«Die SVP benutzt unsere Methoden»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 07.09.2010 57 Kommentare

Seit der Minarett-Abstimmung äussern sich vermehrt Künstler zu politischen Themen, so auch Guy Krneta. Der Schriftsteller über angefeindete Intellektuelle, die SVP und das «Land der Arschlöcher».

«Von der SVP werden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf primitivste Art Ängste geschürt»: Schriftsteller Guy Krneta.

«Von der SVP werden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf primitivste Art Ängste geschürt»: Schriftsteller Guy Krneta.
Bild: Sebastian Hoppe

Zur Person

Guy Krneta ist in Bern aufgewachsen und lebt heute in Basel. Er ist Dramatiker und Spoken-Word-Autor, u.a. Mitglied von «Matterhorn Produktionen» und der Gruppe «Bern ist überall».

Krneta gehört zum Vorstand des Netzwerks Kunst + Politik, das künstlerische Aktionen und Aktivitäten zu gesellschaftspolitischen Themen initiiert und unterstützt.
www.kunst-und-politik.ch

Text von Guy Krneta zum 1. August

Land der Arschlöcher

Da wo ich lebe, gibt es viele Arschlöcher. Ich begegne ihnen jeden Tag. Sie parken mit ihren Lieferwagen auf dem Velostreifen. Sie biegen ab, ohne den Blinker zu betätigen. Sie drücken bei Gelb aufs Gaspedal. Oft haben sie ein Handy am Ohr. Wenn ich mit den Kindern am Fussgängerstreifen stehe, rast fast jedes Mal ein Arschloch vorbei. Ich erkläre den Kindern, dass sie Vortritt haben, dass es ihnen aber nichts nützt, wenn sie von einem Arschloch überfahren werden.

Viele Arschlöcher, stelle ich fest, sind Autofahrer. Viele Arschlöcher sind Männer. Viele Arschlöcher sind Handy-Besitzer. Es gibt alte Arschlöcher und junge Arschlöcher. Gelegentlich gibt es auch Frauen. Ich habe begonnen, auf die Nummernschilder zu achten. Viele Arschlöcher, stelle ich fest, wohnen nicht in der Stadt. Sie brauchen die Stadt nur um durchzurasen. Wenn jemand eine Initiative lancieren würde, die Nichtstadtbewohnern verbieten würde, in der Stadt Auto zu fahren, wäre ich der Erste, der sie unterzeichnete.

Ich habe auch begonnen, mir die Nummern zu merken. Im Netz erkundige ich mich, wie die Arschlöcher heissen. In der Stadt muss ich per Mail bei der Kantonspolizei anfragen. In ländlichen Kantonen kann ich die Nummern direkt in die Suchmaschine eingeben. Auffallend viele Arschlöcher tragen ausländische Namen. Ich frage mich, warum ausgerechnet Leute mit ausländischen Namen in meinem Land Auto fahren wie die Arschlöcher. Wenn ich im Ausland bin, denke ich, benehme ich mich auch nicht wie ein Arschloch. Ich passe mich den Sitten und Gebräuchen der Anderen an. Aber hier muss ich mich nicht den Sitten und Gebräuchen der Anderen anpassen. Hier bin ich zu Hause. Und wenn das den Arschlöchern nicht passt, sollen sie bitte gehen.

Ich finde nicht, dass Arschlöcher vom Land das Recht haben, in der Stadt meine Kinder zu überfahren. Ich finde nicht, dass Ausländer das Recht haben, meine inländischen Kinder zu überfahren. Ich finde nicht, dass Männer das Recht haben, meine Töchter zu überfahren. Ich finde nicht, dass Handy-Besitzer das Recht haben, Auto zu fahren. Mögen mich die Anderen deswegen für ein Arschloch halten. Zu Hause ist da, wo ich das Recht habe, ein Arschloch zu sein.

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Die Kulturschaffenden beginnen wieder zunehmend Pamphlete und Manifeste herauszugeben. Glauben sie, damit etwas bewirken zu können?
Es kommt natürlich darauf an, wie man vermittelt wird und wie man sich selbst vermittelt. Unsere Texte zum 1. August wurden zum Beispiel vom «Tages-Anzeiger» total verrissen. Online gab es dann Kommentare von Leuten, die die Texte gar nicht gelesen hatten. Das ist erschreckend, wie die Leute auf Schlagworte reagieren. Es muss nur heissen, «Künstler machten das und das» und schon kommt eine geballte Wucht an Vorwürfen und Gehässigkeiten.

Stellen Sie eine intellektuellenfeindliche Stimmung im Land fest?
Ja, die ist vorhanden. Sie wird aber auch geschürt. Ich selbst würde mich aber nicht als Intellektuellen bezeichnen, ich bin Schriftsteller, das ist ein handfester Beruf.

Wie wird die Stimmung geschürt?
Das ist schwierig zu sagen. Doch nehmen wir zum Beispiel Adolf Muschg. Er ist zur Reizfigur geworden, vor allem bei Leuten, die noch nie etwas von ihm gelesen haben. Man reagiert auf ein bestimmtes Bild, das vermittelt wird. Was auch vergessen geht: Muschg spricht nicht für alle Schriftsteller, er kommt aus einer gewissen Generation, andere denken anders.

Weshalb aber die Intellektuellenfeindlichkeit?
Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen: Die Gesellschaft wird zerlegt, möglichst in Randgruppen, gegen die man schiessen kann. Da bietet sich die Gruppe der Künstler richtiggehend an. Es gibt viele Leute, die sich nicht vorstellen können, wie der Alltag eines Künstlers aussieht, was es zum Beispiel braucht, um einen literarischen Text zu schreiben.

Sind die Voten nicht einfach zu vorhersehbar? Ein Manifest von Intellektuellen gegen das Minarettverbot kommt etwa so überraschend wie das Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-WM.
Ich erlebe das nicht so. Von der SVP werden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf primitivste Art Ängste geschürt, und plötzlich führt man nur noch Scheindebatten. Man redet über Dinge, die völlig unwesentlich sind, wie die Minarette. Der Alltag findet aber ganz woanders statt. Die Probleme müssen da gelöst werden, wo sie sind und nicht in Scheindebatten, wie sie die SVP dauernd anheizt.

Jetzt sind Sie schon wieder beim SVP-Bashing, damit sind Sie doch genau so plakativ wie die von Ihnen angefeindete Partei.
Nein. Bei der SVP läuft alles auf ein klares Ja oder Nein heraus. In der Kunst haben wir einen anderen Anspruch. Wir wollen Raum schaffen, in dem man diskutieren kann, ohne dass es nur schwarz oder weiss gibt, ohne dass man nur sagen kann, ich bin klar dagegen oder ich bin klar dafür.

Christoph Mörgeli sagte kürzlich auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Alle Künstler sind Linke». Was hat es mit dieser Prämisse auf sich?
Mir ist es egal, wenn ich als Linker verschrien werde, mir ist auch egal, was Christoph Mörgeli sagt. Der Kabarettist Andreas Thiel ist zum Beispiel kein Linker und Oskar Freysinger ist kein Künstler, aber was solls. Was mich stört, sind diese Bürgerlichen, die seit Jahren vor der SVP den Kopf einziehen oder ihr aus taktischen Gründen nachgeben.

Das wirkungsvollste politische Votum eines Künstlers in letzter Zeit war der Text von Charles Lewinsky nach der Minarett-Initiative. Dass dies einem Autoren gelungen ist, der von den Künstlern einst bloss belächelt wurde, spricht nicht unbedingt für die Schweizer Intellektuellen.
Das wirkungsvollste Votum in letzter Zeit ist das Phänomen Müslüm mit dem Youtube-Film...

Das ist ein lokales Phänomen im Umfeld der Berner Reitschule. Was ist mit Lewinsky?
Lewinskys Beitrag nach der Anti-Minarett-Initiative und sein Interview zum 1. August im Tages-Anzeiger haben mich sehr beeindruckt. Mit seinen Soaps konnte ich nicht viel anfangen. Dass er dann mit «Melnitz» einen ernsthaften Roman vorlegte und sich nun mit politischen Voten profiliert, darüber freue ich mich sehr.

2008 beklagte Lukas Bärfuss in einem vielbeachteten Text das «Schweigen der Denker», die darauffolgende Diskussion füllte den ganzen Kaufleuten-Saal. Jetzt schweigen die Denker nicht mehr, alle reden. Was ist passiert?
Den Vorstoss Bärfuss' fand ich damals nicht richtig. Es ist immer einfach, gegen andere zu schiessen, sie sollten etwas machen. Dieser Text hat aber mit den Anstoss gegeben, dass wir uns zusammengetan haben, und das entstanden ist, was heute das Netzwerk «Kunst und Politik» ist. Dass dieses Netzwerk richtig in Fahrt gekommen ist, hat aber auch viel mit der Minarett-Initiative zu tun. Nach der unerwartet klaren Zustimmung war uns klar, dass wir etwas verpasst hatten, dass wir schon im Vorfeld hätten aktiv werden müssen. Vielleicht war es auch das Zeichenhafte dieser Initiative, was uns irritierte. Die Leute wollten ein Zeichen setzen. Die SVP hat also etwas gemacht, was sonst die Kunst macht – das Spiel mit den Zeichen ist eigentlich Sache der Kunst.

Die Minarett-Initiative war also ein Kunstprojekt?
Ja. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die Initiative hat realpolitische Folgen. Als Performance wäre die Initiative durchaus in Ordnung gewesen.

Auf den 1. August haben Sie einen Text unter dem Titel «Land der Arschlöcher» (siehe Box oben links) geschrieben. Wurde die Satire als solche erkannt?
Es stand vielerorts, dass ich die Schweizer als Arschlöcher beschimpfe. Es besteht nur wenig Sensibilität für Ironie, das musste ich einmal mehr feststellen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2010, 14:04 Uhr

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57 Kommentare

Kerstin Schädler

07.09.2010, 14:20 Uhr
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Da kritisiert er die angeblich so primitive Art der SVP und gleichzeitig meint er, sein Text in dem er das Wort "Arschloch" in all seinen Formen verwendet, sei lesenswert. Ich hoffe, dass sich die SVP weiterhin Tabuthemen aufs Tapet bringt. Aber sicher nicht in einer so primitiven Form wie Guy Krneta seine Meinung publik macht. Antworten


Werner Graf

07.09.2010, 18:55 Uhr
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In der Form von Sprache kann man sich anschliessend über diesen INPUT " Kunst" auszutauschen, schweigen geniessen oder auch befreien. Kunst ist doof - Kunst ist arrogant - Solche Sätze sind wie Instantpulver, ohne Nährwert aber auch Teil des Gesprächs und gehören zum Prozess dazu, Sinn dahinter ist vielleicht einfach nur das, was jeder individuell einzigartig erfahren Kein richtig oder falsch Antworten



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