«Die Schweiz als Vaterland hat ihn nicht interessiert»

Der Journalist Peter Rüedi legt mit «Die Ahnung vom Ganzen» die erste grosse Dürrenmatt-Biografie vor. Ein Gespräch über Dürrenmatts Aura, seinen Spott und Bücher für die einsame Hühnerfarm.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Rüedi, im November 1990 trafen Sie Friedrich Dürrenmatt während vier Nachmittagen zum Gespräch; Sie arbeiteten an einer Artikel-Serie zu seinem 70. Geburtstag. Welchen Eindruck machte Dürrenmatt auf Sie, wenige Wochen vor seinem Tod?
Im Gespräch war er vollkommen präsent, lebendig und unbekümmert. Er hielt seine Monologe, wie das immer seine Art gewesen war. Andererseits kam er mir auch müde, ja erschöpft vor. Er hatte die beiden Reden auf Havel und Gorbatschow gerade hinter sich. Man muss allerdings auch wissen, dass Dürrenmatt zeit seines Lebens an enorme Müdigkeitsanfälle gewöhnt war, seiner Zuckerkrankheit wegen – insofern war das nichts Aussergewöhnliches.

Über was haben Sie mit Dürrenmatt gesprochen?
Mit Dürrenmatt konnte man buchstäblich nur über Gott und die Welt reden, und der zweite Band der «Stoffe» war soeben erschienen. Mein Wissensstand war dannzumal leider jämmerlich, heute würde ich ihn zu ganz anderen Dingen befragen. Eine Begebenheit empfand ich damals als sehr eigenartig, rührend, ja fast verstörend, nämlich wie sehr sich Dürrenmatt bei mir für meine «Stoffe»-Rezension bedankte. Friedrich Dürrenmatt konnte ja ein guter Gastgeber und sehr herzlich sein, so sehr er sich und sein Privatleben auch abgeschottet hatte seit dem Grosserfolg mit «Der Besuch der alten Dame».

In Ihrem Buch erwähnen Sie den Ausspruch Max Frischs gegenüber einem Schauspieler: «Ach weisst du, der Fritz lebt ja eigentlich ohne sozialen Bezug.» Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen Ihrem und Frischs Eindruck?
Nun gut, mit dem «sozialen Bezug» meinte Frisch ja primär das politische Engagement. Aber auch in diesem Punkt täuschte er sich: Dürrenmatt hat sich aufs Heftigste mit politischen Fragen beschäftigt, nur eben anders als Frisch. Er hat diese Fragen jeweils in grössere historische und vor allem philosophische Zusammenhänge gestellt und nie eigentliche Tagespolitik betrieben, obschon er ja immer schnell zur Hand war mit prägnanten Formeln.

Die Frage, in welchem Verhältnis Dürrenmatt zur politischen Schweiz stand, treibt das hiesige Feuilleton ja seit Jahren um – so gestern auch Ihren Chef bei der «Weltwoche», Roger Köppel.
«Dürrenmatt und die Schweiz» ist eine berechtigte, andererseits aber auch fragwürdige Themenstellung. Insofern nämlich, als dass Dürrenmatt mit Qualitäten wie «Heimat» oder «Beheimatung» nicht die Schweiz, sondern Bern meinte. Er hat sich jederzeit als Landberner verstanden. Das Bernische war dem Schweizerischen immer übergeordnet, es war quasi sein Mutterkuchen. Die Schweiz hingegen verstand er als Zweckverband, der glücklicherweise halbwegs gut und vernünftig funktionierte. Für alles, was darüber hinausging – Rütlischwur et cetera – hatte er nur Gelächter übrig; die Schweiz als Vaterland hat ihn nicht interessiert. «Ich ziehe ungern in einen Krieg, um das Funktionieren der SBB zu verteidigen», hat er mal gesagt.

Eine Einordnung ins politische Spektrum ist also ein Ding der Unmöglichkeit.
Klar. Er war von einer Ethik des Einzelnen geprägt, die er sich während seiner Auseinandersetzung mit Kierkegaard angeeignet hat. Mit diesem Philosophen hat sich übrigens auch Frisch beschäftigt, wenn auch nie derart eingehend und ernst wie Dürrenmatt.

Und wenn man Dürrenmatt als Anarchisten bezeichnen würde?
Ja, das ist gar nicht so falsch. In seiner Jugend ist er das allein schon aus instinktiv-pubertären Gründen gewesen. «In einem Pfarrhaus kann nichts anderes als ein Rebell entstehen», so lautet ein anderer Dürrenmatt-Spruch. Und Dürrenmatts Pubertät dauerte ja aussergewöhnlich lang, sie zog sich hin bis zu seinem halbwegs seriösen Philosophie-Studium. In diesem Alter hat ein normaler Mensch seine Pubertät wohl hinter sich.

Vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass Dürrenmatt während kurzer Zeit in der nazifreundlichen Fröntler-Bewegung aktiv gewesen ist. Kann diese Verirrung noch mit der langwierigen Pubertät relativiert werden?
Unbedingt. Ich begreife ja die Attraktivität der Fragestellung: «War Dürrenmatt ein Nazi?» (lacht), aber sie ist natürlich ein Schnellschluss. Den rebellisch-pubertären Dürrenmatt haben Aussenseiter grundsätzlich interessiert – als Abgrenzung gegenüber dem väterlichen Pfarrhaus. Dazu gehörte beispielsweise auch der Zirkel um Wilhelm Stein, für Dürrenmatt eine Art Wahlvater. Besonders wichtig war zur selben Zeit Walter Jonas. Jonas war ein grosser, bis heute unterschätzter Gesamtkunstwerker, in dessen Atelier sich abends Dutzende junger Intellektueller, darunter Dürrenmatt, trafen; und Jonas war wie Stein Jude.

Dürrenmatt war ja selbst ein Gesamtkunstwerker. Er begann als Maler und Zeichner, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte, und er gab die Malerei nie ganz auf. In welcher Wechselwirkung standen bei Dürrenmatt Malerei und Literatur?
Das ist eine interessante Frage, Sie sprechen hier einen blinden Flecken meiner Biografie an. Nun, Dürrenmatt hat immer behauptet, kein Maler gewesen zu sein; er verzichtete ganz bewusst auf eine akademische Ausbildung. Er wollte sich den naiven Umgang mit der Malerei bewahren, sie stellte für ihn eine kindlich-kreative Regenerationssphäre dar. Bis kurz vor seinem Tod lag auf seinem Schreibtisch ein Zeichenblock.

Kurz vor seinem Tod haben Sie Dürrenmatt persönlich getroffen, und bis heute beschäftigen Sie sich mit ihn. Was haben Sie über sein Œuvre gelernt?
Dass alles mit allem zusammenhängt in diesem Werk. Auch Hörspiele, die heute niemand mehr kennt, kreisen um dieselben grossen Fragen – «was ist Recht und was ist Gerechtigkeit?» beispielsweise – wie in den bekannten Stücken.

Herr Rüedi, eine simple Frage zum Abschluss: Welche drei Dürrenmatt-Bücher nehmen Sie mit auf die einsame Hühnerfarm?
Definitiv die «Stoffe», dann den Prosaband «Die Stadt» und «Durcheinandertal». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.09.2011, 13:54 Uhr)

Stichworte

Peter Rüedi, «Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen», Diogenes, 960 Seiten, ISBN 978-3-257-06797-2, CHF 41.90

Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen

Peter Rüedi, Journalist der «Weltwoche», beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Dürrenmatt. (Bild: Andersmusic.ch)

Artikel zum Thema

Dürrenmatts Manuskripte ziehen von Zürich nach Bern

Das Archivmaterial des Zürcher Arche-Verlags geht im Sommer in das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) der Nationalbibliothek in Bern über. Mehr...

Warum zerstritt sich Frisch mit Dürrenmatt?

Mit Max Frisch hat sich jeder Schweizer schon einmal auseinandergesetzt. Testen Sie zum 100. Geburtstag des Schriftstellers am 15. Mai Ihre Kenntnisse seines Werdens, Wirkens und Werkes. Mehr...

Wo Einstein und Dürrenmatt einkehrten

Das Odeon feiert morgen sein 100-jähriges Bestehen. Das Jubiläum ist dem Traditionslokal einiges wert: Für einmal sind manche Getränke und Speisen zum Spottpreis zu haben. Mehr...

Vergleich

Krankenkassen Prämien

In wenigen Sekunden Prämien berechnen und sparen.

Die Welt in Bildern

Einen Liter Nagellack bitte: Ayanna Williams zeigt in London ihre 58 Zentimeter langen Fingernägel.
(Bild: Kirsty Wigglesworth) Mehr...