«Die Pro Helvetia müsste 5 bis 6 Millionen mehr bekommen»
Von Ane Hebeisen und Christoph Lenz. Aktualisiert am 12.05.2010 7 Kommentare
Pro Helvetia
Für das Buch «Zwischen Kultur und Politik. Pro Helvetia 1939 bis 2009» haben fünf Historiker in Archiven des Bundes und anderer kulturpolitischer Akteure gekramt und die Fundstücke zu einer Abhandlung über die Selbstfindung der Pro Helvetia montiert. Entstanden ist das Bild einer Institution, die, «auf dem Granit der geistigen Landesverteidigung» erbaut, sich ihren Weg zwischen Hoch- und Volkskultur, zwischen politischen Verstrickungen und zunehmenden Ansprüchen der Kulturschaffenden gebahnt hat. Veranschaulicht wird, wie Pro Helvetia mit zunehmender Emanzipierung und Etablierung als unabhängiges Kompetenzzentrum ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Für die Autoren war dieses Freisetzen von Konflikten in der Kulturförderung ein Motor für Veränderungen, und es befruchtete die Pro Helvetia. (Verlag NZZ). (ane)
Artikel zum Thema
Die Pro Helvetia wurde 1939 gegründet. Damals ging es primär darum, die Schweizer Kultur vor dem Einfluss der Nazis zu bewahren. Wovor muss die Schweizer Kultur heute bewahrt werden?
Davor, dass sie von der Welt abgeschnitten oder konserviert wird. Es gibt, gerade in Zeiten der Krise, in der Schweiz eine Renationalisierungstendenz, diese latente Stimmung, dass es uns besser gehen würde, blieben wir unter uns. In der Kulturpolitik finde ich es wichtig, dieser Stimmung entgegenzuwirken. Deshalb denken wir, dass gerade der internationale Kulturaustausch grosszügiger ausgestattet werden sollte.
Welche Werte kann die Schweizer Kultur in die Welt senden?
Offenheit, Erneuerungskraft, Innovationskraft, Kooperationsbereitschaft und Qualitätsanspruch. Das sind Werte, die man durch die Kulturförderung manifest machen und in einer Vielzahl von Projekten realisieren kann.
Soll ein Staat in Zeiten der Globalisierung noch nationale Kulturpolitik betreiben?
Eine nationale Kulturpolitik ist sicher nicht mehr das, was sie vor 20 Jahren war, nämlich die Durchsetzung eines politischen Programms. In der Kultur gibt es heute weder ein dominantes politisches noch ein ästhetisches Programm mehr. Es geht darum, möglichst viele unterschiedliche und sich widersprechende Positionen zu fördern – und dies auf höchstmöglichem Niveau. Ziel ist es, ein Geistesleben zu haben, das Spitzenleistungen erbringt.
Das neue Kulturfördergesetz sieht vor, dass der Bundesrat der Pro Helvetia strategische Vorgaben machen soll. Kulturschaffende sehen die Freiheit der Kunst in Frage gestellt.
Der Prozess der politischen Einflussnahme ist noch gar nicht angelaufen. Derzeit arbeiten wir an der Kulturbotschaft. Da verhandeln wir mit dem Bundesamt für Kultur (BAK) über die Umsetzung der neuen Aufgaben. Erst anschliessend formuliert der Bundesrat strategische Ziele für die Stiftung, ausgehend von unseren Vorschlägen.
Wie könnten die aussehen?
Das könnten geopolitische Vorgaben sein, beispielsweise, dass die Pro Helvetia in gewissen Ländern aktiver werden soll. Es könnten aber auch bundesweite kulturpolitische Schwerpunkte sein. Wenn die Politik etwa feststellt, dass die Schweizer kaum mehr lesen, könnte sie die Pro Helvetia beauftragen, mehr Geld in die Literaturvermittlung zu stecken. Eine inhaltliche Begrenzung, sprich Zensur, ist aber qua Gesetz ausgeschlossen.
Kultur ist bei der Mehrzahl der politischen Repräsentanten primär dann ein Thema, wenn es Skandale gibt oder Sparvorschläge gemacht werden müssen. Graut Ihnen nicht vor dieser Einflussnahme?
Bei der Pro Helvetia ist einiges an Gelassenheit vorhanden. Die Politiker wissen, was sie an der Pro Helvetia haben. Eher Bauchweh bereitet uns die Frage, wo die Grenzlinie zwischen unseren Aufgaben und jenen des BAK genau verlaufen wird. Wie viele Preise soll es geben? Auch für den Nachwuchs? Hier wird es noch viele Diskussionen geben. Ausserdem will das Gesetz eine Harmonisierung der schweizerischen Kulturpolitik. Das hört sich zwar gut an, wird aber in der Umsetzung kaum zu schaffen sein. Jeder Kanton, jede Stadt betreibt eine eigene Kulturpolitik.
Die Pro Helvetia droht mit dem neuen Gesetz an Unabhängigkeit und Einfluss einzubüssen. Wo bleibt Ihr Aufschrei?
Pro Helvetia wird die Instanz sein, die die kulturpolitische Diskussion in Gang hält. Dafür haben wir in den letzten Jahren verschiedene Programme aufgegleist, etwa mit «Echos» eines zur Förderung der Volkskultur oder mit «Game–Culture» eines zur Herausforderung Computerspiel. Es wird ab 2012 hoffentlich in die Förderung einer neuen Generation von Spielen münden. Solche Schwerpunkte zu setzen, ist der grosse Vorteil unserer Autonomie, und solange wir eine Spürnase für Themen haben, die die Menschen bewegen, wird unsere Autonomie stärker werden.
Ist es wirklich die Aufgabe einer Kulturförderinstitution, Kulturschaffenden kreative Fingerzeige zu geben?
Seit es Pro Helvetia gibt, wird darüber gestritten, ob sie nur beurteilen soll, was ihr vorgelegt wird, oder ob sie Kulturpolitik mitgestalten soll. Anfangs waren die Gestalter in der Mehrzahl, es bestand kein klarer Auftrag, also begann man Radiosendungen zu entwerfen oder Kunstausstellungen zu kuratieren. Das Gesuchswesen kam spät dazu. 1970 hat die Stiftung 200 Anfragen bearbeitet, heute sind es 4000. Doch die Idee, zuweilen ein Thema in den Vordergrund zu rücken, ist deshalb nicht obsolet geworden. Es geht nicht um einen Fingerzeig an die Kulturschaffenden; die wissen, was sie tun. Es geht darum, immer wieder zu hinterfragen, ob wir das Richtige tun, und darum, die Organisation weiterzuentwickeln. Die Nutzniesser der aktuellen Förderpolitik sind selten daran interessiert, dass sich etwas ändert. Also muss Pro Helvetia diese selbstkritische Funktion selber übernehmen.
Wie viel von der heutigen Pro Helvetia wird bei Inkrafttreten des neuen Kulturförderungsgesetzes in zwei Jahren noch übrig bleiben?
Der Stiftungsrat wird verkleinert und allein für strategische Fragen zuständig sein, dafür gibt es eine zusätzliche Expertenkommission, die – ähnlich wie eine Bundeskommission – empfehlende Kompetenzen hat. Die Entscheide fällt die Geschäftsstelle.
Konkret heisst das, dass das Management an Einfluss gewinnt und die Kulturexperten nur noch Empfehlungen abgeben dürfen.
Der Einfluss des Stiftungsrats beschränkt sich auf Strategien und Grossprojekte. An Einfluss gewinnt die Geschäftsstelle, das ist wahr; sie wird aus den Empfehlungen der Fachkommission die abschliessenden Entscheide ableiten. Dabei darf sie die Empfehlungen nur mit guten Gründen übergehen.
Sie haben nach dem Christoph-Büchel-Skandal angekündigt, ein Gremium zu installieren, das die Gesuche auf ihr Skandalpotenzial durchforsten soll. Ist das ein Schritt hin zur politischen Selbstzensur?
Es gibt keine interne Polizei, das ist Humbug. Wir haben die Fachgruppen des Stiftungsrates dazu aufgerufen, konfliktträchtige Dossiers an die Direktion und den Präsidenten zu leiten. Nicht, damit dort Zensur geübt wird, sondern dass die Spitze des Hauses vorbereitet ist, wenn es losgeht. Sowohl bei Hirschhorn wie bei Büchel hat es einen Aufschrei gegeben, und wir waren nicht vorbereitet.
Die Erarbeitung des neuen Gesetzes hätte Anlass sein können, die Förderungspraxis der Pro Helvetia zu überdenken. Warum wurde diese Chance vertan?
Die Chance ist noch nicht vertan. Sobald der neue Stiftungsrat 2011 designiert ist, werden wir die Grundlagenarbeit machen. Da wird auch die Gewichtung der Disziplinen eine Rolle spielen – das Förder-Portfolio wird neu zusammengesetzt. Da dürfte es einige Überraschungen geben. In der Kulturbotschaft wird bereits ein Hinweis darauf zu finden sein, dass die Pro Helvetia generell ein grösseres Augenmerk auf die populäre Kultur legen wird.
Heute frisst die Pro-Helvetia-Administration beachtliche 33 Prozent des gesamten Budgets. Wie viel wird das nach der Reform sein?
Unsere administrativen Kosten belaufen sich auf 13,1 Prozent. Weitere Aufwände der Verwaltung liegen im System. Allein das Centre Culturel Suisse in Paris kostet uns 1,4 Millionen an Löhnen und Betriebskosten, das figuriert im Revisionsbericht der Finanzkontrolle unter Administration, obwohl das dortige Personal Kulturveranstaltungen produziert. Rechnen wir alle Aussenstellen weg, läge der Kostensockel bei etwa 20 bis 13 Prozent Administration und 7 Prozent Gesuchsbeurteilung. Mit dem neuen Gesetz wird sich daran deshalb nicht viel ändern, weil die zusätzlichen Aufgaben die Einsparungen auffressen.
Sie erhoffen sich mehr Mittel. Wie kommen Sie dazu?
Wenn ich die erwähnten neuen Aufgaben – Nachwuchsförderung, Kunstvermittlung und die Biennalen – ernsthaft umsetzen möchte, ohne Abstriche am heutigen Programm, so müsste die Pro Helvetia 5 bis 6 Millionen mehr bekommen. Doch wir wissen, dass die Aussichten schlecht sind.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.05.2010, 21:51 Uhr






