Die Schönheit des kaputten Kindes

Helene Hegemann ist 17 und hat ein Buch geschrieben, das alle toll finden wollen. Was steckt dahinter?

Helene Hegemann hat eigentlich ein Buch über sich geschrieben. Vielen hält sie damit aber einen Spiegel vor.

Edgar Herbst

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Eine Schockwelle der Begeisterung geht durch Deutschland: «Ein literarischer Kugelblitz», rief «Die Zeit». Und durch die Schweiz: So toll sei «Axolotl Roadkill» von der 17-jährigen Helene Hegemann, «dass ein Kritiker von Verstand in die Knie gehen muss vor diesem Roman», schrieb die «Basler Zeitung». Kugelblitz wie Kniefall wurden erstaunlicherweise in beiden Fällen von reiferen Damen gewährt. Die jungen Kritiker sind «Axolotl» sowieso verfallen. Die erste Auflage war nach wenigen Tagen vergriffen.

Aber wieso? Das Buch ist nämlich überhaupt nicht gut und gar kein Lesegenuss. Es ist das altkluge, pseudophilosophische, monologische Gekotze der Hauptfigur, einer 16-jährigen Göre in Berlin namens Mifti, die zwischen Partys, Drogenexzessen, Elternhass und bescheuerten Kreativszenis hin und her pendelt. Es ist, als hätte da eine heftig Pubertierende «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» verschlungen und noch ein bisschen Foucault und Agamben gelesen und beschlossen, daraus einen Roman zu basteln. Es ist ein delirierendes Imponiergehabe, vor dem man weiss Gott nicht in die Knie gehen muss.

Vor mittlerweile 11 Jahren sorgte ein damals ebenfalls 17-jähriges Wunderkind für einen ähnlichen Aufruhr; es war Benjamin Lebert mit seinem Roman «Crazy». Schon Lebert wurde mit dem jungen Büchner verglichen, schon damals konnte man sagen: völlig übertrieben, aber wirklich eine hübsch erzählte, berührende Geschichte. Helene Hegemann aber will weder berühren noch erzählen, nur wüten, rotzen und kotzen.

Der Vater, das Superhirn

Man darf sich deshalb ruhig einmal fragen: Wie kommt es, dass um «Axolotl» eine derart hymnische Stimmung herrscht wie sonst nur um einen Fussballklub? Was alles brauchte es dazu? Und worin liegt das eigentlich Überwältigende am Phänomen Helene Hegemann? Oder gibt es das gar nicht?

Fangen wir dort an, wo die junge Erfolgsautorin herkommt, nämlich in der Berliner Intellektuellen-Bohème. Man könnte nämlich behaupten, dass Helene Hegemann genau so schreibt, wie ihr Vater redet. Ihr Vater ist Carl Hegemann, einst Chefdramaturg der Berliner Volksbühne, dem Publikum nicht sonderlich bekannt, da ein Dramaturg ja nicht der Regisseur und nicht der Schauspielstar ist, sondern der kluge Kopf im Hintergrund einer Inszenierung. Hegemann arbeitete für Frank Castorf, für Christoph Schlingensief, für Männer also mit monströsen Visionen, und gilt «als einer der führenden Intellektuellen Berlins» («Die Zeit»). Auch in Zürich hat er mitgewirkt, etwa bei Schlingensiefs «Hamlet», aber auch - ganz untypisch, da weder männlich noch monströs - bei Barbara Weber («Die Lears», «Baby Jane»).

Der Wahnsinn im Herzen

Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter zog die 13-jährige Helene Hegemann von Bochum nach Berlin zum Vater, lebte in der Volksbühnen-Kantine, beobachtete die Schauspieler, die Regisseure, lernte Schlingensief kennen und René Pollesch (mit dem sie gerade einen Film dreht), lernte deren theoriegesättigte Reden kennen, die - so ist es anzunehmen - mit dem Reden des Vaters verschmolzen.

Nie ist es so einfach wie in der Pubertät, die perfekte Nachahmung eines Diskurses oder eines Vorbilds selbst herzustellen. Das Selbstbewusstsein und der Mut zum Leiden sind gleichermassen ungeheuer, man hat die Hormone im Kopf und den Wahnsinn im Herzen. Und man kann eine Pose so lange und so betörend reproduzieren, bis es zu viel wird und man sie automatisch wieder erbricht. Selbstfindung in der Pubertät ist gewissermassen eine anhaltende Bulimie halb garer Haltungen und Gefühle. Man kann in einem Monat versuchen, Elfriede Jelinek zu imitieren und im nächsten dann Christoph Schlingensief. Je extremer und exzessiver, desto leichter fällt es einem. Für ein Publikum ist es verblüffend, gut muss es deswegen noch lange nicht sein. Denn ob man das dann auch verstanden hat, ist ganz egal.

Und vielleicht gilt das ja auch für den eigenen Vater. Man braucht bloss ein wenig in Carl Hegemanns Programmtexten zu «Baby Jane» zu lesen oder sich an «Die Lears» zu erinnern, um die Grundtextur von Helene Hegemanns Roman zu erkennen: Familie ist immer Hassliebe und Terror und Wahnsinn, steht da. «Plädoyer für die unglückliche Liebe» heisst eine von Carl Hegemanns Textsammlungen, «Erniedrigung geniessen» einer der Bände aus der von ihm herausgegebenen Reihe «Kapitalismus und Depression».

Eine verblüffende Treffsicherheit

Und wäre ihr Vater nicht dieses Theaterszene-Vorzeigesuperhirn, so hätte Helene Hegemann niemals für ihren Erstlingsfilm «Torpedo» vor zwei Jahren so tolle Theaterschauspieler wie Jule Böwe, Caroline Peters oder Lars Eidinger («Alle Anderen») zum Herumspielen bekommen. Sie hätte nicht eine enthusiastische Reaktionswelle im deutschen Feuilleton erhalten, keinen Max-Ophüls-Preis und wahrscheinlich auch keinen Buchvertrag. Die Geburt des Wunderkindes hätte nicht stattgefunden. So einfach sind die Zusammenhänge. Oder scheinen es zumindest.

Man kann Helene Hegemann nämlich trotz aller Familienbande und bei allem Widerwillen ihrem Buch gegenüber eine gewisse verblüffende Treffsicherheit nicht absprechen: Auf ihrer Myspace-Seite (www.myspace.com/lovelyskizze) etwa findet sich eine Galerie der kaputten Kindheiten, teils sind es gesammelte Videoclips zu Songs übers unglückliche Erwachsenwerden, teils Fotos kriegsverstümmelter Kinder, teils eigene Kurzfilme, in denen sie verkleideten Kindern Texte - über Heroin oder Musik - in den Mund legt. Diese Kurzfilme sind tatsächlich verblüffend gut, denn so erhalten die Texte einen ironischen Hallraum, den sie im Buch nicht besitzen.

Der Bodensatz der Bohème

Es scheint, als habe Helene Hegemann mit all ihren wie rasend hergestellten, ausgekotzten kleinen Werken wirklich einen wahren Kern gefunden. So etwas wie den hässlichen Bodensatz der Berliner Bohème, mit dem sich die Kinder der Generation Selbstverwirklichung herumschlagen müssen. Es ist ein Bodensatz, in dem sich alle gleichen, weil Kindheit längst nicht mehr den Kindern gehört, sondern zum Fetisch der Erwachsenen geworden ist. Das Erstaunlichste an «Axolotl» ist nämlich dies: dass hier ein Teenager schreibt, als wäre er einer jener auf dem Dancefloor hängen gebliebenen Mittdreissiger oder Anfangsvierziger. Dass er zwei Generationen kurzschliesst: diejenige des frühreifen Wunderkinds und jene der Restposten aus der spätkindlichen Infantilgesellschaft.

Man hatte schon lange befürchtet, dass es irgendwann so kommen würde und die Generation, die einmal die kokainisierte Blasiertheit der Berliner «Tristesse Royale»-Szene um Christian Kracht (heute 43) und Benjamin von Stuckrad-Barre (35) so toll gefunden hatte, als einigermassen zurückgeblieben entlarvt werden könnte. Als ewiger Axolotl, jenes Lurchwesen, das aussieht wie ein blöde lächelndes, frühvergreistes Baby. Und nun hat das ausgerechnet eine 17-Jährige getan. Hat ein Buch über sich geschrieben und vielen anderen einen Spiegel vorgehalten. Ihre Mifti ist ein Kind, das sich daranmacht, die Welt seiner Eltern zu fressen und zugleich sich selbst zu vernichten. Böse, kaltherzig, egoistisch. Mögen muss man das nicht. Lesen eigentlich auch nicht. Respektieren aber auf jeden Fall.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.02.2010, 07:42 Uhr)

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