

Heute erscheint die Steve-Jobs-Biografie auf Deutsch. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sie gelesen und weiss: Beim Apple-Chef war manchmal der Wurm drin.

1/23 Am 5. Oktober 2011 gestorben: Steve Jobs.
Bild: Keystone

   

Walter Isaacson: «Steve Jobs». Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers, München: C. Bertelsmann, 704 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-57010124-7. Das eBook erscheint zeitgleich.

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Als Steve Jobs vor drei Wochen starb, stürzte die Menschheit in kollektive Trauer. Barack Obama erklärte, der Apple-Chef habe die Art verändert, «wie jeder von uns die Welt sieht». Auf Facebook häuften sich «Danke Steve»- und RIP-Postings. Jeder, so schien es, hatte eine persönliche Beziehung zu Steve Jobs – was paradox ist. Denn wenig war über den Mann bekannt, persönliche Dinge hielt er wie neue Apple-Produkte streng geheim. Er war, wenn man so will, der Citizen Kane der Technologiebranche.

Heute nun erscheint die Biografie von Steve Jobs auf Deutsch. Eigentlich erst auf März 2012 geplant, wurde sie wegen Jobs' Tod vorgezogen. Geschrieben hat sie Walter Isaacson, der bereits die Leben von Albert Einstein und Benjamin Franklin zu Papier brachte. Jobs hatte den ehemaligen «Time»-Journalisten und CNN-CEO bereits 2004 gefragt, ob er seine Lebensgeschichte aufschreiben möchte. Isaacson lehnte zuerst ab, weil er dachte, Jobs sei zu jung. Später fand er heraus, dass Jobs ihn knapp vor seiner ersten Krebsoperation gefragt hatte. Ab 2009 führte Isaacson dann über 40 Interviews mit Jobs.

Erfrischendes Korrektiv zum «iGod»

Die Biografie beginnt klassisch mit den Jugendjahren Jobs', die ihn als rebellisch gegenüber seinen Zieheltern zeigen. Auch die Beziehung zu seinem leiblichen Vater wird thematisiert. Steve Jobs wurde im Februar 1955 als uneheliches Kind in San Francisco geboren und von seinen Eltern zur Adoption freigegeben. Ende der Achtziger will Jobs mehr über seine leiblichen Eltern erfahren und heuert einen Detektiv an. Der findet heraus, dass sein Vater Abdulfattah Jandali heisst und gebürtiger Syrer ist. Doch Jobs kann Jandali die Adaption nie verzeihen. Am Ende der Biografie erfahren wir, dass Jobs am Totenbett seine ganze Familie bei sich hatte – ausser dem leiblichen Vater.

Was das Buch süffig macht, ist die Tatsache, dass Jobs keine Auflagen an seinen Biografen machte. Isaacson durfte mit Leuten sprechen, mit denen Jobs sich verkracht hatte. Und so zeichnet Isaacson auf rund 700 Seiten das Bild eines Mannes, der einerseits ein Genie war, andererseits aber mit seinem Streben nach Perfektion viele Leute vor den Kopf stiess. Entstanden ist so ein erfrischendes Korrektiv zum «iGod». Jobs sei von Dämonen besessen gewesen, schreibt Isaacson mehrmals. Andere drücken sich weniger poetisch aus: Er sei ein schrecklicher Chef gewesen, aufbrausend, undiplomatisch, gemein, mit einem erstaunlichen Repertoire an Schimpfwörtern – wobei «verdammtes schwanzloses Arschloch» sein bevorzugtes war. Seine Freundinnen betrog er – auch um Geld. Und wenn es die Situation erforderte, log er schamlos.

Was Jobs von Gates hielt

Bekannt war Jobs vor allem für seine Kreativität und Weitsicht. Ob diese auf seinen exzessiven LSD-Konsum in den 1960ern zurückzuführen ist, wie oft behauptet wird, bleibt unklar. Jobs selbst jedenfalls beschreibt diese Phase als «eine der tiefgreifendsten Erfahrungen», die er je gemacht hat. Später reiste er nach Indien und bekannte sich zum Zen-Buddhismus. Eine andere saftige Passage in der Biografie dreht sich um die Affäre zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky. Clinton fragte Jobs, wie er mit der Situation umgehen soll. Jobs antwortete: «Ich weiss nicht, ob du es getan hast, falls ja, musst du es der Öffentlichkeit erklären.» Die Leitung sei eine ganze Weile still gewesen, erzählt Jobs seinem Biografen. Kurz darauf trat Clinton vor die Presse und gestand die Affäre.

Steve Jobs' Beziehung zu prominenten Zeitgenossen wird generell viel Platz eingeräumt. Wir erfahren, dass er «sprachlos» war, als er Bob Dylan traf. Mick Jagger beschrieb er als «high» oder «hirngestört». Bill Gates ist ein «fantasieloser Ideenklauer», während Mark Zuckerberg schon besser wegkommt: «wenigstens kein Abzocker». Das ist unterhaltend und berührend, genauso wie sein Verhältnis zu seiner unehelichen Tochter, die er trotz eines DNA-Tests lange nicht anerkannte. Später in seinem Leben kämpfte er dafür umso mehr um ihre Liebe.

Kein besonders visionärer Ingenieur

Steves Jobs Biografie ist wie ein Apple-Produkt: klar und elegant – stellenweise aber auch von der eigenen Wichtigkeit entzückt. Die Kapitel sind mit Begriffen wie «Ikarus», «Prometheus» oder «Die Wiederkunft» überschrieben. Wobei Letzteres zur fast schon religiösen Anbetung von Jobs durch Apple-Fans passt.

Weshalb Steve Jobs so viele Macken hatte, was hinter der Fassade steckte, vermag Isaacson jedoch nur begrenztaufzuzeigen. Zwar beschreibt das Buch ausführlich, wie die Apple-Produkte die Welt veränderten respektive wie Jobs sie der Welt anzudrehen wusste. Doch spätestens in der Mitte hat man verstanden, dass der Amerikaner kein besonders visionärer Ingenieur war, sondern ein begnadeter Verkäufer. Einer, der spürte, was die Leute wollen, bevor sie es selber wussten. Doch die Persönlichkeit Jobs' bleibt ein Rätsel. Wie wurde aus dem Zen-Buddhisten der erfolgreichste Materialist unserer Zeit? Wie konnte er sich für die Hacker-Gemeinschaft begeistern und gleichzeitig seine eigenen Produkte derart aggressiv schützen? Vielleicht, weil er es mit Gadgets besser konnte, als mit Menschen. Aber diese Antwort bleibt Steve Jobs' letztes Geheimnis. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2011, 00:05 Uhr

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22 Kommentare

Bernhard Vontobel

27.10.2011, 08:51 Uhr
Melden 11 Empfehlung

God? Irgendwie schon ein bisschen anmassend! Nein, ich bin nicht Gott-gläubig, aber das Wort suggeriert etwas, was Steve Jobs garantiert nicht war. Antworten


Felix Eichmann

27.10.2011, 10:01 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Wozniak war das Computer-Genie, Jobs, mit seiner Liebe zum Detail, Feel, Look (dank seiner spirituellen Seite), eine treibende Kraft. Er sagt im Buch: "Picasso hat einen Spruch - 'gute Künstler kopieren, grossartige Künstler stehlen' - und wir waren immer schamlos beim klauen von grossartigen Ideen". Was ironisch ist, wenn man bedenkt, wie Apple gegen Samsung vorgeht. Doppelmoral, Heuchelei. Antworten