Kultur

Die Blumenkinder des Bösen

Erstmals erscheint das legendäre Buch «Helter Skelter» über die bestialischen Morde der «Manson Family» von 1969 auf Deutsch. Der minutiöse Bericht erhellt die dunkle Seite der Gegenkultur.

1/11 Sektenführer, Mörder: Charles Manson auf dem Weg ins Gericht 1969.
Bild: Keystone

   

Buch

Vincent Bugliosi/Curt Gentry: Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson. Riva-Verlag. 747 S., Fr. 37.90.

«Es war so ruhig, sollte später eine der Mörderinnen sagen, dass man meinen konnte, in den Häusern weit unten im Canyon das Eis in den Cocktailshakern klirren zu hören.» Es war die Ruhe vor dem Gemetzel. Es war der Tag, notierte später die Schriftstellerin Joan Didion, als die Sechzigerjahre abrupt endeten. Der 9. August 1969 in diesem «summer of love» – eine Woche später ging das Woodstock-Festival über die Bühne – war in Los Angeles ein brütend heisser Tag unter der Smog-Glocke gewesen. Abends gegen 22 Uhr verschafften sich drei junge Frauen und ein Mann in den Hügeln über der Stadt Zutritt zum Grundstück 10050 Cielo Drive, das der Regisseur Roman Polanski und seine hochschwangere Frau Sharon Tate gemietet hatten.

Polanski selber weilte zu diesem Zeitpunkt für Dreharbeiten in London, im Haus befanden sich seine Frau, ein polnischer Freund und dessen Partnerin sowie der ehemalige Verlobte von Sharon Tate, der Prominentenfriseur Jay Sebring. Sie alle überlebten das «menschliche Schlachthaus» nicht, in das sich das Haus in den nächsten Stunden verwandeln sollte. Erschossen wurde auch ein junger Mann, der gerade im Begriff war wegzufahren. Er hatte einen Bekannten im Gartenhäuschen besucht, der – zuerst der Hauptverdächtige – von den Schreien und Schüssen nichts mitbekam, weil er die ganze Nacht Musik hörte. Als die grässlich zugerichteten Leichen am folgenden Tag von der schwarzen Haushaltshilfe gefunden wurden, stand mit dem Blut von Sharon Tate – so stellte sich später heraus – das Wort «Pig» an die Haustür geschrieben.

In der Nacht darauf starb in einem anderen Stadtteil von Los Angeles unter ähnlichen Vorzeichen ein weisses Mittelstandsehepaar. Obwohl auch dort mit dem Blut der Opfer Worte wie «death to pigs» oder «healter skelter» (falsch geschrieben) an Wände und Türen geschmiert worden waren, sahen die Ermittler zunächst keine Verbindung zwischen den beiden Verbrechen.

Gnomenhafter «Menschensohn»

In Los Angeles brach Panik aus, die Medien mutmassten in den grellsten Farben über mögliche Drogenexzesse und Orgien bei den prominenten Opfern. Polanskis düstere Filme «Repulsion» und «Cul-de-Sac» erschienen plötzlich in einem anderen Licht, Hollywoodstars wie Steve McQueen schliefen mit dem Revolver unter dem Kopfkissen, Partys wurden kurzerhand abgesagt, Sicherheitsfirmen erlebten eine unverhoffte Blütephase.

Den Mördern kamen die Ermittler eher zufällig auf die Spur, als die Bewohner einer verwahrlosten Ranch im – sinnigerweise – Death Valley wegen Diebstahls und anderen kleineren Delikten Besuch von der Polizei erhielten. So geriet der Anführer dieser bizarren Sekte, der damals 35-jährige, nur 1,58 Meter grosse Charles Manson alias «Man’s Son, Jesus Christus, Gott» ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Der bekennende Hitler-Bewunderer mit dem starren Blick und dem Jesus-Look, der am liebsten in der Wüste mit gestohlenen Strandbuggys Rommels Wüstenschlachten im Zweiten Weltkrieg nachstellte, war als Einbrecher, Zuhälter und Autodieb längst aktenkundig. Aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, war er früh straffällig geworden und hatte sein halbes Leben in Jugendanstalten und Gefängnissen verbracht.

«Jetzt wird die Welt auf uns hören»

Als Charles Manson im Frühling 1967 entlassen wurde – bis zuletzt hatte er die Behörden gebeten, ihn weiter in seiner Zelle zu lassen –, ging er nach San Francisco und gründete im Hippie-Viertel Haight-Ashbury seine «Family», die auf dem Höhepunkt bis zu 100 Mitglieder zählte. Der charismatische Manson, der seine Getreuen durch gezielte Isolation, sexuelle Hörigkeit, LSD-Trips und Indoktrination gefügig zu machen verstand, war beseelt von einer göttlichen Mission: «Helter Skelter». Eine seiner langhaarigen Jüngerinnen, die alle wie verträumte Hippie-Mädchen wirkten, meist aus bürgerlichen Familien stammten, ständig lächelten und Lieder sangen, prahlte im Gefängnis gegenüber einer Mitgefangenen mit den «Tate-Morden».

Susan Atkins, so der Name der vergangenes Jahr im Gefängnis an Krebs verstorbenen Manson-Gefolgsfrau, sagte über das Töten: «Je öfter du es machst, desto besser gefällt es dir.» Nach den Morden habe sie sich «mit mir selbst im Reinen» gefühlt, denn sie habe gewusst: «Das ist erst der Anfang von Helter Skelter. Jetzt wird die Welt auf uns hören.»

Das Lied «Helter Skelter» (auf Deutsch so viel wie: holterdiepolter) von den Beatles, 1968 auf dem «Weissen Album» erschienen, bezeichnet eine steile, spiralförmige Rutschbahn im Vergnügungspark. Der glühende Beatles-Bewunderer Manson glaubte eine unterschwellige Botschaft von den «vier Engeln der Apokalypse» aus Liverpool zu vernehmen.

Seinen Getreuen prophezeite er einen unmittelbar bevorstehenden Rassenkrieg zwischen Schwarzen und Weissen. Die Schwarzen würden zwar siegreich aus dieser Schlacht hervorgehen, aus Unfähigkeit jedoch kapitulieren und sich ihrem Führer – Charles Manson – freiwillig unterwerfen. Als jedoch «Helter Skelter» im Sommer 1969 auf sich warten liess, wollte Manson die Eskalation provozieren und befahl deshalb die Morde an verhassten Mitgliedern des dekadenten Establishments, «um den dummen Schwarzen zu zeigen, wie man Weisse tötet». Bis zu seiner Inthronisierung als «König der Welt» hätte er mit einer Schar Auserwählter in der kalifornischen Wüste ausgeharrt, ausgestattet mit genügend Vorräten und Waffen.

Hakenkreuz auf der Stirn

Vierzig Jahre nach diesen verstörenden Ereignissen, in deren Verlauf die Liebesbotschaft der Blumenkinder aufs Entsetzlichste pervertiert wurde, lässt sich die Reise der «Manson Family» in den Wahnsinn erstmals auf Deutsch nachlesen. (Der kleine Münchner Riva-Verlag hätte allerdings auf das billig-reisserische Cover mit Imitationen von Blutspritzern verzichten können.) Das über 700 Seiten dicke, die Morde und deren Hintergründe sowie die Ermittlungen und den Prozessverlauf akribisch rekonstruierende Werk von Vincent Bugliosi erschien in den USA bereits 1974. Der ehemals leitende Staatsanwalt im Prozess gegen die Mitglieder der «Manson Family» arbeitete zwei Jahre seines Lebens («100 Arbeitsstunden pro Woche») fast rund um die Uhr an dem Fall. Das Buch, das er zusammen mit dem Journalisten Curt Gentry schrieb und das auch als Vorlage für zwei Filme diente, verkaufte sich bis heute rund sieben Millionen Mal – es ist damit das erfolgreichste Buch, das jemals über ein «true crime» verfasst worden ist.

Am 29. März 1971 wurden Manson, der die Morde in Auftrag gegeben hatte, die drei Frauen und ein weiterer Haupttäter zum Tod in der Gaskammer verurteilt. Später wurden die Strafen in lebenslange Haft umgewandelt. Noch heute sitzt der 75-Jährige, seit einigen Jahren mit einem in die Stirn eingeritzten Hakenkreuz, im kalifornischen Staatsgefängnis von Corcoran. Auch die anderen Haupttäter sind immer noch inhaftiert.

In gewissen rechtsradikalen Kreisen wird Manson bis heute als «Märtyrer» der weissen Rasse verehrt. Gegenüber Vincent Bugliosi, der mit Beharrlichkeit und List hinter das Wahnsystem des selbst ernannten Messias kam, hat Manson während des Prozesses oft «Morddrohungen» ausgesprochen; gleichzeitig bot er dem «fähigen» Staatsanwalt während eines Gesprächs einmal die Vizepräsidentschaft an in einer künftigen Diktatur mit ihm, Charles Manson, an der Spitze.

Das Kind von Roman Polanski und Sharon Tate – man gab ihm den Namen Richard Paul – wäre übrigens ein gesunder Junge gewesen. (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2010, 09:38 Uhr

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4 Kommentare

Anna Fritz

07.09.2010, 19:04 Uhr
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@ Hr. Wegmüller: ein zweites Leben gibt es nicht! Zum Glück sieht das Justiz meistens auch so. Antworten


Lilo Barthod-Malat

07.09.2010, 16:18 Uhr
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Es ist immer wieder bedrückend und schockierend, über diese Taten zu lesen. Dass es in den USA nach wie vor Menschen gibt, die Manson in Schutz nehmen, ist gerade in der heutigen Zeit bezeichnend. Es ist traurig. Antworten


Klaus Werner wegmüller

07.09.2010, 13:53 Uhr
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Philosophie u. Sinn der Todesstrafe: Durch das Hinrichten wird erreicht, dass dieser Mensch nicht weiter nach unten sinken kann durch seine schlechten Taten..Er wird also sein Leben verlieren, und bei der nächsten Wiedergeburt kann er sich wieder bewähren..Und kriegt somit eine neue Change.Also ist die Todesstrafe ein gute Sache für den abgefallenen Siehe. Bibel, Vhedische Schriften,usw. Antworten


Peter Weber

07.09.2010, 12:54 Uhr
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Falscher Titel! Das waren keine "Blumenkinder", sondern religiös/ideologisch verblendete Irre., während gleichzeitig in Vietnam andere US-Irre als "Vorbilder" Massenmord, Massenvergewaltigung usw. betrieben und irre Russen und Chinesen Gulags betrieben, zT. noch heute. Diese Bilder passen schon eher zu jener Zeit und es ist zu befürchten, dass solche Männergeschichten wieder neu aufleben. Antworten



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