Die Erde steht am Abgrund, aber Rettung ist möglich
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 11.02.2009 2 Kommentare
Ein paar europäische Gutmenschen, die zur Arbeit radeln, sind nicht genug. (Bild: Keystone)
In Darfur tobt der Krieg, und in Maryland blühen die Narzissen schon im Januar. Die Malediven gehen unter, und in Montana kann man keine Forellen mehr angeln. Katastrophe und scheinbare Kleinigkeit sind untrennbar miteinander verbunden im globalen Dorf – und Thomas L. Friedman, dreifacher Pulitzer-Preisträger und Starkolumnist der «New York Times», erklärt warum: in seiner neuen, umfassenden Studie «Was zu tun ist».
Der amerikanische Bestsellerautor ist um den Erdball gereist und überall auf die Folgen der Umweltverschmutzung gestossen. Seine vielen Daten diskutiert er im Detail; und er erklärt die politischen Zusammenhänge, die ein Umdenken verhindern oder überhaupt erst zu den desolaten Zuständen geführt haben. Seine Theorien kennt man zwar aus den 70er-Jahren, aber das fast schon überreiche Datenmaterial ist topaktuell. Friedmans Diagnose lautet: Die Welt ist heiss, flach und überbevölkert. Sie leidet unter der wachsenden Nachfrage nach knapper werdenden Energie- und Rohstoffressourcen, dem Transfer von Reichtum zu den «Petrodiktaturen» wie Saudiarabien, dem Klimawandel, einer neuen Armut und unter dem Aussterben von Pflanzen- und Tierarten – alle 20 Minuten trifft es eine.
In seinem letzten Buch «The World Is Flat» (2005) hatte Friedman die Globalisierung noch als grossen Gleichmacher, als Einebner von Unterschieden gefeiert, und das Internet als neoliberales Instrument, das der Hausfrau in Hinterindien die gleichen Chancen einräumt wie dem Manager in Manhattan. Jetzt korrigiert er seine Einschätzung in dem Band «Was zu tun ist», dessen Originaltitel lautet: «Hot, Flat and Crowded» (2008). Das Zusammenwirken von globaler Erwärmung, globaler Einebnung und globalem Bevölkerungswachstum hat, so Friedman, zum «Zeitalter der Energie und des Klimas» geführt. Auf 550 Seiten beschreibt er, wie gerade die Globalisierung, die Entwicklungsländern erfreulicherweise eine wachsende Mittelschicht beschere, die Welt aus den Fugen gebracht habe – und wie diese zu retten wäre.
Ein Katalog radikaler Massnahmen
«Heute breiten sich überall in der Welt Amerikaner aus – von Kalkutta bis Casablanca und Kairo», schreibt Friedman. Nach aktuellen Prognosen wird die Weltbevölkerung von 3 Milliarden im Jahr 1950 auf 9 Milliarden im Jahr 2050 steigen – von denen etwa 3 Milliarden mehr oder weniger amerikanische Verbrauchsmuster und CO2-Fussabdrücke haben. Dabei entsteht eine CO2-Konzentration, die das menschliche Leben auf der Erde gefährdet. Von 1990 bis 1999 wuchsen die weltweiten CO2-Emissionen um 1,1 Prozent pro Jahr, von 2000 bis 2006 jährlich über 3 Prozent. Und auch nach konservativen Schätzungen werden die Emissionen weiter zunehmen. Man muss daher im 21. Jahrhundert von einer Erderwärmung zwischen 3 und 5 Grad ausgehen. Doch für das Gleichgewicht der Natur bedeutet es, wie Friedman unterstreicht, einen riesigen Unterschied, ob es 3 oder 5 Grad sind.
Die explodierende Nutzung von fossilen Energien wie Öl sei zudem eine Ursache für die rasante Islamisierung. Wer seine Bevölkerung mit sprudelnden Geldquellen aus dem Westen ruhig stellen und sich die Massnahmen zur Indoktrinierung leisten kann, werde sich weder um Demokratie noch um technische Innovation bemühen. «Wenn der Ölpreis steigt, sinken die Chancen der Freiheit», heisst Friedmans «1. Gesetz der Petropolitik».
Die Erdöleinnahmen Saudiarabiens lagen 2007 bei 170 Milliarden Dollar, und der Einfluss dieser ultrakonservativen Petro- diktatur auf die umliegenden Länder war laut Friedman immens. Durch die Energieeinkäufe finanziere der Westen nicht nur die Saudi-Diktatur, sondern indirekt auch die al-Qaida und den Islamischen Jihad. Buttons wie «Osama liebt deinen Geländewagen» zeigen, dass der US-Bevölkerung der fatale Zusammenhang sehr wohl bewusst ist. Noch aber bleibt es bei der Kritik.
Thomas L. Friedman jedoch will mehr. Der Journalist, der früher für seine neoliberale Haltung angegriffen wurde (und für seine anfängliche Zustimmung zum Irak-Krieg), tritt nun, im Hauptteil seines neuen Buches, als ein Verfechter von Regulierung auf. Er verlangt nichts weniger als eine «grüne Revolution», einen «Code Green», und ein machtvolles US-Energieministerium, das diesen Namen verdient. Ein paar europäische Gutmenschen, die zur Arbeit radeln und Energiesparlampen benutzen, seien nicht genug.
Friedman legt einen dicken Katalog radikaler Massnahmen vor, ohne die der Globus, wie er befürchtet, vor die Hunde geht. Erst wenn die Politik Richtlinien erlässt wie eine CO2-Abgabe, einen gesetzlichen Mindestanteil für erneuerbare Energie und Steueranreize, Höchstgrenzen für den CO2 und schärfere Richtwerte für den Kraftstoffverbrauch pro 100 Kilometer, erst dann stelle sich die Wirtschaft um; erst dann erhielten die kreativen Köpfe, die Garagentüftler Amerikas, die Gelegenheit, die Welt zum Nutzen aller neu zu erfinden. Und dass Amerika dafür das grösste Potenzial hat, steht für den Patrioten Friedman ausser Frage. Er ruft nach einer Art «grüner Microsoft-Revolution» unter der Führung der USA. «Wir segeln wieder auf der Mayflower.»
Hoffen auf eine Führerfigur
Er schildert ein Leben, in dem intelligente Maschinen in unserem Haushalt ständig den Stromverbrauch messen und minimieren und ein grosser Teil des Stroms aus sauberer Energie kommt. Die Autos fahren nicht mit Benzin, die Grundlagenforschung wird staatlich gestützt. Ziel ist «ein Ökosystem erneuerbarer Energie zur innovativen Erzeugung sauberen Stroms, zur Verbesserung der Energieeffizienz und der Rohstoffproduktivität und zum Schutz der Umwelt, das billiger ist als die wahren Kosten der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas».
Friedman zählt viele Beispiele aktueller, kluger Produkte auf, von den sparsamen Lokomotiven bis zu den Hybridtaxis in New York. Seine eigene Villa verfügt über eine Erdwärmepumpe und Solarmodule. Dass seine Hoffnung auf eine starke amerikanische Führerfigur für europäische Ohren etwas befremdlich klingt – wie auch seine Deutung von Weltpolitik: der grosse Feind ist der ölgestützte «Wüstenislam» –, lässt man ihm durchgehen. Denn eines ist Thomas L. Friedman ganz bestimmt: ein akribischer Rechercheur und ein Meister des stichhaltigen Beispiels.
Thomas L. Friedman: Was zu tun ist. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Suhrkamp, Frankfurt 2009. 543 S., ca. 46 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2009, 22:18 Uhr
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Unsere Sicht der Dinge ist getrübt durch zu starke Fokussierung auf die Umweltproblematik. Das wahre Problem sind die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe. Wir benötigen diese nicht nur für Verkehr und Heizung, sondern auch für die Lebensmittelproduktion via Düngerproduktion durch Ammoniak-Synthese. Ohne Ammoniak-Synthese könnte die Erde vermutlich nur ca. 1.5 - 2 Mia. Menschen ernähren! Antworten






