Die Suche nach dem richtigen Leben

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 09.09.2010

Neun Jahre nach den grandiosen «Korrekturen» ist Jonathan Franzens neuer Roman «Freiheit» erschienen. Er stellt die Frage nach dem richtigen Leben im falschen.

Liefert solides Handwerk, doch der Schuss Wahnsinn fehlt: Jonathan Franzen beschreibt in seinem neuen Roman «Freiheit» die Suche nach dem richtigen Leben.

Liefert solides Handwerk, doch der Schuss Wahnsinn fehlt: Jonathan Franzen beschreibt in seinem neuen Roman «Freiheit» die Suche nach dem richtigen Leben.
Bild: Keystone

Das Buch

Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.Aus dem Englischen von Bettina Abarbanelli und Eike Schönfeld. Rowohlt, Hamburg 2010. 730 S., ca. 38 Fr.

Gegen Ende verdichtet der Autor den gesellschaftlich-moralischen Konflikt, der den ganzen Roman bestimmt hat, noch zusätzlich: zur Parabel um den Katzenkrieg am Canterbridge-See. Dort haben sich einige Mittelschichtfamilien ihre Eigenheime gebaut – mit billigen Krediten, die ihnen, wie man weiss, bald den Hals umdrehen werden. Walter, eine der drei Hauptfiguren des Romans, engagierter Naturschützer, sucht sie auf und bittet sie freundlich, ihre Katzen im Haus zu lassen, um die Vögel der Gegend vor ihren Mordinstinkten zu bewahren.

Vor allem Linda Hoffbauer, eine rechtschaffene republikanische Familienmutter, an der Sarah Palin ihre helle Freude hätte, fühlt sich vom Ansinnen provoziert: Ihr Bobby gehört zur Familie, also kann er tun, was er will, auch Vögel töten. Als Bitten und ökologische Aufklärung (täglich werden eine Million Singvögel in den USA von Katzen umgebracht) nichts fruchten, fängt Walter den Kater kurzerhand ein und bringt ihn, drei Autostunden entfernt, in ein städtisches Tierheim. Linda besorgt daraufhin drei neue Katzen. Dieser Krieg ist für Walter nicht zu gewinnen.

Man kann nur Fehler machen

Es ist der Krieg zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen Freiheit und Verantwortungsgefühl. Jonathan Franzen hasst die Egoisten, die den Freiheitsbegriff missbrauchen; aber dass es mit dem verantwortlichen Handeln auch nicht so einfach ist, weiss er auch – und lässt es seine Personen schmerzlich erfahren. Rücksicht auf die verletzliche Schöpfung ist nur einer der Bereiche, in dem man eigentlich nur Fehler machen kann. Das zweite, ebenso fiaskoträchtige Feld ist das der familiären, freundschaftlichen und amourösen Beziehungen. Und dann überkreuzen und verheddern sich die privaten und politischen Motive auch noch, sodass, wer sich für die Gemeinschaft engagiert, schnell an seinen Kindern versündigt – und umgekehrt.

Jonathan Franzens neuer Roman mit dem schillernden, unweigerlich ironischen Titel «Freiheit» ist zwar wie sein Vorgänger, «Die Korrekturen», ein Familienroman – schon weil diese Form in wunderbarer Weise wie von selbst Kontinuität über mehrere Jahrzehnte und motivische Zusammenhänge generiert. Aber er ist auch viel mehr als das. Er stellt hartnäckig die Frage nach dem richtigen Leben. Genauer, und hier darf das zu Tode zitierte Wort Adornos einmal fallen: nach dem richtigen Leben im falschen.

Was ist das richtige Leben?

Falsch ist etwa, dass die erschöpfte und ausgeplünderte Erde jeden Monat von weiteren 13 Millionen «grossen Primaten» bevölkert wird, die Eigenheime über die Landschaft streuen, benzinfressende Autos fahren und Regenwälder roden, um methanrülpsende Rinder darauf weiden zu lassen. Die zudem Kriege führen im Namen der Freiheit, worunter das Recht auf ungebremsten Konsum und Zugang zu preisgünstigem Treibstoff zu verstehen ist. Franzen ist ein amerikanischer Autor, und das Verhalten der US-Amerikaner ist es, das er vor Augen hat und attackiert. Die selbstgerechte Mittelschicht seines Landes, sein Publikum, ist der ideologische Gegner; aber auch der europäische Leser kann sich getrost an die eigene Nase fassen.

So viel zum falschen. Was aber ist das richtige Leben? Danach sucht Walter sein ganzes, überwiegend unglückliches Leben mit heissem Bemühen. Wir lernen ihn in den späten Siebzigerjahren in einem Vorort von St. Paul, Minnesota, kennen, wo er trotz guten Einkommens selbst im Februarschnee mit dem Velo zur Arbeit fährt. Für einen Nachbarn, den Franzen zitiert (er spielt immer wieder gekonnt mit der Erzählperspektive), gehört er «zu jener Sorte hyperschuldbewusster Liberaler, die allen anderen verzeihen mussten, damit ihnen ihr eigenes Glück verziehen werden konnte».

Ein amouröses Dreieck

Dieses Glück erhält schnell kräftige Risse. Walters Ehefrau Patty wird ihn mit seinem besten Freund betrügen, dem Rockmusiker Richard, der seine etwas schurkenhafte Attraktivität in Pattys Augen der Ähnlichkeit mit dem libyschen Diktator Ghadhafi verdankt. Dabei hatte sie bewusst den sexuell weit weniger anziehenden, aber «unglaublich anständigen» Walter geheiratet, auch weil er Patty suggerieren konnte, sie sei eine interessante und vor allem liebenswerte Person. So sind wir wieder beim Falschen, das das Richtige zu sein meint: sich etwas vormachen (lassen) über sich selbst, gegen die eigene Natur handeln. (Oder auch die Kinder mit dem Gegenteil von dem beglücken, was einem die Eltern angetan haben.)

Richard, der zu seinem Egoismus steht (sein Verschleiss an Groupies ist erschreckend), weil er ohnehin ein tiefschwarzes Menschen- und Weltbild hat, sieht in seiner Treue und Anhänglichkeit an den netten Walter das letzte Verbindungsstück zum guten Teil der Menschheit. Deshalb nimmt er Patty übel, ihn schliesslich doch verführt zu haben, und gibt Walter, um der allgemeinen Verlogenheit ein Ende zu machen, das autobiografische Bekenntnis zu lesen, in dem Patty von ihrem Seitensprung und ganz allgemein von der eher lauen Begeisterung für Walter als Mann schreibt (dieses Bekenntnis bildet einen grossen Teil von Franzens mehrteiligem, raffiniert konstruiertem Roman). Ist das nun richtig oder falsch? Jedenfalls hat es explosive Folgen, wie alles, was jede Person hier in guter Absicht tut.

Faszinierendes Dreieck

Walter, Richard und Patty bilden eines der faszinierendsten Dreiecke der Literaturgeschichte: weil die beiden Männer nicht nur die klassischen Typen des «Netten» und des «interessant Verruchten» darstellen, sondern weil sie beide auf ihre Art gut sein wollen, indem sie das Glück des anderen über das eigene stellen. Dass sie daneben auch knallharte Rivalen sind – um Patty, um beruflichen Erfolg und um die stärkere Position in dieser quasi-familiären Konstellation –, macht die Verstrickung nur schlimmer. Und literarisch reizvoller.

Wie man mit richtigem oder richtig gedachtem Verhalten gesellschaftlich-ökologisch an die Wand fahren kann, muss Walter bei seinem vermeintlich grössten Coup erleben. Um mit dem Geld eines reichen Philanthropen ein Reservat für einen bedrohten Singvogel zu schaffen, den Pappelwaldsänger, lässt er sich auf einen Deal mit einem Energiekonzern ein und schanzt ihm ein riesiges Areal für den Kohletagebau frei; die dafür umzusiedelnden Familien bekommen Jobs bei einem Rüstungskonzern. Walter wird öffentlich als Ökoverbrecher gebrandmarkt. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.

Leise Enttäuschung

Jonathan Franzens Roman ist viel reicher, als es auch eine fünfmal so lange Besprechung vermitteln könnte. Er verschränkt Politisches und Privates, Gesellschaftsanalyse und Familienroman, US- und Kulturgeschichte auf eine stilistisch so virtuose Weise, wie ihm das heute kaum ein Zeitgenosse nachmacht. Dennoch bleibt nach vielen Stunden atemloser, begeisterter und bereichernder Lektüre eine leise Enttäuschung.

«Freiheit» ist brillantes Handwerk mit nur wenigen Schwächen (vernachlässigte oder unglaubhafte Figuren, ein paar Abschweifungen zu viel, eine allzu grosse Fixierung auf familiär-genetische Determinierung). Aber es ist auch ein höchst konventioneller Roman, der mit der klassischen Psychologie arbeitet und auf die vollkommene Durchleuchtbarkeit und Erklärbarkeit jeglicher Handlung, jeglicher Gefühlsregung baut. Franzen ist ein skeptischer Aufklärer, dem nichts fremd und unerklärlich bleibt und der möchte, dass es uns Lesern ebenso geht. Was diesem in der Anlage taghellen, in der Tonlage dunklen Buch fehlt, ist ein Schuss Wahnsinn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2010, 21:00 Uhr

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