«Die Katastrophen werden sich häufen und verschlimmern»
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 18.01.2010 5 Kommentare
Am Montag und Dienstag ist Fritjof Capra jeweils Optimist, am Mittwoch und Donnerstag schon weniger.
Zur Person
Pionier des ökologischen Denkens
Am 1. Februar 1939 in Wien geboren, wuchs Fritjof Capra in Innsbruck auf. Er studierte Physik in Wien, Paris, Santa Cruz und London. Danach lehrte er in Berkeley, wo er auch heute noch lebt. Bekannt geworden ist er mit seinem Buch «Das Tao der Physik» (1977), in dem er Physik und Mystik verband. In «Wendezeit» (1983) plädierte er für ein vernetztes ökologisches Denken.
In den frühen 80er-Jahren musste man Ihre Bücher gelesen haben, wollte man sich die Aussichten als Bewerber auf ein WG-Zimmer nicht verderben. Heute ist es still geworden um Sie.
Im deutschsprachigen Raum mag das zutreffen, in den USA und in Asien, aber auch in Italien sind meine Bücher nach wie vor im Gespräch. Der Fischer-Verlag ist schuld daran, dass dies hier nicht der Fall ist. Im Unterschied zu meinem früheren Verlag, dem Scherz-Verlag in Bern, kümmert man sich in Frankfurt nicht mehr um mein Werk.
Nur «Das Tao der Physik» ist noch erhältlich, der Bestseller «Wendezeit» nicht. Schmerzt das nicht?
Doch, das tut weh. Meine alten Bücher werden nicht wieder aufgelegt, und wenn ein neues von mir in Deutschland auf den Markt kommt, legt man mir, der ich Englisch schreibe, nicht mal die Übersetzung vor. So siehts leider aus.
Sie forderten vor 30 Jahren eine gesellschaftspolitische Wende – weg von dem einseitig auf den Nutzen ausgerichteten, mechanistischen Denken hin zu einem vernetzten, nachhaltigen Denken. Ist die Welt inzwischen besser geworden?
In mancher Hinsicht ist dies in der Tat so. Heute gibt es eine wirkliche Alternative zum mechanistischen Denken. Es gibt wissenschaftlich fundierte Ideen und Werte, die sich zu einem ganzheitlich-ökologischen Weltbild verbinden. Vor 30 Jahren war dies bloss in Ansätzen vorhanden. Seither hat sich das vernetzte Denken stark verbreitet.
Das alles ist ja sehr erfreulich.
Ja, die zentrale Metapher unseres Weltbildes hat sich gewandelt: Hat man früher unter dem Einfluss von Newton und Descartes von der Maschine gesprochen, so spricht man heute vom Netzwerk. Das Netzwerk ist nicht nur das zentrale Organisationsmuster aller lebenden Systeme, sondern auch aller gesellschaftlichen Institutionen und Unternehmungen. Unsere Jugend, rund um die Uhr vernetzt, wächst heute in Netzwerken auf.
Gibt es denn überhaupt noch Grund zur Sorge?
Das ökologische Denken hat sich zwar ausgebreitet, in Handlungen hat es sich aber noch kaum niedergeschlagen. Politiker und Manager agieren immer noch kurzfristig: in der Politik machtorientiert, in der Wirtschaft gewinnorientiert. Dies ist den Führern in Politik und Ökonomie wichtiger als die Verantwortung der Menschheit und der Erde gegenüber. Deshalb stehen wir nach wie vor in einer schweren globalen Krise. Der stärkste Ausdruck davon ist der Klimawandel. Da wir es mit miteinander zusammenhängenden Problemen zu tun haben, kann es auch nur systemische Lösungen geben, die verschiedene Probleme zugleich lösen. Obwohl wir wissen, woran das System krankt, fehlt es an der Umsetzung – und am politischen Willen.
Tragen die Institutionen die Schuld?
Ja, diese sind erstarrt und haben einen zu kleinen Horizont. Die langfristigen Folgen unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die damit verbundene Umweltverschmutzung werden viel zu wenig beachtet. Die Katastrophen, die mit der Erwärmung des Klimas einhergehen, werden sich häufen und verschlimmern. Der Grund dafür liegt darin, dass wir schon zu viele Treibhausgase in die Atmosphäre ausgestossen haben. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen.
Bleiben Sie trotzdem optimistisch?
Ich bleibe Optimist am Montag und Dienstag, nicht so sehr am Mittwoch und Donnerstag. Die Situation ist schon sehr auf der Kippe.
Ihre Postulate sind zum Teil ja auch Wirklichkeit geworden.
Das stimmt nur hinsichtlich dessen, was ich in «Das Tao der Physik» über die Parallelen zwischen Mystik und Physik, zwischen Spiritualität und Wissenschaft geschrieben habe. Als das Buch Mitte der 70er-Jahre erschien, wurde ich belächelt. Mittlerweile sind meine Thesen breit akzeptiert.
Sie schreiben, dass der Westen von der östlichen Lebensweise lernen sollte. Heute ist es vielmehr so, dass der Osten den Westen kopiert.
Ich habe meine Einstellung auch etwas geändert. Es geht nicht so sehr um Osten oder Westen. Auch in China und Japan steht das Moderne im Vordergrund. Die Tiefenökologie des Norwegers Arne Naess sehe ich als das westliche Pendant der östlichen Spiritualität. Ein tiefes ökologisches Bewusstsein ist ein Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem grösseren Ganzen – und diese Zugehörigkeit ist das zentrale Erlebnis der Spiritualität oder Religion. Die Tiefenökologie ist eine Brücke zwischen Wissenschaft und Religion.
Eine ökologische Tiefenpsychologie?
Nein. Der Begriff setzt sich ab von einer seichten Ökologie, die die Umwelt nur als Ressourcenquelle wahrnimmt und die Tiere bloss als Nutztiere. Die Tiefenökologie bezieht die Werte nicht auf den Menschen, sondern sieht die Lebewesen als an und für sich wertvoll an. Der Mensch ist nur ein Strang in einem lebenden Gewebe. Eine solche Weltsicht entspricht am ehesten der östlichen Philosophie.
Ist die Welt weiblicher geworden?
Eher nicht. Die Welt ist nach wie vor äusserst materialistisch, und Gewalt und Krieg werden als Lösungsmittel für Probleme angesehen. Selbst Obama, der viele Qualitäten des vernetzten Denkens verkörpert, hat in Afghanistan auf militärische Lösungen gesetzt. Dieser Rückschritt in die Bush-Ära zeigt, dass das Yin-Prinzip einen schweren Stand hat gegen das dominierende, auf Ausbeutung setzende Yang-Prinzip.
Mit Fritjof Capra sprach Guido Kalberer in Luzern (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.01.2010, 10:43 Uhr
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5 Kommentare
Capra ist zwar bei uns offiziell "out", wie sein Verwandter im Geist Joachim-Ernst Berendt oder auch Erich Fromm, ihn und die andern zu lesen, bringt aber grossen und v.a. tiefen Erkenntnisgewinn. Darf man bei anderer Gelegenheit vielleicht ein vertiefendes Gespraech mit Capra lesen? Antworten
Ein äusserst wohltuender, von jeglichem Mainstreamdenken abhebender Beitrag hier, herzlichen Dank Fritjof Capra. Das weibliche Yin-Prinzip hat deshalb noch einen so schweren Stand, weil noch zuviele Yang-Energien vorhanden sind. Aber es zeichnet sich eine positive Wende ab, sind doch vermehrt weibliche Yin-Kräfte in wichtigen Machtpositionen. Ja,bitte mehr solche Beiträge und länger stehen lassen! Antworten






