Die Lust auf den Seitenhieb
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 15.10.2010 1 Kommentar
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In seinem letzten Buch «Der Koch» beschreibt der Schriftsteller Martin Suter das Wirken einer Klatschreporterin: «Das Gerücht, Staffels Frau habe die Scheidung eingereicht, welches die aus dem Salzburgischen stammende Klatschkolumnistin in der grossen Tageszeitung in ihrer immer etwas hilflos anmutenden wöchentlichen Klatschkolumne streute, deutete in diese Richtung.» Da der Schauplatz im Buch zwar nicht explizit genannt wird, aber doch sehr an Zürich erinnert, weiss der geneigte Leser sofort: Dabei kann es sich nur um Hildegard Schwaninger handeln, der aus Österreich stammenden Klatschkolumnistin des «Tages-Anzeigers». Auf Nachfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet meinte Martin Suter nach Erscheinen des Buches: «Wenn Frau Schwaninger sich angesprochen fühlt, kann ich es auch nicht ändern.»
Eine typische Antwort für einen Literaten, der eine real existierende Person in seinen Roman einbaut. Adolf Muschg beschreibt in seinem letzten Werk «Sax» einen Politiker, der Werke von Anker sammelt, einen Populisten, der gegen Europa wettert und «Keile in die Gesellschaft» schlägt. Dass es sich bei diesem «unholden Vater des Vaterlandes» um Christoph Blocher handelt, ist jedem Leser sofort klar. Trotzdem setzte Muschg bei einer Sendung auf Tele Züri die Unschuldsmiene eines Ahnungslosen auf und meinte, es handle sich um eine literarische Figur, die man nicht einfach durch die politische Figur Blocher ersetzen könne.
Von Pereira bis Köppel
In «Massimo Marini», dem neuen Immigranten-Roman von Rolf Dobelli, kommen gleich mehrere real existierende Persönlichkeiten vor – auch hier ohne Namensnennung. Zum Beispiel Alexander Pereira («der Direktor des Opernhauses mit seiner kriminell jungen Freundin»), Roger Schawinski («der braungebrannte Gründer eines lokalen Privatradios, der sich tapfer jeder Art von Älterwerden widersetzt») oder Roger Köppel («ein schlaksiger Mann um die vierzig mit lausbübischem Aussehens [...], der zu allem und jedem eine Meinung parat hatte»). Sogar sich selbst schleust Dobelli in sein Buch ein («ein Schriftsteller, der Material für einen Roman brauchte. [...] Irgendeine Immigrantenstory über mehrere Generationen soll es werden»).
Wohl würde auch Dobelli abwiegeln, es handle sich bei diesen Personen bloss um fiktive Figuren. Bei ihm ist dies auch irrelevant, die Anspielungen sind nicht bösartig, dienen einzig der Belustigung des Lesers. Anders bei Muschg oder Suter, wo die Seitenhiebe eine reale Vorgeschichte haben. Adolf Muschg und Christoph Blocher vertreten konträre politische Ansichten, die beiden bekämpfen sich seit vielen Jahren und schrecken auch vor Beleidigungen nicht zurück. Die Blocher-Episode in «Sax» kann als weiteres Kapitel in der langen Auseinandersetzung interpretiert werden. Auch bei Martin Suter ist der Schwaninger-Seitenhieb gezielt platziert. Der Schriftsteller hegt noch immer einen Groll gegen die Journalistin, weil diese sich vor Jahren angeblich Suters private Adoptionsanzeige erschlichen und diese dem «Blick» übergeben habe.
«Chronique Scandaleuse»
Gegenüber den Attacken, die in der internationalen Literatur bereits geritten wurden, sind diese Beispiele aus der aktuellen Schweizer Literatur aber bloss eine Kleinigkeit. Krassestes Beispiel aus den letzten Jahren ist Martin Walsers Werk «Tod eines Kritikers», in dem der deutsche Autor den ihm verhassten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sterben lässt. Die Fehde zwischen den beiden beschäftigte das deutschsprachige Feuilleton über Wochen.
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch Thomas Hürlimann, der Schweizer Autor schöpft seinen literarischen Stoff meist aus seiner Familiengeschichte. In «Der grosse Kater» verarbeitet er wenig schmeichelhaft den Rücktritt seines Vaters Hans Hürlimann aus dem Bundesrat, nach der Veröffentlichung von «Fräulein Stark» protestierte gar der im Buch beschriebene ehemalige Bibliothekar der St. Galler Stiftsbibliothek. Ein weiteres bekanntes Beispiel aus der Schweizer Literatur ist Hermann Burger, der in seinem letzten Schlüsselroman «Brenner» wichtige Personen aus seinem Leben erwähnt, darunter auch den Historiker Jean Rudolf von Salis (unter dem Namen Jérôme von Castelmur-Bondo).
Die Lust, Seitenhiebe zu verpassen, unter der Prämisse, dass «jegliche Ähnlichkeit mit real existierenden Personen rein zufällig» sei, hat auch den Journalismus erfasst. In der Rubrik «Chronique Scandaleuse» publizierte die «Weltwoche» einige Wochen lang Geschichten über die Zürcher Gesellschaft, mit erfunden Namen, die aber leicht realen Personen zugeordnet werden konnten – was natürlich «rein zufällig» war, wie am Ende jeder Kolumne explizit geschrieben stand. «Rein zufällig», das ist in solchen Fällen gleichbedeutend mit «ein beabsichtigter und gezielter Seitenhieb». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.10.2010, 13:36 Uhr
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1 Kommentar
Die Kunst darf grundsätzlich alles. Ich erinnere auch an Thomas Bernhards «Holzfällen». Nur sollte es nicht bei der persönlichen Auseinandersetzung bleiben. Ein Kunstwerk muss darüber hinaus Qualitäten besitzen. Der Roman von Muschg hat diese Qualitäten, indem er ein Horror-Szenario entwirft, das durchaus nicht unwahrscheinlich und damit als Möglichkeitsform von allgemeinem Interesse ist. Antworten






